Aus der DFB-Elf bei der WM 2022

So lief das deutsche Debakel ab

Hoch begabt, aber erneut tief gefallen: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft scheidet trotz des 4:2-Erfolgs gegen Costa Rica bei der WM in Katar nach der Vorrunde aus.

Verzweiflung pur bei David Raum und der deutschen Mannschaft: Nach nur drei Spielen ist die Weltmeisterschaft für das DFB-Team beendet.

© AFP/Odd Andersen

Verzweiflung pur bei David Raum und der deutschen Mannschaft: Nach nur drei Spielen ist die Weltmeisterschaft für das DFB-Team beendet.

Von Marco Seliger

Wie sich die Bilder doch glichen. Vor vier Jahren in Kasan hatte es Tränen gegeben, leere Blicke, Entsetzen – nach dem Vorrundenaus bei der WM 2018. Was es danach auch gab: Das feste Vorhaben, dass so etwas nicht so schnell wieder passiert. Aber nun, 2022 in Katar: Tränen, leere Blicke, Entsetzen. Denn: Trotz des 4:2-Erfolgs gegen Costa Rica ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach drei Gruppenspielen der WM ausgeschieden. Das erneute Debakel, das sich beim 1:2 zum Auftakt gegen Japan angedeutet hatte, ist damit komplett. „Es ist unglaublich bitter, eine Katastrophe“, sagte Thomas Müller, „wir haben unglaublich viel investiert.“ Das große Unglück, ergänzte der Münchner, sei durch das Ergebnis zum Start gegen Japan passiert. So sah das auch der Bundestrainer.

Das deutsche Team legte furios los

„Das Aus ist nicht heute entschieden worden, sondern in 20 Minuten gegen Japan“, sagte Hansi Flick, „die Enttäuschung ist riesengroß.“ Sein Team habe während des Turniers „keine Effizienz“ gehabt.

Eine Änderung hatte der Bundestrainer Hansi Flick gegenüber dem 1:1 gegen Spanien im zweiten Gruppenspiel vorgenommen. Thilo Kehrer stand nicht in der Startelf, Joshua Kimmich spielte stattdessen hinten rechts in der Viererkette. Ilkay Gündogan rückte dafür wieder ein Stück nach hinten, in der Offensive wurde Jamal Musiala in die Mitte geschoben – dafür war auf dem Flügel dann Platz für Leroy Sané, der neu in die Startformation rückte. Und das deutsche Team legte in diesem entscheidenden Spiel der WM-Gruppe E tatsächlich furios los. In der zehnten Minute ging der Plan, mit einem frühen Tor die Schleusen zu öffnen, dann auch auf.

1:1 stand es in der 58. Minute – und das Achtelfinale war ganz weit weg

Der 19-jährige Jamal Musiala passte auf Linksverteidiger David Raum, der Leipziger flankte auf Serge Gnabry – der Stürmer des FC Bayern köpfte die Kugel ins lange Eck. Perfekt war das Glück, als eine Minute später die Kunde vom spanischen Führungstreffer gegen Japan kam. Doch glücklich war schon wenig später keiner mehr im deutschen Lager. Das relativ stupide Anrennen nämlich blieb ein ums andere Mal erfolglos. Es gab Abschlüsse, Chancen, aber wie schon zu Turnierbeginn gegen Japan spiegelte sich die Dominanz nicht im Ergebnis. Und es kam noch schlimmer.

Nach der Pause glichen die Japaner aus, gingen gar in Führung, Deutschland war draußen – und der Schock schien bei der DFB-Elf so tief zu sitzen, dass sie jede Ordnung verlor. Zwei, drei Pässe, eine Flanke – schon waren die Costa-Ricaner vor dem deutschen Tor. Den ersten Versuch parierte Manuel Neuer in seinem 19. WM-Spiel (Torhüter-Rekord) noch, beim Nachschuss von Yeltsin Tejeda war er dann machtlos. 1:1 stand es in der 58. Minute – und das Achtelfinale war plötzlich ganz weit weg.

Bereits an diesem Freitag geht der Flug in die Heimat

Es folgte ein Aufbäumen, Musiala traf zweimal den Pfosten, Antonio Rüdiger einmal. Der eingewechselte Niclas Füllkrug versuchte es, aber das Tor fiel auf der anderen Seite. Ein hoher Ball, ein Kopfball in die Mitte, ein langes Bein von Juan Vargas, ein Gestochere, an dem auch Celso Borgas beteiligt war. Dann war der Ball erneut im deutschen Tor (70.), was für Costa Rica einer Sensation gleichkam. Und für Deutschland die nächste Blamage bedeutete.

Kai Havertz (73. und 85.) und Niclas Füllkrug (89.) sorgten zwar noch für die Wende in diesem Spiel, das die deutsche Mannschaft noch 4:2 gewann. Das WM-Turnier aber ist – durch den Sieg der Japaner gegen Spanien – wie schon vor vier Jahren in Russland nach drei Spielen vorüber, bereits an diesem Freitag geht der Flug in die Heimat. Dazwischen war das deutsche Team bei der EM in England im Achtelfinale gescheitert.

Bis 2024 muss die junge Mannschaft eines entwickeln: Siegermentalität

Die Enttäuschung ist riesengroß, die Aufbruchstimmung, die Hansi Flick seit seiner Amtsübernahme im August 2021 entfacht hat, vollends dahin. Weil eine Mannschaft zahlreicher hoch begabter Spieler in den entscheidenden Momenten die individuellen Qualitäten nicht als Team auf den Platz gebracht hat. Wie es nun weiter geht?

Der Bundestrainer („Die Mannschaft wollte, mir macht der Job Spaß“) wird wohl bleiben, muss aber unangenehme Fragen beantworten und vor allem die Defensive stabilisieren. Routiniers wie Thomas Müller – er wandte sich schon mit emotionalen Abschiedsworten ans deutsche Publikum –, Ilkay Gündogan und womöglich Manuel Neuer werden künftig eher nicht mehr dabei sein, bis 2024 muss der Rest der teils noch jungen Mannschaft vor allem eines entwickeln: eine Siegermentalität.

Nichts geringeres als die Europameisterschaft im eigenen Land steht an. Kein guter Zeitpunkt für eine weitere Blamage.

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Erstellt:
1. Dezember 2022, 23:28 Uhr

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