Bücher von Anne Carson gibt es nach der Verkündigung des Literaturnobelpreises noch keine auf dem Stand vom S. Fischer. Aber ihr Lektor Hans Jürgen Balmes erklärt ihr Werk.
Von Jürgen Kanold
Zwanzig Minuten vor 13 Uhr möchte Frederik Eikmeier an diesem Donnerstag lieber keine Prognose abgeben, „am Ende graben die dann doch wieder irgendjemand Unbekanntes aus.“ Der Mitarbeiter des Rowohlt-Verlags meint die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt. Trotzdem, die Frage am Stand in Halle 5.0 der Frankfurter Buchmesse: Sind sie vorbereitet?
Thomas Pinchon wäre toll, aber nicht so praktisch, aber im Falle von Siri Hustvedt seien Bücher vorhanden, meint Eikmeier. Eigentlich habe man lange auf Péter Nádas gehofft, aber der sei ja im August gestorben – wobei, möchte man einwenden, erst im vergangenen Jahr hat ein Ungar, László Krasznahorkai, gewonnen. Früher, erzählt Eikmeier, habe der Rowohlt sogar vorab Plakate gedruckt mit seinen Favoriten, um sofort präsent zu sein – die seien dann hinterher wieder heimlich geschreddert worden.
Noch ein paar Minuten. Für Verlage ist ein Literaturnobelpreis ein Lottogewinn, der die Auflage in die Höhe treibt. Und dann kommt kurz nach eins Unruhe auf, nicht bei Rowohlt, aber nur gut 50 Meter weiter bei S. Fischer. Wirklich, kann das sein? Viele Verlagsmitarbeiter starren auf die Handys. Dann Schreie: „Ja, ja! Macht den Schampus auf!“ Die Kanadierin Anne Carson ist die Gewinnerin, „für ihr mutiges und innovatives Werk“. Die Menschen am Stand bedrängen Mike Aktwicker vom Vertrieb: „Nein, kein Buch von ihr steht in den Regalen, aber eine Lieferung ist unterwegs, in zwei Stunden haben wir die Bücher.“ Zuletzt erschien bei S. Fischer von Carson „Rot. Zwei Romane in Versen“, übersetzt von Anja Utler.
„Sie setzt die Dinge in Brand“
1950 in Toronto geboren, studierte die Kanadierin Griechisch, die Parallelität von Antike und Gegenwart durchzieht ihr ganzes Werk. Und jetzt ist Hans Jürgen Balmes vor Ort bei S. Fischer und gibt pausenlos Interviews. Balmes betreut als Lektor die deutschsprachigen Ausgaben von Carson. „Wunderbar, dass sie jetzt den Nobelpreis erhält. Wir haben schon eine ganze Zeit lang darauf gehofft.“ Anne Carson sei eine außergewöhnliche, experimentelle Lyrikerin, eine, „die Dinge in Brand setzt, Energie freisetzt.“ Dieser Nobelpreis sei auch ein „großes Kompliment für eine Poesie, die es sich nicht leicht macht“, sagt Balmes sehr besonnen. Aber ja, es wird gefeiert werden.
Der Verlag S. Fischer hat es auch nicht leicht, gegen 14 Uhr ist immer noch kein Buch von Anne Carson am Stand.