Pokalfinale SC Freiburg gegen RB Leipzig

Warum sind die Roten Bullen so unbeliebt?

Wenn Leipzig an diesem Samstag im Endspiel um den DFB-Pokal auf Freiburg trifft, scheint die Stimmung in der Fußballrepublik klar zu sein: alle für den Sport-Club und alle gegen RB. Warum ist das so?

Trainerduell: Domenico Tedesco (li./RB) gegen Freiburgs Christian Streich.

© Imago/Sven Simon

Trainerduell: Domenico Tedesco (li./RB) gegen Freiburgs Christian Streich.

Von Marco Seliger

Christian Günter drückt die Brust raus. Das macht der Kapitän des SC Freiburg oft, dank kontinuierlichem Krafttraining ist der Linksverteidiger längst zu einem Kraftpaket geworden. Nun lässt Günter vor dem DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig an diesem Samstag auch im übertragenen Sinne die Muskeln spielen. Auf die Frage, wen die Fans in der Fußballrepublik Deutschland unterstützen rund ums Duell im Berliner Olympiastadion (20 Uhr/ARD), sagt Günter dies: „Die Freiburg-Fans uns. Die Leipzig-Fans RB – und beim Rest hoffe ich, dass ganz Deutschland uns die Daumen drückt und alle hinter uns stehen, das würde noch mal mehr Energie freisetzen.“

Die ersten Duftmarken also sind gesetzt, und was soll man sagen: Auf den ersten, den oberflächlichen Blick stellt sich die Sache mit der Sympathie für die beiden Finalisten so dar, wie sich das Günter vorstellt. Alle sind für Freiburg – und keiner für RB Leipzig.

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Sympathischer Traditionsverein mit Außenseiter-Image samt bodenständigen Protagonisten und gewachsenen Strukturen hier, das sogenannte Leipziger Konstrukt des Brausegetränke-Milliardärs Dietrich Mateschitz ohne Geschichte, aber dafür mit reichlich Kohle und Kommerz dort: Die Rollen – oder vielleicht auch: die Klischees – scheinen verteilt zu sein.

Befeuert wurde die öffentliche Debatte zuletzt noch vom Streit der beiden Clubs über einen gemeinsamen Fanschal zum Finale. Da wies der Freiburger Finanzvorstand Oliver Leki die Vorwürfe von RB Leipzig zurück. „Ich habe es etwas befremdlich gefunden, dass dann schweres Geschütz aufgefahren und uns Respektlosigkeit vorgeworfen wurde“, sagte er.

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Die Freiburger hatten die Nutzung ihres Logos für gemeinsame offizielle Fanartikel mit Leipzig vor dem Finale verboten. RB-Clubchef Oliver Mintzlaff warf den Breisgauern daraufhin indirekt mangelnden Respekt vor. Der Sport-Club mache diese Schals „ohnehin relativ selten“, entgegnete Leki. Es müsse auch „eine Verbindung zwischen den Vereinen“ und „eine hohe Akzeptanz bei den Fans“ geben. Und die, nun ja, gibt es zumindest aus Freiburger Sicht kaum.

Ob die Verweigerungshaltung des SC gegenüber RB nun konsequent oder kleinkariert und unsouverän ist, darüber jedenfalls lässt sich wunderbar diskutieren.

Bei den Holy Bulls, einem Fanclub von RB, kommt die Ablehnung wenig überraschend nicht gut an. Sie sei „kindisch und doppelzynisch“, sagt der Vorsitzende Jan Wieland. Schließlich sei nicht nur RB Leipzig von den Millionen eines Sponsors abhängig, sondern der SC Freiburg wie alle anderen Profisportvereine auch: „Wenn auch in anderen Dimensionen.“

Klare Botschaft

Auch Harald Lange, Fanforscher der Uni Würzburg, hat sich mit dem Fall befasst – und sieht die Sache differenziert. „So eine Entscheidung, wie sie der SC Freiburg getroffen hat, bringt in der breiten Öffentlichkeit immer Sympathien und kostet auch welche“, sagt er: „Der Sport-Club hat damit eine enorme sportpolitische Botschaft ausgesendet. Man verweigert RB Leipzig die fußballkulturelle Augenhöhe, das ist ein Pfund mit Symbolkraft.“

Klar ist, dass der Schritt speziell in der Freiburger Fanszene gut ankam. Dabei ist der SC wie jeder andere Proficlub, nun ja, längst kommerziell angehaucht. So hat auch der Sport-Club die Namensrechte an seinem neuen Stadion an einen Sponsor verkauft, er generiert inzwischen Umsätze von mehr als 100 Millionen Euro, und dem Vernehmen nach bekommen die Profis als Siegprämie auch keine drei Weinflaschen aus dem Gut des Ex-Präsidenten Fritz Keller, sondern immer ordentlich Geld auf ihr Konto.

Wo bleibt die Ethik?

„Jeder Fan, auch aus der aktiven Szene weiß, dass es ohne Kommerzialisierung nicht mehr geht im Profifußball“, sagt Lange dazu: „Aber die Anhänger schauen in der Regel genau darauf, wie diese Auswüchse noch irgendwie zu einer Art Ethik des Fußballs passen.“ Und hier gibt es im speziellen Fall SC gegen RB den eingetragenen Verein SC Freiburg mit seinen Mitgliedern, die mitbestimmen dürfen. Auf der anderen Seite steht RB Leipzig, wo es solche Strukturen nicht gibt. So waren Mitglieder im Gründungsjahr von RB im Jahr 2009 generell nicht vorgesehen, im März dieses Jahres hatten die Leipziger 20 stimmberechtigte Mitglieder. Dinge wie diese lassen das Pendel der Sympathie beim Pokalfinale in Richtung Freiburg ausschlagen.

