Fußball-WM in Katar

Neymar zwischen Skandalen, Schwalben und Sternstunden

Für die einen ist er ein alberner Schauspieler, für andere ein Ausnahmespieler. An Neymar scheiden sich die Geister. Der 30-Jährige will Brasilien zum WM-Titel führen. Es wäre der erste seit 20 Jahren.

Voller Einsatz: Brasiliens Nummer 10 Neymar

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Voller Einsatz: Brasiliens Nummer 10 Neymar

Von Carsten Muth

Die Bilanz ist atemberaubend. 121 Länderspiele, 75 Tore, 55 Torvorlagen. Besser war nur der legendäre Pelé. Neymar da Silva Santos Junior, kurz Neymar, steht wie wohl kein anderer Spieler für die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft der vergangenen Jahre. Für Triumphe und Dramen. Grenzenlose Begeisterung und markerschütternde Enttäuschung. Der Fintenkönig soll das stolze Land bei der WM in Katar zum Titel führen. Es wäre der erste seit 2002, als man das deutsche Team um Keeper Oliver Kahn im Finale mit 2:0 schlug. An diesem Donnerstag (20 Uhr) geht es für die Seleçao los. Zum Auftakt wartet Serbien.

Die Erwartungen in Brasilien sind mal wieder riesig, die Kritik am Trainer traditionell auch. Nationalcoach Tite ist nicht sonderlich beliebt in seinem Land. Er hole nicht das Maximum aus seinen talentierten Spielern heraus. Und überhaupt: Die Mannschaft müsse attraktiver spielen, lauten die Vorwürfe, die man in dem südamerikanischen Land, für das nur der Titel zählt, eigentlich immer hört.

Ein Spieler, der den Unterschied auf dem Feld ausmachen kann

Einig sind sich die meisten Beobachter, dass es auf einen besonders ankommen wird: Neymar. Er kann in der Tat den Unterschied auf dem Feld ausmachen, ein Spiel von einem auf den anderen Moment durch einen Geistesblitz entscheiden.

Inzwischen ist Neymar 30. Allzu viele Möglichkeiten, den WM-Pokal in die Höhe zu strecken, hat er nicht mehr. Neymar soll in dem Wüsten-Emirat ein Team Hochbegabter anführen. Vinicius Junior (Real Madrid, 22), Antony (Manchester United, 22) und Raphinha (FC Barcelona, 25) stehen mehr oder weniger noch am Anfang ihrer Karrieren, sie schauen zu ihrer Nummer 10 auf. Schließlich hat Neymar schon vieles gewonnen und einiges mitgemacht.

2014 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land verpasste er das Halbfinale, in dem die Seleçao in einem Spiel, das wohl niemand mehr vergisst, mit 1:7 gegen den späteren Weltmeister Deutschland unterging. Eine Demütigung, von der sich das fußballverrückte Riesenland bis heute eigentlich nicht so recht erholt hat. Es folgte eine sportliche Achterbahnfahrt für die Brasilianer. Mal mit, mal ohne Neymar: 2016 feierte man, angeführt von seinem Kapitän, den Olympiasieg im heimischen Rio, 2018 beweinten die leidenschaftlichen Fans den bitteren Viertelfinal-Knock-out gegen Belgien, obwohl Neymar in dem Turnier gut drauf war und keineswegs enttäuschte. 2019 dann wieder grenzenloser Jubel: Der Gewinn der Copa América hob die Stimmung mächtig, Neymar allerdings fehlte. Er war wieder einmal verletzt.

Bei der WM will der 30-Jährige es noch mal wissen

Der 30-Jährige spielt seit 2012 in Europa. Zunächst beim FC Barcelona, mit dem er die Champions League gewann und damit die begehrteste Trophäe auf Vereinsebene. Inzwischen gehört der Brasilianer wie der Argentinier Lionel Messi und Frankreichs Topstar Kylian Mbappé zum mit katarischen Dollarmillionen finanzierten Luxuskader von Paris Saint-Germain.

Dort, so ist zu hören, legt sich Neymar seit Beginn dieser Saison mächtig ins Zeug, erschien sogar eine Woche vor Trainingsstart, was alles andere als üblich für Südamerikaner ist. „Für uns Brasilianer gibt es da eine kleine Trophäe zu gewinnen“, schrieb Neymar im August auf Instagram. Gemeint war natürlich die WM in Katar, auf der – PSG hin, PSG her – sein Fokus augenscheinlich besonders liegt. Neymar will es wissen und seinen Kritikern etwas beweisen.

Neymar steht wegen der Unterstützung Bolsonaros in der Kritik

Für die einen ist er ein alberner Schwalben- und Purzelbaumkönig, für andere ein Ausnahmespieler. An Neymar, der gerne auch mal auf verschwenderischen Partys protzt und den inzwischen abgewählten, rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro unterstützt, scheiden sich die Geister – nicht nur in seinem Heimatland.

Aufkommende Kritik sowie überbordende Verantwortung lasten auf dem 30-Jährigen. Da tut jede Unterstützung gut. Erst recht, wenn sie von jemandem wie Romário kommt, dem Weltmeister von 1994. In einem emotionalen Brief auf der Internetplattform „The Players Tribune“ hat sich die brasilianische Fußballlegende an Neymar gewandt und rät diesem: „Sei du selber.“ Das Land solle Neymar vertrauen. Niemand verdiene es mehr als dieser, „diesen sechsten WM-Titel nach Hause zu bringen“, schreibt der 56-Jährige. Und weiter: „Jetzt bist du dran! Ich vertraue dir.“

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Erstellt:
23. November 2022, 15:34 Uhr

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