Radsport

Wie Adam Yates die Deutschland-Tour prägt

Der Brite gewinnt die Rundfahrt im stimmungsvollen Stuttgart souverän. In Georg Zimmermann und Jakob Geßner zeigen auch zwei deutsche Radprofis starke Leistungen – während die Stars aus dem Team Bora-hansgrohe leer ausgehen.

Wie Adam Yates die Deutschland-Tour prägt

Der Brite Adam Yates (Mitte) bringt das Rote Trikot des Führenden der Deutschland-Tour nach seinem Coup auf dem Schauinsland unangefochten ins Ziel.

Von Jochen Klingovsky

Nils Politt (28) versuchte alles, den ganzen Tag lang. Er kämpfte sich in die Spitzengruppe, kämpfte um einen möglichst großen Vorsprung, kämpfte sich nach Stuttgart. Und dort, auf den drei Schlussrunden über den bis zu 16 Prozent steilen Herdweg, kämpfte er angefeuert von zahlreichen Fans um den Sieg auf der Schlussetappe der Deutschland-Tour. Doch am Ende war alles vergebens. Der Titelverteidiger ging leer aus, sein Team Bora-hansgrohe beim wichtigsten nationalen Rennen ebenfalls. „Wir hatten diese Tage im Kalender rot angestrichen“, sagte Ralph Denk, der Chef des Rennstalls, „deshalb ist das alles schon enttäuschend.“ Die Entscheidung war allerdings bereits am Tag zuvor gefallen.

Buchmann über Yates: Das ist der Richtige

Bis Emanuel Buchmann (29) das Ziel auf dem Schauinsland erreichte, hatte es lange gedauert. Viel zu lange. Dort oben blickte der Mann aus Ravensburg bedröppelt in die Regenwolken. Der beste deutsche Rundfahrer und Kapitän des Bora-Teams hatte soeben die Deutschland-Tour verloren, was ihn ziemlich ärgerte. Und er war dabei sogar so weit hinten gewesen, dass er nicht mal wusste, wer die Bergankunft denn gewonnen hatte. Als ihm ein Reporter den Namen Adam Yates zurief, meinte Buchmann: „Das ist der Richtige.“ Was der Brite am Sonntag noch einmal bestätigte: Der Favorit gewann die Rundfahrt in Stuttgart souverän.

Yates im Stile eines Bergzeitfahrers

Adam Yates gehörte fraglos zu den prominentesten Namen bei dieser Deutschland-Tour, und am finalen Wochenende prägte er das Rennen dann auch. Zunächst mit seinem Solo-Sieg auf dem Schauinsland, wo er im Stile eines Bergzeitfahrers gewann. „Es war mein erster Erfolg seit langer Zeit“, meinte der 30-jährige Brite, der danach 30 Sekunden vor dem Spanier Pello Bilbao führte, „ich hoffe, die Zeit wird reichen.“ Sie tat es.

Zwar lag am Sonntag zwischendurch der Franzose Clément Berthet, der Teil der siebenköpfigen Ausreißergruppe war, angesichts des Vorsprungs von 2:20 Minuten in der virtuellen Gesamtwertung in Führung. Doch Yates hatte ein starkes Team an seiner Seite, zu dem neben dem früheren Tour-de-France-Sieger Egan Bernal und Zeitfahr-Weltmeister Filippo Ganna auch der gebürtige Herrenberger Kim Heiduk (22) gehörte. Beim dritten und letzten Anstieg am Herdweg waren die letzten Flüchtenden gestellt, Yates kam am Ende zeitgleich mit Etappensieger Pello Bilbao ins Ziel und meinte: „Ich bin superglücklich.“

Spezialist für Etappenrennen

Bei der Tour de France war Yates noch Teil der Dreier-Spitze des britischen Superteams Ineos-Grenadiers gewesen, mit einem Jahresetat von rund 50 Millionen Euro die Nummer eins unter den Rennställen. Er musste Helferdienste für den drittplatzierten Geraint Thomas leisten, kam aber trotzdem selbst noch auf Rang zehn. Der Mann aus Manchester ist ein echter Spezialist für Etappenrennen. Bei der Tour (2016) und der Vuelta (2017) war er schon Vierter, bei der Deutschland-Tour 2022 setzte er nun nach der Kroatien-Rundfahrt (2019), der UAE-Tour (2019) und der Katalonien-Rundfahrt (2021) eine schöne Siegesserie fort. Eine noch größere Nummer ist übrigens sein Zwillingsbruder: Simon Yates gewann 2018 die Vuelta und stand 2021 als Dritter auf dem Podium des Giro. Aktuell fährt der zweimalige Tour-Etappensieger die Vuelta.

Das Podium verpasst hat Georg Zimmermann (24) bei der Deutschland-Tour um drei Sekunden, zufrieden war der Augsburger dennoch – und das völlig zurecht. Auf dem Schauinsland hatte er den Grundstein gelegt, in Stuttgart sprintete er nach einer superstarken Leistung auf Rang drei und lag letztlich 47 Sekunden hinter Yates. „Am Ende war es eine Rechnerei mit den Bonussekunden, es ging richtig knapp zu“, meinte der Augsburger aus dem Team Wanty-Gobert, „die Tour de France war ein tolles Trainingslager für die Deutschland-Tour, bei der ich auf Gesamtwertung fahren wollte. Das war eine neue Erfahrung für mich, aber es hat super funktioniert.“

Tour-de-France-Atmosphäre in Stuttgart

In Stuttgart, das viele Beteiligte für die „Tour-de-France-Atmosphäre“ lobten, hatte noch ein weiterer deutscher Radprofi Grund zur Freude. Jakob Geßner (22) gewann völlig überraschend das Bergtrikot – obwohl er am letzten Tag keinen Punkt mehr geholt hatte. „Es wurde von Anfang an Vollgas gefahren, deshalb sind wir früh in Schwierigkeiten gekommen“, sagte der Thüringer aus dem Team Lotto-Kern Haus, „letztlich war ich auf Schützenhilfe angewiesen – doch es hat gereicht. Es war eine fantastische Woche, einfach geil.“ Allerdings nicht für alle.

Geschke gefrustet

Simon Geschke, der bei der Tour de France nach heroischem Kampf den Gewinn der Bergwertung knapp verpasst hatte, war der Fahrer, der bei der Deutschland-Tour am meisten umjubelt wurde. Entsprechend gefrustet zeigte sich der Freiburger, der am Fuße des Schauinsland lebt, als es auf dem Gipfel nicht zu einem neuerlichen Coup reichte. „Das war meine absolute Lieblingsetappe“, sagte Geschke (36), „doch leider hat mein Körper das nicht mitbekommen. Ich brauche jetzt eine Pause.“ Gut möglich, dass Nils Politt ganz ähnliche Gedanken hatte.

Sieger der Deutschland-Tour

Geschichte Seit der Wiederaufnahme der Deutschland-Tour 2018 gewannen vier unterschiedliche Radprofis das Rennen.

2018 Matej Mohoric (Slowenien) 2019 Jasper Stuyven (Belgien) 2020 kein Rennen wegen der Pandemie 2021 Nils Politt (Deutschland) 2022 Adam Yates (Großbritannien)