Allerdings sieht Fanforscher Lange die Sache mit der öffentlichen Wahrnehmung der beiden Clubs rund ums Endspiel ebenso differenziert. So habe RB in den vergangenen Jahren einen Zuwachs an Anhängern bekommen, und das bundesweit, sagt er. Ein Grund dafür sei, so Lange weiter, die Sehnsucht vieler Fans nach einem Club, der die Dominanz des FC Bayern München brechen könne. Leipzig ist dafür ein Kandidat, also sammelt Leipzig Sympathien, das ist die einfache Formel.

Guter Fußball

Eine weitere stellen jene Anhänger auf, die Harald Lange „Fußballpuristen“ nennt. „Diesen Fußballfreunden“, sagt der Forscher, „geht es nur um die Qualität des Spiels und der Spieler an sich – wenn irgendwo wie in Leipzig konstant guter Fußball geboten und gute Arbeit geleistet wird, finden sie den Club unabhängig von seiner allgemeinen Organisation gut.“

Allerdings wirkt diese Denke wohl auch auf das weitläufige Phänomen des aktuellen Leipziger Stammpublikums ein. Oder, wie es Lange sagt: „RB hat viele Event-Fans, das Publikum will in Leipzig unterhalten werden – eine Fankultur gibt es kaum.“

Daumen hoch: Trainer Christian Streich will mit dem SC Freiburg gegen RB Leipzig den DFB-Pokal holen. Es wäre die Krönung für das Freiburger Urgestein – das als Profi einst im Mittelfeld zwei Jahre lang für die Stuttgarter Kickers am Ball war: Von 1985 bis 1987 kam Streich in der zweiten Liga auf 21 Einsätze für die Blauen.

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Daumen hoch: Trainer Christian Streich will mit dem SC Freiburg gegen RB Leipzig den DFB-Pokal holen. Es wäre die Krönung für das Freiburger Urgestein – das als Profi einst im Mittelfeld zwei Jahre lang für die Stuttgarter Kickers am Ball war: Von 1985 bis 1987 kam Streich in der zweiten Liga auf 21 Einsätze für die Blauen.

Der Freiburger Held der zweiten Pokalrunde heißt Benjamin Uphoff. Der Ersatzkeeper, hier mit Trainer Christian Streich, war der Sieggarant im Elfmeterschießen beim VfL Osnabrück. Uphoff war von 2014 bis 2017 beim VfB Stuttgart aktiv – jetzt will er mit dem SC Freiburg den Pokal holen.

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Der Freiburger Held der zweiten Pokalrunde heißt Benjamin Uphoff. Der Ersatzkeeper, hier mit Trainer Christian Streich, war der Sieggarant im Elfmeterschießen beim VfL Osnabrück. Uphoff war von 2014 bis 2017 beim VfB Stuttgart aktiv – jetzt will er mit dem SC Freiburg den Pokal holen.

Einer der Überflieger dieser Saison ist Nico Schlotterbeck – auch im DFB-Pokal. Der gebürtige Waiblinger war von 2007 bis 2014 Jugendspieler der Stuttgarter Kickers. Nun plant er mit dem SC Freiburg den Coup im DFB-Pokal.

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Einer der Überflieger dieser Saison ist Nico Schlotterbeck – auch im DFB-Pokal. Der gebürtige Waiblinger war von 2007 bis 2014 Jugendspieler der Stuttgarter Kickers. Nun plant er mit dem SC Freiburg den Coup im DFB-Pokal.

Auch Keven Schlotterbeck, älterer Bruder von Nico, spielt beim SC Freiburg – und war ebenso in der Jugend für die Stuttgarter Kickers am Ball (bis 2012).

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Auch Keven Schlotterbeck, älterer Bruder von Nico, spielt beim SC Freiburg – und war ebenso in der Jugend für die Stuttgarter Kickers am Ball (bis 2012).

Trainer Domenico Tedesco hat  mit RB Leipzig in der Bundesliga Platz vier und damit die Champions League erreicht – und will nun im Pokalfinale den SC Freiburg schlagen. Von 2013 bis 2015 war er Jugendcoach beim VfB Stuttgart.

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Trainer Domenico Tedesco hat mit RB Leipzig in der Bundesliga Platz vier und damit die Champions League erreicht – und will nun im Pokalfinale den SC Freiburg schlagen. Von 2013 bis 2015 war er Jugendcoach beim VfB Stuttgart.

Andreas Hinkel ist der Co-Trainer Tedescos in Leipzig. Von 1992 bis 2006 war er beim VfB am Ball, erst in der Jugend, dann als Profi. Später war er bei verschiedenen Teams, unter anderem in der Jugend, Trainer oder Co-Trainer beim Club aus Cannstatt.

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Andreas Hinkel ist der Co-Trainer Tedescos in Leipzig. Von 1992 bis 2006 war er beim VfB am Ball, erst in der Jugend, dann als Profi. Später war er bei verschiedenen Teams, unter anderem in der Jugend, Trainer oder Co-Trainer beim Club aus Cannstatt.

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Erstellt:
20. Mai 2022, 17:02 Uhr

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