Relegation

Kumpeltyp Walter gegen Feingeist Magath – wer gewinnt?

HSV-Coach Tim Walter und Hertha-Trainer Felix Magath treffen in der Relegation aufeinander. So unterschiedlich sie auch sind – sie verstehen sich prächtig. Noch!

Glaubt an die Hertha in der Relegation: Felix Magath

© dpa/Friso Gentsch

Glaubt an die Hertha in der Relegation: Felix Magath

Von Dominik Ignée

Berlin gegen Hamburg – die Relegation zwischen Erstligist Hertha BSC und Zweitligist HSV ist ein echter Leckerbissen. Da trifft die erste Fußballadresse der größten deutschen Stadt auf die der zweitgrößten, und als wäre das nicht genug, haben die Trainer Felix Magath und Tim Walter ihren Lebensmittelpunkt auch noch in der drittgrößten Stadt – in München.

Wären die beiden vergangenen Bundesliga-Spieltage anders verlaufen, hätte die Relegationspaarung auch Bielefeld gegen Darmstadt heißen können. Nun aber kommt es zum fußballerischen Big-City-Event, vor allem aber auch zum Duell zweier Trainer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist kaum vorstellbar, dass sich der schachspielende Feingeist Magath und der rustikale Kumpeltyp Walter viel zu sagen haben, aber das stimmt so nicht. Sie sind befreundet und treffen sich öfter im Münchner Café Amandines et Chocolats. Dort diskutierten sie über Fußball – bei einer Tasse heißer Schokolade und einem Marmor-Kirsch-Kuchen, dem der Gastronom zu Ehren seines Stammgastes Magath den Namen Felix gab.

Badischer Ex-Amateur

Magath gegen Walter – dieses Duell um den letzten Platz in der Bundesliga ist prickelnd. Der eine ist eine HSV-Ikone, der andere ein badischer Ex-Amateur. Unvergessen, wie Magath 1983 im Landesmeisterfinale gegen die Weltelf von Juventus Turin mit seiner linken Klebe das siegbringende 1:0 erzielte. Damals war der HSV auch dank seines Strategen eine der besten Adressen Europas. Dass Magath nun Trainer der Berliner ist und ausgerechnet gegen seinen HSV in die zweite Liga stürzen könnte, gibt dem Duell, das heute mit dem Hinspiel in Berlin beginnt (20.30 Uhr/Sat 1), eine ganz besondere Note.

Doch Magath will diese Diskussion gar nicht erst führen. „Es geht nach wie vor nicht um mich oder meine Vergangenheit mit dem HSV – es geht einzig und allein um Hertha und den Klassenverbleib“, sagt er und nimmt der Geschichte vom HSV, der seine Legende stürzen könnte, etwas krampfhaft den Wind aus den Segeln.

Der andere, Tim Walter, war als Amateurkicker beim ASV Durlach in der Verbandsliga aktiv. Blutgrätsche statt hohe Fußballkunst auf Augenhöhe mit dem Juve-Star Michel Platini – so sieht die Walter’sche Fußballwirklichkeit aus. Doch sein Aufstieg als Trainer ist der Tatsache geschuldet, dass er einer Generation angehört, in der es auch Leute wie Julian Nagelsmann oder Jürgen Klopp ganz nach oben schafften, ohne Nationalspieler gewesen zu sein. Magath, inzwischen 68 Jahre alt, gehört dagegen der alten Trainergeneration an. So alt, dass er die Spieler noch heute mit Medizinbällen quält, so wie das in den 70er Jahren der HSV-Coach Branko Zebec mit ihm selbst immer machte. Eine Methode, die mit Blick auf die moderne Trainingswissenschaft bar jeder Vernunft ist.

Das Generationenduell

Das Generationenduell ist auch eines der ganz unterschiedlichen Charaktere. Was sie eint, ist, einmal abgesehen von der Münchner Caféhaus-Leidenschaft, dass beide schon den VfB Stuttgart trainierten. Da ist Magath als unnahbarer, aber ehrgeiziger Fußballfachmann in Erinnerung, der bei Pressekonferenzen seelenruhig in seiner Teetasse rührte. Nach wohlüberlegter Pause antwortete er verschmitzt, ironisch, manchmal auch zynisch. Er war nie nah dran an den Spielern. Die wesentlichen Kabinengespräche erledigten für ihn Führungsspieler wie Krassimir Balakow. In Berlin ist heute Kevin-Prince Boateng der laute Wortführer und verlängerte Arm des Trainers.

Tim Walter ist da anders. „Ich habe überhaupt keinen Grund abzuheben, wenn es darauf ankommt, erdet mich schon meine Frau“, sagte er nach dem Last-Minute-Einzug des HSV in die Relegation. So viel Persönliches preiszugeben käme für Magath nie infrage. Im Gegensatz zu ihm ist Walter nahbar, vielleicht zu nahbar. Er redet und redet. Manchmal sind seine Thesen steil, wirken wenig durchdacht. Diese Offenheit wurde ihm, gepaart mit einer gewissen Beratungsresistenz, beim VfB zum Verhängnis.

Grenzenlos selbstbewusst

Walter gibt sich grenzenlos selbstbewusst. Emotionen spielen bei ihm eine große Rolle, egal, ob er seine Spieler umarmt oder beschimpft. Hat er mit seinem Offensivfußball wie zuletzt beim HSV Erfolg, gilt der extrovertierte Motivator als unantastbar. Bleibt der Erfolg aus, gerät der Coach in die Kritik – dann gehen selbst ihm die Argumente aus.

„Felix hat als Fußballer viel erreicht, als Trainer viel erreicht, insofern hat er in der Erfahrung mir was voraus – aber wir sind jung und hungrig, wir sind mutig“, sagt Walter vor der Relegation. Und sein Kuchenkumpel Magath, dessen Team zuletzt Rückschläge hinnehmen musste, während der HSV eine starke Serie hinlegte, der meinte nicht weniger selbstbewusst: „Wir sind gut drauf – und zeigen das noch zweimal.“

Es wird sich zeigen, wer in München bald gönnerhaft die nächste Zeche zahlt.

Glaubt an den HSV: Tim Walter

© Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Glaubt an den HSV: Tim Walter

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Erstellt:
18. Mai 2022, 16:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Mai 2022, 11:47 Uhr

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