Derya Uzun wagt sich ins Rampenlicht. Helga Schubert blickt auf eine bewegte Wettbewerbs-Vergangenheit zurück. Die renommierte Veranstaltung ist für beide weit mehr als eine Literatur-Show.
Der Bachmann-Preis habe ihre Karriere fundamental verändert, sagt Schubert.
Von Von Albert Otti, dpa
Klagenfurt - Derya Uzun kann noch immer nicht ganz glauben, dass sie an der 50. Ausgabe des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs teilnimmt. "Ich wollte es unbedingt. Es gab nichts, was ich noch mehr wollte", sagt die 27-jährige deutsche Autorin über ihre Einladung zu dem Wettlesen, das am Donnerstag im österreichischen Klagenfurt beginnt.
"Man muss schon ein bisschen mutig sein, und auch selbstbewusst, um sich dem überhaupt auszusetzen", sagt die 86-jährige Bachmann-Preisträgerin und frühere Jurorin Helga Schubert über den Wettbewerb.
Das Format: 14 Schreibtalente präsentieren an drei Tagen im Live-Fernsehen (3sat) vor einem Studiopublikum ihre deutschsprachigen Texte. Sie sitzen einer Fachjury gegenüber, die das Gelesene leidenschaftlich analysiert - und oft auch hart kritisiert.
Am Sonntag werden der mit 30.000 Euro dotierte Hauptpreis der Stadt Klagenfurt sowie einige weitere Preise vergeben. Doch bei dem Wettbewerb geht es auch um das Sichtbarmachen von Autorinnen und Autoren, die im Literaturbetrieb um Aufmerksamkeit kämpfen, wie die Debütantin Uzun und die Veteranin Schubert in Gesprächen mit der Deutschen Presse-Agentur erzählen.
Uzuns zielstrebige Bewerbungsstrategie
Autorinnen und Autoren können sich mit ihren Texten bei Jury-Mitgliedern bewerben. Uzun ging dabei zielstrebig und selbstbewusst vor. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman, veröffentlicht hat sie bislang noch nichts. Doch Uzun fand einen Literaturagenten, der ihr eine Empfehlung von einem Verlag besorgte – denn ohne die darf man nicht sich nicht bewerben.
Uzun erzählt, sie fühle sei dankbar und demütig, dass sie als nicht etablierte Autorin eine Einladung erhalten habe. "Es mir auch gezeigt: Jeder hat eine Chance, und es kommt wirklich auf den Text an", sagt die Autorin, die derzeit ihr Studium an der Universität Bayreuth abschließt.
Schuberts verschlungene Wege zum späten Sieg
Nicht immer verläuft der Weg nach Klagenfurt geradlinig. Helga Schubert wurde 1980 zum Wettbewerb eingeladen. Doch sie erhielt keine Ausreisegenehmigung aus der DDR. Denn der damalige Bachmann-Juryvorsitzende Marcel Reich-Ranicki war aus Sicht der herrschenden SED als berüchtigter Antikommunist, wie Schubert schildert. Außerdem galt ihre Einstellung gegenüber der DDR als feindlich. "Durch die Einladung war ich ermutigt", erinnert sie sich. Die Ablehnung der Reise habe sie aber nicht enttäuscht, sondern nur ihre Meinung über diesen Staat bestärkt, so Schubert.Danach wurde Schubert ab 1987 einige Jahre lang als Jurymitglied nach Klagenfurt eingeladen. Dafür durfte sie ausreisen – unter anderem, weil Reich-Ranicki nicht mehr Teil der Jury war. Im Jahr 2020 erhielt Schubert schließlich erneut eine Einladung, um als Autorin am Wettbewerb teilzunehmen. Zunächst hatte sie Sorge, sich dort als 80-Jährige lächerlich zu machen, doch dann sagte sie zu. Der Mut zahlte sich aus: Für ihren autobiografischen Text "Vom Aufstehen" erhielt Schubert den Bachmann-Preis. Dieses Jahr hält sie in Klagenfurt die Eröffnungsrede.
Wettlesen als Faktor im Literatur-Markt
"Den Bachmann-Preis zu bekommen, das ist eine fundamentale Änderung in der beruflichen Karriere", sagt Schubert. Die Auszeichnung helfe bei der Vermarktung der jeweiligen Siegerin oder des Siegers. "Das steht bei mir auf jedem Cover", sagt Schubert über ihren Preis, der nach der österreichischen Literatin Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannt ist.
Zu den Gewinnerinnen und Gewinnern zählen etwa auch Sten Nadolny, Terézia Mora, Sibylle Lewitscharoff oder Uwe Tellkamp. Manche Teilnehmer blieben aus anderen Gründen in Erinnerung. Wie etwa Rainald Goetz, der sich 1983 während seiner Lesung eine blutende Wunde im Gesicht zufügte, oder Urs Allemann, der 1991 mit seinem Text "Babyficker" für einen Skandal sorgte.
Die Veranstaltung ist aus Sicht von Schubert auch ein wichtiger Marktplatz für neue Schreibtalente. Das sieht auch Uzun so. Die jüngste Teilnehmerin in diesem Jahr hofft, in Klagenfurt Verlage und Leser auf sich aufmerksam zu machen. Sie habe nichts zu verlieren, sagt sie. "Es geht um Sichtbarkeit. An Preise denke ich gar nicht", sagt Uzun.
Für Derya Uzun geht es bei dem Wettbewerb um Sichtbarkeit, nicht um Geld.