Nach Roman Abramowitschs Abgang

Warum der FC Liverpool dem FC Chelsea als Vorbild dient

Die Zukunft des FC Chelsea nach dem Abgang des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch dürfte sich am nächsten Gegner orientieren: dem FC Liverpool.

Treffen im FA-Cup-Finale an diesem Samstag wieder aufeinander: Antonio Rüdiger vom FC Chelsea (rechts) und Liverpools Mohamed Salah.

© imago//Matt Impey

Treffen im FA-Cup-Finale an diesem Samstag wieder aufeinander: Antonio Rüdiger vom FC Chelsea (rechts) und Liverpools Mohamed Salah.

Von Hendrik Buchheister

Im Finale des FA-Cups an diesem Samstag trifft der FC Chelsea auf seine Zukunft. Thomas Tuchels Mannschaft bekommt es mit Jürgen Klopps FC Liverpool zu tun und könnte mit einem Erfolg eine turbulente Saison versöhnlich beenden. Die Londoner blieben sportlich unter den Erwartungen, sie verpassten es, in der Liga ins Rennen um die Meisterschaft einzugreifen, und scheiterten in der Champions League als Titelverteidiger schon im Viertelfinale. In Erinnerung werden von dieser Spielzeit vor allem die Verwerfungen abseits des Rasens bleiben. Besitzer Roman Abramowitsch wurde wegen des Krieges in der Ukraine und seiner angeblichen Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin (die Abramowitsch bestreitet) dazu gezwungen, die „Blues” nach fast zwei Jahrzehnten zu verkaufen.

Abramowitsch betrachtete den FC Chelsea als Hobby

In dieser Zeit hatte der russische Oligarch rund zwei Milliarden Euro in den FC Chelsea gesteckt und ihn damit zu einem der erfolgreichsten Clubs in Europa gemacht. Neuer Eigentümer wird ein Konsortium um den US-Investor Todd Boehly, der auch Anteile an den Los Angeles Dodgers (Mayor League Baseball) und den Los Angeles Lakers (NBA) hält. Boehly und seine Partner zahlen knapp drei Milliarden Euro für die Übernahme und haben Investitionen von weiteren knapp zwei Milliarden Euro zugesagt. Der Verein wird künftig anders wirtschaften als bisher. Als Vorbild für den neuen FC Chelsea dürfte Liverpool dienen. Oder, wie es der „Evening Standard“ formuliert: „Todd Boehly plant, Liverpool nachzueifern.“

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Der scheidende Besitzer Abramowitsch betrachtete den Club als Hobby. Erfolg und Anerkennung waren ihm wichtiger als eine ausgeglichene Bilanz. Unter dem russischen Oligarchen sind den Londonern viele Volltreffer auf dem Spielermarkt gelungen. Beispiele sind Didier Drogba, Eden Hazard oder, in der jüngeren Vergangenheit, Torwart Edouard Mendy und Kai Havertz. Allerdings lag Chelsea auch oft spektakulär daneben. Profis wie Fernando Torres, Andrej Schewtschenko, Kepa Arrizabalaga und Romelu Lukaku waren teure Missverständnisse. Die grundsätzliche Transferpolitik stand dadurch nicht in Frage. Der Verein konnte sich die Fehlschläge leisten, weil Abramowitsch Verluste auf dem Spielermarkt aus eigener Tasche ausglich. Damit ist es mit dem Eigentümer-Wechsel wohl vorbei.

Auf dem Transfermarkt muss Liverpool im Vergleich zur Konkurrenz mit weniger Mitteln auskommen

US-amerikanische Besitzer engagieren sich nicht zum Spaß im Sport, sondern, um Geld zu verdienen. Sieben Clubs aus der Premier League gehören ganz oder zu großen Teilen Investoren aus den USA. Und das noch vor dem Beitritt des FC Chelsea zur „Yankee-Parade“ („Times“), der noch von der britischen Regierung und der Liga ratifiziert werden muss. In den meisten dieser Fälle sind die Vereine Teil eines größeren Geflechts aus strategischen Engagements im Sport. Stan Kroenke zum Beispiel, dem Eigentümer des FC Arsenal, gehören unter anderem die Los Angeles Rams (NFL), die Denver Nuggets (NBA) und Colorado Avalanche (NHL). Die Glazer-Familie besitzt neben Manchester United die Tampa Bay Buccaneers (NFL). Die Fenway Sports Group zählt neben dem FC Liverpool unter anderem die Boston Red Sox (MLB) zu ihrem Portfolio.

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Liverpools Aufschwung in den vergangenen Jahren ist das Ergebnis eines umsichtigen Geschäftsmodells. Entscheidend für den Erfolg ist, dass die Besitzer das richtige Personal an den richtigen Stellen installiert haben – symbolisch dafür steht Trainer Jürgen Klopp. Auf dem Transfermarkt muss der Club im Vergleich zur Konkurrenz mit weniger Mitteln auskommen. Laut dem „CIES Football Observatory“ liegt Liverpool bei den Netto-Ausgaben im vergangenen Jahrzehnt von allen Vereinen der europäischen Top-Ligen auf dem 14. Platz, noch hinter dem FC Bayern, Inter Mailand oder Aston Villa. Chelsea ist in der Wertung Zehnter, an der Spitze liegen Manchester United, Manchester City und Paris-Saint Germain.

Mit datenbasierter Transferpolitik an erfolgreiche Abramowitsch-Jahre anknüpfen

Den finanziellen Nachteil gleicht Liverpool durch einen datenbasierten Ansatz bei der Rekrutierung neuer Spieler aus. So schlägt fast jeder Transfer ein. Jüngstes Beispiel: Luis Díaz, der für 45 Millionen Euro vom FC Porto kam und in England schon als Schnäppchen gefeiert wird. Todd Boehly verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Er setzt auf kompetente Mitarbeiter auf entscheidenden Posten und eine datenbasierte Transferpolitik. Die Los Angeles Dodgers führte er so 2020 zum Gewinn der World Series. Bei Chelsea will er mit diesem Modell an die erfolgreichen Abramowitsch-Jahre anknüpfen. Und er hat zu erkennen gegeben, dass Thomas Tuchel ein zentraler Bestandteil seiner Pläne ist. Der „Evening Standard“ schreibt: „Genau wie Fenway den Erfolg um Jürgen Klopp herum gebaut hat, erhält Tuchel die Chance, Chelseas neue Ära anzuführen.“

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Erstellt:
13. Mai 2022, 18:14 Uhr

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