Vorteil für Max Verstappen und Red Bull?

So kämpft die Formel 1 gegen hüpfende Autos

Der Automobli-Weltverband Fia hat auf das gefährliche Hoppeln der Formel-1-Autos reagiert und für den Auftritt in Kanada zwei neue Maßnahmen eingeführt. Die könnten dazu führen, dass Red Bull noch dominanter wird.

Hüpfen bis die Funken fliegen: Nicht nur Mick Schumacher im Haas hat Probleme mit einem hoppelnden Auto in der Formel 1.

© IMAGO/St/ven Tee

Hüpfen bis die Funken fliegen: Nicht nur Mick Schumacher im Haas hat Probleme mit einem hoppelnden Auto in der Formel 1.

Von Jürgen Kemmner

Hoppeln verboten! So könnte man die Sofortmaßnahmen beschreiben, die Automobil-Weltverband Fia vor dem Großen Preis von Kanada an diesem Sonntag (20 Uhr) beschlossen hat. Heftiges Hoppeln schadet der Gesundheit der Fahrer. Davon wurden die Regelhüter überzeugt, nachdem in Baku Mercedes-Star Lewis Hamilton sowie andere bis in jede Körperfaser durchtrainierte Rennfahrer über Rückenschmerzen geklagt hatten, weil die Boliden auf den Geraden hüpften, als würden sie bei einer Rallye über Schotter rasen. George Russell, Hamiltons Teamkollege und Sprecher der Fahrergewerkschaft, sprach auch von sicherheitsrelevanten Aspekten, es sei mitunter schwierig, den Boliden auf der Strecke zu halten. Aston-Martin-Mann Sebastian Vettel hatte das Eingreifen der Fia verlangt. Diese Äußerungen schreckten die Regelhüter auf – Sicherheit ist oberstes Gebot, also gab die Fia kräftig Gas, um das gefährliche Hoppeln in Kanada zu unterbinden.

Um den Autos das unerwünschte Verhalten abzugewöhnen, hat der Verband zwei Maßnahmen beschlossen. So sollen die Bodenplatten der Fahrzeuge strenger auf Abnutzung kontrolliert werden, um zu erkennen, wie stark das Auto aufsitzt. Zudem soll eine Kennzahl für die Auf-und-ab-Bewegung, die Ingenieure sprechen von der „vertikalen Oszillation“, festgelegt werden, die „eine quantitative Grenze für das akzeptable Maß an vertikalen Schwingungen darstellt“.

Im Freitagstraining wurde eine Metrik entwickelt, welches Maß an Oszillation der Autos akzeptabel ist und welches nicht mehr. Die mathematische Formel für diese Metrik wurde von der Fia untersucht, die Teams waren eingeladen, sich zu beteiligen. Bedeutet konkret: Die Fia wertete am Freitag neben der Abnutzung der Unterbodenplanken die Messwerte der Sensoren aus, um das Maß der Erschütterungen, die auf die Fahrer wirken, zu überprüfen. Am Samstag soll ein Wert für das maximal zulässige Hoppeln mitgeteilt werden. Autos, die das Limit überschreiten, müssen übers Set-up angepasst werden (Bodenfreiheit), oder sie werden zum Training oder zum Rennen nicht zugelassen.

„Ich bin froh, dass die Fia schnell Maßnahmen ergriffen hat“, sagte Pierre Gasly in Kanada, „das Springen ist eine echte Sorge. Am Ende sind wir es, die im Auto sitzen und mit Schmerzen klarkommen müssen.“ Der Alpha-Tauri-Pilot zählt sich zu den Fahrern, die besonders stark betroffen sind. Der Franzose hat wie Hamilton zusätzliche Physiositzungen genommen, um die Schmerzen zu lindern. Auch Gaslys Teamkollege Yuki Tsunoda freute sich über das Eingreifen der Fia: „Wir fahren oft nebeneinander mit über 300 km/h, das Hüpfen könnte zu einer unerwarteten Bewegung und einem schweren Crash führen.“

Ralf Schumacher äußerte Zweifel am Vorgehen. „Diese Rechenformel kann ja nicht für jedes Auto und jeden aerodynamischen Ansatz gleich sein“, sagte der TV-Experte von Sky, „da kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, ohne dass die Teams auf die Barrikaden steigen.“ Hat die Fia die Geschichte gut gelöst oder nur gut gemeint, aber schlecht gelöst?

Die entscheidende Frage lautet: Wen trifft die Regelung hart, weil das Team das Auto verändern muss, um sich innerhalb des Limits zu bewegen? Die Red-Bull-Piloten Max Verstappen und Sergio Perez hatten kaum hüpfende Autos, sie dürften außen vor sein – das Auto der Getränkemarke sollte die Benchmark im Formel-1-Feld bleiben. Teamchef Christian Horner darf zufrieden sein, er hatte im Vorfeld gewarnt, die Teams benachteiligen, die „ihre Hausaufgaben gemacht“ hätten. Verstappen bleibt wohl Titelkandidat Nummer eins, doch der Niederländer rümpfte die Nase ob der Neuerung. „Ich denke nicht, dass das korrekt ist“, knurrte er in Montreal, er sei kein Freund davon, während einer Saison Regeln zu ändern: Man müsse das Auto einfach höher abstimmen, dann habe man die Probleme nicht. Der Weltmeister befürchtet, dass jede noch so kleine Veränderung den Vorsprung von Red Bull verringern könnte.

Bei Ferrari und Mercedes bleiben sie locker. Charles Leclerc musste zwar mitunter mit einem hüpfenden Ferrari kämpfen, gab sich aber zuversichtlich, dass sein Team „die Situation im Griff“ habe. Obwohl Mercedes enorme Probleme hat, begrüßten Hamilton und Russell die Maßnahmen. „Ich denke“, sagte der Rekordweltmeister, „dass sich wohl nicht viel an der Performance ändert.“ Noch weiß niemand, ob und wie sehr die Ingenieure der Teams ans Set-up ranmüssen, um den Grenzwert einzuhalten. Fest steht: Wer ihn nicht einhalten kann, muss am Auto so stark basteln, dass es nicht mehr konkurrenzfähig sein dürfte. Die Meinungen über die Folgen gehen auseinander. Alpha-Tauri-Pilot Gasly glaubt, dass sich die Hackordnung nur „minimal“ verändern wird, Haas-Teamchef Günther Steiner hält „grundlegende“ Veränderungen im Kräfteverhältnis für möglich.

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Erstellt:
17. Juni 2022, 18:02 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2022, 18:24 Uhr

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