Der EM-Titel vor 50 Jahren

Horst Köppel: „Ich bin ein Halb-Europameister“

Horst Köppel erinnert sich im Interview an den EM-Titel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 1972 in Brüssel.

War 1972 in Brüssel dabei: Horst Köppel vom VfB Stuttgart

© dpa/Victoria Bonn-Meuser

War 1972 in Brüssel dabei: Horst Köppel vom VfB Stuttgart

Von Dominik Ignée

Am 18. Juni 1972 gewannen die deutschen Fußballer in Brüssel mit 3:0 das EM-Finale gegen die Sowjetunion. Horst Köppel (74) gehörte dem Kader an und er lobt noch heute die gute Stimmung von damals.

Herr Köppel, Sie waren der einzige VfB-Spieler im Kader der deutschen Wundertruppe, die 1972 Fußball-Europameister wurde. Welche Erinnerungen haben Sie an den Triumph vor exakt 50 Jahren?

Ist das schon 50 Jahre her? Das ist ja unglaublich.

Schön hatte zugesagt

Am 18. Juni ist Jubiläum.

Also, nach dem Halbfinale gegen Belgien kam es nur vier Tage später zum Finale gegen die Sowjetunion. Gegen Belgien war ich nicht dabei, aber dann hat mir Bundestrainer Helmut Schön Hoffnung gemacht, dass ich im Endspiel mitmachen darf. Er hat es mir sogar zugesagt.

Gespielt haben Sie aber nicht.

Ja, und die Enttäuschung war groß, dass ich wieder nicht von Anfang an dabei war und auch nicht eingewechselt wurde. Aber es war ja damals schon richtig gut, wenn man bei so einem Großereignis zum Kader gehört hat.

In den Qualifikationsspielen standen Sie ja immerhin auf dem Platz.

Ich habe gegen die Türkei und Polen gespielt. Aber im kleinen Endturnier mit nur vier Mannschaften, das war damals der Modus, blieb ich draußen. Man kann also sagen: Ich bin Halb-Europameister, vielleicht sogar ein Dreiviertel-Europameister.

In den sauren Apfel beißen

Nein, Sie sind ein ganzer Europameister.

Da haben Sie schon recht. Es ist nur schade, wenn man in den beiden wichtigsten Spielen nicht eingesetzt wird. Aber zum Team gehören ja auch die Ersatzspieler. Ein paar Leute müssen immer in den sauren Apfel beißen – das ist auch heute noch so.

Günter Netzer, Jupp Heynckes, Gerd Müller – es war ja auch nicht leicht, in dieser Offensive einen Platz zu kriegen.

Zu der Zeit habe ich beim VfB Stuttgart im offensiven Mittelfeld gespielt, oder wenn sie so wollen als hängende Spitze, wohingegen ich in Gladbach die ersten Jahre Außenstürmer war. Tja, aber so war es eben.

Wer war der Boss im Team?

Außerhalb des Spielfelds war das wirklich eine gute Truppe, eine tolle Einheit. Hierarchien gab es nur auf dem Spielfeld, da waren natürlich Franz Beckenbauer und Günter Netzer die Chefs, denn Uli Hoeneß und Paul Breitner waren ja noch ganz jung. Und dann war natürlich auch Herbert „Hacki“ Wimmer, der doppelt so viel lief wie Günter Netzer, ein ganz wichtiger Mann.

Ramba-Zamba-Fußball

Was machte die Mannschaft so stark?

Ich erinnere mich noch gut daran, wie damals die „Bild“-Zeitung im Hinblick auf den offensiven Hurrastil dieses Teams über den „Ramba-Zamba-Fußball“ schrieb.

Damals waren im Finale sechs Bayern in der Startelf – auch heute geben die Münchner im DFB-Team den Ton an.

Ja, irgendwie ist es auch heute noch so. Es handelte sich damals um eine richtige Einheit in der Abwehr – mit Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Beckenbauer und Breitner. Dazu Uli Hoeneß und Gerd Müller in der Offensive. Es war eine Mischung aus Bayern-Spielern und Gladbachern. Die Gladbacher Wimmer, Netzer und Heynckes spielten von Anfang an, und Berti Vogts saß im Finale verletzt auf der Bank. Ein Bayern-Kader ergänzt durch Gladbacher sowie den Bremer Horst-Dieter Höttges und den Schalker Erwin Kremers – das war die Mannschaft.

Wie war die Atmosphäre neben dem Platz?

Es ging schon sehr locker zu. Helmut Schön war auch ein Trainer, der uns Spieler an der langen Leine laufen ließ. Er hat einfach nur gesagt: „Ihr wisst schon, was zu tun ist!“ Die lockere Stimmung hing natürlich auch mit Schön zusammen, der die Disziplin von den Spielern in erster Linie auf dem Spielfeld einforderte.

Mit Hacki Wimmer auf der Bude

Mit wem waren Sie im Hotelzimmer?

Mit Hacki Wimmer. Ich kam aber auch mit den anderen zurecht. Klar, wenn man Reservespieler ist, möchte man auf dem Platz stehen – aber wenn man bei diesen ganzen Namen nur dazugehört, dann ist das auch schon etwas ganz Besonderes.

Sie spielten damals beim VfB, wechselten nach Gladbach, kamen zurück nach Stuttgart, um dann wieder nach Gladbach zu gehen, wo sie zahlreiche Titel gewannen. Für welche der beiden Städte schlägt ihr Herz?

Ach, vieles spricht für Gladbach, ich bin ja auch hier geblieben. Unsere drei Kinder sind hier geboren und groß geworden. Und in Gladbach hatte ich zurzeit meiner Trainerkarriere auch mehr Möglichkeiten. In Stuttgart wäre der nächste Club der FC Bayern gewesen. Doch ich war in Uerdingen, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf und Köln beschäftigt. Das ist alles von Gladbach aus nur um die Ecke, deshalb bot es sich an, auch zu bleiben.

Schauen Sie hin und wieder in Ihrer Geburtsstadt Stuttgart vorbei?

Vor wenigen Tagen waren wir dort. Ich hatte eine Generaluntersuchung in der Uni-Klinik Tübingen. Da waren wir natürlich auch in der Landeshauptstadt. Ich habe eine Schwester in Stuttgart, und meine Frau hat zwei Brüder dort, außerdem sind wir sehr befreundet mit der Witwe meines leider verstorbenen VfB-Kameraden Klaus-Dieter Sieloff. Wir haben in Stuttgart also viele Ziele. Und Orte, an denen wir dementsprechend gut übernachten können.

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Erstellt:
18. Juni 2022, 06:10 Uhr

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