Allianz MTV Stuttgart unter Druck

Kritik an den Volleyballerinnen – führt Reibung zu neuer Energie?

Bundesligist Allianz MTV Stuttgart liegt in der Finalserie um die deutsche Meisterschaft gegen den SC Potsdam 1:2 hinten – vor Spiel vier äußern die Verantwortlichen ihren Unmut in klaren Worten.

Auch ihre Angriffsbälle landeten (zu) oft im Aus: Krystal Rivers, die Kapitänin von Allianz MTV Stuttgart

© Baumann

Auch ihre Angriffsbälle landeten (zu) oft im Aus: Krystal Rivers, die Kapitänin von Allianz MTV Stuttgart

Von Jochen Klingovsky

Frank Schuhmacher gibt den Ton an in der Scharrena. Mit Worten und Musikschnipseln gelingt es dem Hallensprecher immer wieder perfekt , bei den Heimspielen der Stuttgarter Volleyballerinnen Stimmung zu entfachen. Und er versucht sich, falls nötig, auch als Mediator. „Es ist noch nicht zu Ende“, rief er nach dem 2:3 der Stuttgarter Volleyballerinnen im dritten Spiel der Play-offs um die Meisterschaft gegen den SC Potsdam dem frustrierten Publikum zu, „wir sehen uns am Sonntag wieder.“ Das war gut gemeint. Passte aber nicht zum Klartext, der an anderer Stelle gesprochen wurde.

Im Gegensatz zu ihren Kollegen beim VfB halten die Verantwortlichen von Allianz MTV Stuttgart wenig davon, sich nach Enttäuschungen bedingungslos vor ihr Team zu stellen, den Trainer zu schützen, das Umfeld zu beruhigen. Stattdessen sagen sie offen, was sie denken, auch wenn es nicht allen gefällt – in der Hoffnung, dass aus Reibung neue Energie entsteht. „Wir müssen jetzt dringend zu unserem Niveau zurückfinden“, meinte Sportdirektorin Kim Renkema, „nur dann haben wir die Chance, doch noch den Titel zu holen.“

Geschäftsführer Aurel Irion fordert Kampfgeist

Dafür müssen die Stuttgarterinnen, die in der Finalserie 1:2 zurückliegen, zuerst an diesem Freitag (20 Uhr) in Potsdam gewinnen. Und schließlich das entscheidende fünfte Spiel am Sonntag (19.15 Uhr/beide Sport1) in der Scharrena. Das Problem: Es bleibt so gut wie keine Zeit, um aufzuarbeiten, was alles schief ging.

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Am Mittwochabend ist die Ernüchterung jedenfalls groß gewesen. Auch bei Aurel Irion. „Es ist für mich unerklärlich, wie wir zwei so schwache Heimspiele abliefern konnten. Das begeistert mich natürlich nicht“, meinte der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart, dessen Team schon zum Auftakt der Serie in eigener Halle 0:3 verloren hatte. „Es entstand bei mir nicht der Eindruck, dass von den Spielerinnen und Trainern alles versucht wurde. Mir hat gefehlt, dass bis zum letzten Ball alles gegeben und gekämpft wird – dabei ist dies das Mindeste, was das Umfeld erwarten kann und die Fans verdient haben.“

Den breiten Kader zu wenig genutzt?

Ebenso deutliche Worte wählte Kim Renkema. „Ich fand die Leistung enttäuschend, die Mannschaft hat es nicht geschafft, frei aufzuspielen“, erklärte die Sportdirektorin, „wir hatten einen Plan A mit Angriffen über Krystal Rivers und Simone Lee, aber als dieser nicht aufging, fehlte uns Plan B. Wir haben es versäumt, die Mittelblockerinnen mehr einzubeziehen, somit war es für die Potsdamerinnen zu einfach, unser Angriffsspiel zu lesen.“ Und auch die Wechseltaktik von Trainer Tore Aleksandersen hinterfragte Renkema: „Wir haben einen sehr breiten Kader, doch obwohl es nicht rund lief, wurde relativ wenig probiert.“ Warum dies nicht geschehen ist? „Diese Frage kann nur der Trainer beantworten.“ Was Tore Aleksandersen getan hat.

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Zu seiner Philosophie gehöre es, im ersten Satz nicht zu wechseln, um dem Team die Möglichkeit zu geben, seinen Rhythmus zu finden. Nach dem 15:25 hatte seine Mannschaft am Mittwoch den zweiten Durchgang 25:24 gewonnen, der dritte Satz (21:25) war bis kurz vor dem Ende offen, der vierte (25:22) wieder erfolgreich. Und der Tie-Break (9:15) viel zu schnell entschieden. Natürlich hat auch Aleksandersen gesehen, dass Simone Lee weit entfernt war von ihrer Bestform und Zuspielerin Ilka Van de Vyver nicht so souverän wirkte wie gewohnt. „Klar hätte ich mehr wechseln können. Aber es gab nicht den logischen Zeitpunkt, wann dies hätte passieren müssen. Erst recht, weil uns Simone Lee schon die ganze Saison Spiele gewinnt“, sagte der Norweger, „und es ist Quatsch, im Nachhinein über solche Dinge zu reden. Es ist mir egal, was die Leute, auch aus dem eigenen Verein, denken: Ich sehe die Spielerinnen jeden Tag im Training, ich treffe die Entscheidungen. Natürlich bin ich dabei nicht fehlerfrei. Aber der Hauptgrund für die Niederlage war ein anderer.“

Videoanalyse in Potsdam

Aleksandersen („Ich bin angepisst“) monierte die hohe Zahl an unerzwungenen Fehlern. 31 waren es, allein 20 Angriffsbälle landeten im Aus. „Wir sind eine gute Mannschaft, aber so können auch wir nicht gewinnen“, sagte er, „wir haben nicht gegen den SC Potsdam verloren, wir haben zwei Siege verschenkt.“

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Nun ist der Druck groß, eine weitere Pleite verboten. Weshalb der Trainer seinen Spielerinnen bei der Videoanalyse am Donnerstagabend in Potsdam klargemacht hat, auf was es nun ankommt: sich weniger Fehler zu erlauben, Verantwortung in kniffligen Situationen zu übernehmen, Charakter zu zeigen. Und zum 2:2 auszugleichen. Damit Frank Schuhmacher die Stimmung in der Scharrena am Sonntag noch mal richtig anheizen kann.

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Erstellt:
5. Mai 2022, 18:04 Uhr

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