European League of Football

So will Stuttgart Surge die Pleitenserie stoppen

Seit acht Partien ist der Football-Club saisonübergreifend ohne Sieg, dennoch ist Chefcoach Martin Hanselmann vom Team überzeugt – und er erinnert an den SC Freiburg und die Cleveland Browns.

Cheftrainer Martin Hanselmann und die Surge-Spieler suchen den Ausweg aus der Ergebnismisere.

© Baumann/Hansjürgen Britsch

Cheftrainer Martin Hanselmann und die Surge-Spieler suchen den Ausweg aus der Ergebnismisere.

Von Jürgen Kemmner

Manchmal schweifen die Gedanken von Martin Hanselmann in fremde Sportwelten ab und der Cheftrainer von Stuttgart Surge aus der European League of Football (ELF) befindet sich gedanklich beim SC Freiburg in der Fußball-Bundesliga. Stuttgart Surge, findet der 59-Jährige dann, könnte das, was der SC im Fußball ist, in der ELF sein. Ein Club, der nicht zu den vermögendsten der Liga zählt, der Talente ausbildet, die irgendwann zu den großen Teams abwandern – der Club verfolgt diesen Weg trotz Rückschlägen weiter und hält am Trainer fest, auch wenn die Ergebnisse manche Fans zu Stimmungsaufhellern greifen lassen. „Diese Ausrichtung gefällt mir“, sagt Hanselmann, „die Art zu arbeiten und mit der Zeit etwas aufzubauen, ohne alles sofort dem Diktat des Erfolges unterzuordnen.“

Die Gedanken liegen nahe, aktuell befindet sich die Stuttgarter ELF-Filiale in einer Schlechtwetterphase, in der Behaglichkeit ein Fremdwort ist. Die 13:42-Niederlage bei den Vikings in Wien war die dritte Pleite der Saison, in der Surge ohne Sieg wie ein Pudel im Regen steht. Das Tief hält seit fast einem Jahr an, das 27:23 über die Leipzig Kings am 11. Juli 2021 war der letzte Erfolg, es folgten acht Niederlagen am Stück, nur unterbrochen vom Saisonende im September. Hanselmann räumt vor der Partie an diesem Sonntag (15 Uhr) gegen die Tirol Raiders im Gazistadion ein, dass ihn die Ballung von Niederlagen „mitnimmt, das steckt man nicht einfach weg“. Er selbst werde die Brocken nicht hinwerfen, betont der einstige Bundestrainer, auch im Club gibt es kein Bestreben, den Übungsleiter zu entlassen. Es gilt das Beispiel SC Freiburg, der mit Trainer Christian Streich 2015 aus der Bundesliga abgestiegen und mit ihm zurückgekehrt ist.

Absteigen kann Surge nicht, ganz nach dem Muster der nordamerikanischen NFL, was Hanselmann die Zeit verschafft, das Ruder ohne Hektik umzulegen – keine Panik trotz Pleiten. Große Änderungen sind nicht geplant, das Budget gibt kostspielige Neuverpflichtungen nicht her; man fahre nicht Mercedes, wenn man sich lediglich einen Golf leisten könne, beschreibt Hanselmann die Lage. Zudem wolle er keinen Akteur mit dem Rauswurf drohen, das sei kontraproduktiv. Also wird es Umstellungen geben, die Coaches haben die Fehlerquellen herausgefiltert und feilen in den Trainings intensiv daran, begleitend führt Hanselmann Gespräche. „Die Unerfahrenheit vieler Jungs ist unser Manko“, sagt er, „spielerisch sind wir im Grunde gut genug für die Liga, aber die Entwicklung der Spieler ist längst nicht abgeschlossen.“

Als Sofortmaßnahme hat der Coach verfügt, die Musik in der Kabine einzuschränken, es gilt die Playlist Hanselmann. „Die Jungs sollen sich mit sich beschäftigen und nicht durch Beats abgelenkt werden“, sagt der Football-Purist. Dass Fans und Sponsoren bald einen Sieg bejubeln wollen, ist ihm bewusst, verrückt machen lässt sich der Franke deshalb nicht. Er wird die unbeirrt und konzentriert weitermachen – und erinnert an die Cleveland Browns. Der NFL-Club hat seit 1999 nur zweimal die Play-offs erreicht, er zählt nach dauerhafter Aufbauarbeit bei manchen Experten zu den Super-Bowl-Kandidaten der nächsten Saison. Die Browns sind das noch passendere Vorbild als der SC Freiburg.

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Erstellt:
23. Juni 2022, 12:56 Uhr

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