Peter Zeidler beim FC St. Gallen

Im Land der Berge auf dem Weg zum Gipfel

Geprägt von Ralf Rangnick und Helmut Groß hat der frühere Kickers-Trainer Peter Zeidler sein Glück im Ausland gefunden. Mit den VfB-Leihgaben Leonhard Münst und Matej Maglica feiert er derzeit Erfolge beim FC St. Gallen.

Peter Zeidler steht mit Emotionen an der Seitenlinie.

Peter Zeidler steht mit Emotionen an der Seitenlinie.

Von Jürgen Frey

Peter Zeidler hatte schon immer eine Affinität für Ausdauersport. Der Mann ist auch mit 59 Jahren noch gut in Form und hätte eigentlich genug Puste, um für den vereinbarten Gesprächstermin am Telefon den Knopf im Ohr zu lassen und nicht vom Fahrrad zu steigen. „Rund um St. Gallen hat es viele steile Berge“, sagt der gebürtige Schwäbisch-Gmünder zu seiner Entschuldigung mit einem Schmunzeln und legt eine Pause ein.

Erfolgsserie nach der Winterpause

Seine gute Laune ist deutlich zu spüren. Zumal es sportlich wieder läuft und er mit dem FC St. Gallen die Kurve nach oben bekommen hat. Seit elf Pflichtspielen ist Zeidler mit seinem Team ungeschlagen, vor der Länderspielpause gab es in der Schweizer Super League nach einem 0:2-Rückstand auch einen 3:2-Sieg gegen den FC Luzern (mit Christian Gentner). Nachdem es in der Winterpause alles andere als gut ausgesehen hatte, kletterte der FCSG durch die Erfolgsserie inzwischen auf Platz fünf in der zehn Clubs umfassenden höchsten Spielklasse der Eidgenossen.

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„Die Richtung stimmt, es hat sich eine positive Dynamik eingestellt“, sagt Zeidler, der seit 2018 in der 80 000-Einwohner-Stadt arbeitet. 2020 spielte er mit einem jungen Team (die 15 meist eingesetzten Spieler hatten einen Altersschnitt von 21,87 Jahren) eine ganz starke Runde und schrammte im Land der Berge nur knapp am Gipfel vorbei: Hinter Young Boys Bern gelang die Vizemeisterschaft. 2021 schaffte man erstmals nach 23 Jahren wieder den Einzug ins Pokalfinale, das aber mit 1:3 gegen den FC Luzern verloren ging.

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Maglica schlägt sehr gut ein

„Die Begeisterung für den Fußball in St. Gallen ist riesig, nach Siegen gibt es eine Ehrenrunde, die Fans bleiben noch 20 Minuten nach Spielende im Stadion. Es herrscht für Schweizer Verhältnisse große Euphorie um den Club“, erzählt Zeidler. Schweizer Verhältnisse, das bedeutet in St. Gallen bei den Heimspielen zwischen 16 000 und 19 000 Zuschauer und ein fußballerisches Niveau, das in etwa dem Mittelfeld der zweiten Liga in Deutschland entspricht. „Es macht richtig Laune, hier zu spielen, die Atmosphäre ist super“, bestätigt auch Matej Maglica.

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Der 1,96 Meter große Innenverteidiger (früher TSG Backnang und 1. Göppinger SV) kam in der Winterpause auf Leihbasis vom Regionalligisten VfB Stuttgart II und hat sich mit bärenstarken Leistungen einen Stammplatz erkämpft. Klar, dass St. Gallen am Saisonende die Kaufoption ziehen wird, wobei der VfB auch eine Rückkauf-Option für den Senkrechtstarter besitzt. Für die zweite VfB-Leihgabe läuft es dagegen nicht so gut: Stürmer Leonhard Münst (20) fällt mit einem Knöchelbruch noch rund zwei Monate aus.

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Studienfreund Ralf Rangnick

Die beiden Leihgeschäfte belegen, dass Zeidler nach wie vor sehr gute Kontakte in die Region Stuttgart pflegt. 1984 hatte er seine Trainerkarriere im Nachwuchs des VfB begonnen. 2000 holte ihn Ex-VfB-Profi Helmut Dietterle zum VfR Aalen, wo er bis 2004 arbeitete. Von 2005 ging es für zwei Jahre zum 1. FC Nürnberg II (dort war VfB-Coach Pellegrino Matarazzo sein Spieler), danach folgte ein kurzes, halbjähriges Engagement bei den Stuttgarter Kickers. „Da war ich nicht in Topform, aber vielleicht sollte man als früherer VfB-Trainer einfach auch nicht zu den Blauen gehen“, sagt Zeidler im Rückblick mit einem Augenzwinkern. Danach öffnete ihm sein Studienfreund Ralf Rangnick Türen, durchgehen musste der für seine Akribie und Leidenschaft bekannte Zeidler selbst.

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Mentor Helmut Groß

Zum Beispiel bei der TSG Hoffenheim (2008 bis 2011) oder von 2012 bis 2015 bei RB Salzburg und dessen Farmteam FC Liefering. „Von Ralf, aber vor allem auch von Helmut Groß habe ich viel gelernt, er hat mich und auch viele, viele andere Trainer geprägt“, sagt Zeidler, der 20 Jahre lang als Gymnasiallehrer unterrichtet hat. Seine perfekten Französischkenntnisse waren ihm bei seinen Stationen in der Ligue 2 beim FC Tours (2011/12) und FC Souchaux (2017/18) sehr hilfreich.

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Sportchef Alain Sutter

Nun hat er in St. Gallen gemeinsam mit seiner Frau Susanne sein Glück gefunden. „Die Lebensqualität ist hoch, der Bodensee nur 15 Autominuten entfernt, und in zweieinhalb Stunden sind wir zu Hause in unserem Eigenheim in Böbingen“, sagt Zeidler. Sein Vertrag in St. Gallen läuft bis 2025, genauso lange wie der von Sportchef Alain Sutter, früher Profi beim 1. FC Nürnberg, FC Bayern und SC Freiburg.

Bei Werder gehandelt

Anfragen aus dem In- und Ausland gab es für Zeidler immer wieder einmal, vergangenes Jahr kursierte sein Name bei Zweitligist Werder Bremen. Ob irgendwann ein Cheftraineramt in der Bundesliga sein großer Traum ist? „Nein, es kommt, wie es kommt. Ich bin grundsätzlich ein offener Typ und immer zu einem guten Austausch und interessanten Gespräch bereit.“ Sprach’s und schwang sich für die Fortsetzung seiner Fitnesseinheit im Land der Berge aufs Rad. Er hat schließlich noch einiges vor in seinem Trainerleben, in dem er dem sportlichen Gipfel schon sehr nahe war.

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Erstellt:
4. April 2022, 16:22 Uhr
Aktualisiert:
4. April 2022, 16:50 Uhr

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