Enttäuschung für DFB-Team

Spätes Remis gegen Ukraine offenbart Baustellen

Das symbolträchtige Spiel gegen die Ukraine entpuppt sich als sportliche Enttäuschung für das DFB-Team. Drei Gegentore setzt es im Jubiläumsspiel, ein Jahr vor der EM gibt es viele Baustellen.

Das DFB-Team um Kai Havertz tat sich schwer gegen die Ukraine.

© dpa/Federico Gambarini

Das DFB-Team um Kai Havertz tat sich schwer gegen die Ukraine.

Von jo/dpa

So wird das nichts mit einem Fußball-Sommermärchen 2024. Exakt ein Jahr vor dem Anpfiff der Heim-EM hat Hansi Flick mit der Nationalmannschaft im ganz besonderen 1000. Länderspiel gegen die Ukraine für einen weiteren Stimmungsdämpfer gesorgt. Beim ernüchternden und später sogar abgebrochenen Experiment mit der Dreierkette gab es bei der DFB-Rückkehr nach Bremen am Montagabend ein 3:3 (1:2). Kai Havertz (83.) und Elfmeterschütze Joshua Kimmich (90.+1) wendeten mit späten Toren wenigstens die nächste Niederlage ab. Wie schon beim 2:3 im Testspiel gegen Belgien Ende März war das DFB-Team vor 35 795 Zuschauern insbesondere defensiv erneut nicht turniertauglich. Lautstarke „Ukraine“-Sprechchöre waren im Weserstadion zu vernehmen. 

Sportliche Enttäuschung für das DFB-Team

Der Bremer Lokalmatador Niclas Füllkrug fälschte bei seinem siebten Tor im siebten Länderspiel einen Schuss von Marius Wolf entscheidend zum 1:0 ab (6. Minute). Mit einem Doppelschlag wendeten Wiktor Zygankow (18.) und Antonio Rüdiger (23./Eigentor) für die Gäste aus der Ukraine nicht nur die Partie, sondern deckten auch die Defensivschwächen bei den Gastgebern auf. Nach einem Patzer des Freiburgers Matthias Ginter erhöhte der herausragende Zygankow (56.). Mit „Werder Bremen“-Rufen quittierten die deutschen Fans den müden Auftritt.

Auch wenn die Benefiz-Partie im Zeichen der Ukraine-Unterstützung stand, war es aus DFB-Sicht ein sportlich bedenklicher Abend. Pfiffe gab es zudem für die Füllkrug-Auswechslung zur Pause. Der Druck auf Flick wächst vor den weiteren Tests in Polen und gegen Kolumbien.

Dass es mehr als nur um Fußball ging, war an diesem symbolträchtigen Tag bei hochsommerlichen Temperaturen in der Bremer Arena klar. „Stop War - Wir gemeinsam für Frieden“, stand auf einer überdimensionalen ukrainischen Fahne außen am Stadion, beide Teams liefen begleitet von 22 Flüchtlingskinder ins Stadion ein und auf der Tribüne verfolgten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev nebeneinander das Spiel.

Friedenszeichen mit Alarmsignal

Steinmeier bezeichnete das Spiel als „ein Zeichen der Freundschaft und der Solidarität“. Gleichzeitig gab der Politiker beim ZDF zu bedenken: „Wir dürfen Fußball-Spiele wie diese nicht überfordern. (...) Aber natürlich kann ein Fußball-Spiel an einer Kriegssituation nichts verändern. Das tun wir, das tut die Politik, indem wir Unterstützung leisten für diejenigen, die überfallen worden sind von Russlands Armee. Und wir müssen hoffen, dass die Ukraine diesen Krieg in den nächsten Wochen für sich entscheidend wendet.“

Als der Ball rollte, sollte es mit den Gastgeschenken eigentlich vorbei sein. Schließlich hatte Flick ein Jahr vor dem EM-Start im eigenen Lande eine deutliche Steigerung und Fokussierung gefordert. Und es ging auch gut los: Füllkrug verpasste nach einem Fehlpass von 100-Millionen-Mann Mudryk nach 90 Sekunden die Führung. Kurz darauf war der Bremer in seinem Stadion doch am Führungstor beteiligt. Nach einem Schuss von Wolf - die Aktion wurde sehenswert von Kapitän Joshua Kimmich eingeleitet - fälschte der Bremer den Ball unhaltbar ins Tor ab. Die Europäische Fußball-Union schrieb das Tor Füllkrug zu.

Doch wie schon bei der bedenklichen 2:3-Pleite gegen Belgien im März zeigte sich das DFB-Team im Defensivverhalten alles andere als EM-reif. Die von Flick erstmals getestete Dreier-Abwehrkette mit Nico Schlotterbeck, Matthias Ginter und Rüdiger erwies sich als extrem löchrig. Tempodefizite und viele Schwächen im Stellungsspiel sorgten beim Bundestrainer auf der Bank für große Verärgerung. Entsprechend wurde das Experiment in der zweiten Halbzeit ein- und auf eine Viererkette umgestellt.

Kapitaler Fehlpass von Julian Brandt

Das erste Gegentor leitete dabei der Dortmunder Julian Brandt mit einem kapitalen Fehlpass ein, während Schlotterbeck viel zu weit weg von seinem Gegenspieler stand. So reichte ein Pass von Alexander Tymtschik auf Torschütze Zygankow, um die deutsche Abwehr auszuhebeln. Damit war die anfangs nervös agierende ukrainische Auswahl, in deren Startelf immerhin fünf Akteure aus der heimischen Liga standen, im Spiel angekommen.

Von einem deutschen Schönheitsfehler konnte keine Rede mehr sein. Nachdem David Raum unter Druck den Ball verlor und Schlotterbeck wieder nicht auf der Höhe war, musste der Frankfurter Keeper Kevin Trapp in seinem ersten Länderspiel seit gut 15 Monaten erneut hinter sich greifen. Rüdiger hatte den schwachen Schuss von Mudryk ins eigene Tor gelenkt. Kurz vor der Pause hätte Tymtschik mit einem Schuss ans Außennetz noch für einen weiteren Dämpfer sorgen können. 

Leroy Sané sorgt für Lichtblick

Vom anfangs ansehnlichen deutschen Spiel war nichts mehr zu sehen. Sommerfußball anstelle eines ernsthaften EM-Tests bekamen die Zuschauer zu sehen. Einzig ein Freistoß von Leroy Sané an die Latte kurz vor der Pause (45.+3) ließ die Fans in Bremen beim ersten Länderspiel nach mehr als elf Jahren noch einmal aufspringen. Wegen des Rechtsstreits der Hansestadt mit der Deutschen Fußball-Liga um die Übernahme von Polizeikosten hatte der DFB mehrere Jahre keine Partien dorthin vergeben.

Und dieses Spiel wollte Flick nicht auch noch verlieren. Der indisponierte Schlotterbeck blieb zur Pause in der Kabine, genauso wie Füllkrug. Dafür kamen Lukas Klostermann und Havertz ins Spiel. Aber der Weckruf verhallte: Als Ginter ein halbhohes Zuspiel von Wolf nicht unter Kontrolle bringen konnte, nahm Artem Dowbyk das Geschenk dankend an und legte mustergültig für Doppeltorschütze Zygankow auf. Der Unmut der Fans nahm von Minute zu Minute zu. Immerhin blieb eine weitere Pleite erspart, nachdem Havertz und Kimmich spät trafen.

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Erstellt:
12. Juni 2023, 20:22 Uhr

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