Harald Schmidt und Richard Wagner

Bratwurst, Walkürenritt und der „Ring“ in „Tatort“-Länge

„Das zu parodieren, reizt mich nicht“: Der Entertainer nimmt Wagner ernst. Harald Schmidt tritt in Ulm als Erzähler bei „Ring 2.0“ mit Diana Haller auf.

Bratwurst, Walkürenritt und der „Ring“ in „Tatort“-Länge

Harald Schmidt erzählt Richard Wagners „Ring des Nibelungen“  am 25. Oktober im Ulmer Stadthaus in zweieinhalb Stunden: „Ring 2.0“.

Von Jürgen Kanold

Er kokettiert gerne damit, dass er den C-Schein gemacht hat und im Gottesdienst Orgel spielen darf. In seine TV-Shows lud er gerne Klassik-Stars ein. Harald Schmidt kennt sich aber jetzt auch mit Richard Wagner aus: Am Sonntag, 25. Oktober, 18 Uhr, tritt er im Stadthaus Ulm als Erzähler auf: „Der Ring des Nibelungen 2.0“ heißt der Abend, den die Sängerin Diana Haller von der Staatsoper Stuttgart als Gastspiel der von ihr künstlerisch geleiteten Kammeroper Weißenhorn veranstaltet. Was darf man erwarten? Ein seriöses Gespräch mit dem Entertainer, Schauspieler und Humoristen über Wagner.

Herr Schmidt, Sie waren im Sommer in Bayreuth, wie haben Sie die „Ring“-Aufführungen im Festspielhaus ausgehalten – ist das für fast zwei Meter große Menschen nicht eine Qual auf den schmalen, harten Holzklappstühlen?  Harald Schmidt: Nein, es war sehr luxuriös, die erste Karte bekam ich direkt von der Festspielleitung. Da saß ich oben bequem in einer kleinen Loge. Und beim zweiten Besuch hatte ich vorne einen Platz, ich glaube in Reihe vier. Zum Glück hatte mir die Frau von Klaus Florian Vogt geraten, mir ein Kissen an der Garderobe zu besorgen.

Das war Ihr erstes Mal auf dem Grünen Hügel? Was sagen Sie zu diesem Wagner-Kult? Nein, ich war letztes Jahr schon dort, beim „Tannhäuser“. Man trifft in Bayreuth überwiegend Hardcore-Fans, schon beim Frühstück im Hotel, die sich bis ins Detail mit den Besetzungen auskennen, die weltweit unterwegs sind, um sich das anzuschauen. Das ist eine verschworene Gemeinschaft. Das Vorurteil, dass nur die Schickeria hingeht, um sich zu zeigen, kann ich überhaupt nicht bestätigen. In einer Pause mit der legendären Wagner-Bratwurst traf ich auf eine Dame aus Österreich, die hat mir vorgeschwärmt vom „Ring“ von Chéreau und Boulez, den sie noch im Original gesehen hat.

Was war denn Ihre erste Begegnung mit Wagners Musik? Der „Walkürenritt“ in „Apokalypse Now“. Dann habe ich irgendwo den „Fliegenden Holländer“ gesehen. Ich begann, mich genauer mit Wagner zu beschäftigen, als mich Andreas Homoki eingeladen hatte, an der Züricher Oper einen Begleitabend zum „Ring“ zu machen. Und Klaus Florian Vogt kam dann auf die Idee, dass wir mit dem Pianisten Jobst Schneiderat zusammen auf Tour gehen: „Wagner zu dritt“.

In Bayreuth haben Sie auch den Dokumentarfilm „Hier kennt einer das Fürchten nicht“ über Vogt vorgestellt. Der Tenor trat dann an allen vier „Ring“-Abenden auf, als Loge, Siegmund, doppelter Siegfried. Bewundern Sie ihn? Das kann man ja gar nicht fassen, was er für eine Leistung bringt. Und Klaus Florian Vogt ist total entspannt. Er wohnt im Wohnmobil, geht tagsüber mit seiner Frau in einem See schwimmen. Der ist eine Naturgewalt für mich.

Wagners „Ring“, das sind 15 Stunden Götter- und Menschheitsdrama an vier Tagen – eine ziemlich komplexe Geschichte?Ich finde, man ist relativ schnell drin im Thema. Die Handlung ist nicht schwer zu verstehen, für mich ist es eine Familiengeschichte. Nichts wird ausgelassen: Mord, Totschlag, Inzest, Betrug, Gier. Wagner ist nicht aktuell, Wagner ist zeitlos, das ist für mich das Entscheidende.

Was ist Ihre Lieblingsfigur? Der Loge. Er ist der Manager, der sich kümmern muss, wie man das bei vielen superreichen Leuten erlebt: Loge, mach‘ mal das! Wo bleibt denn Loge? Und es ist Loge, der am Ende des „Rheingolds“ schon voraussieht, wie es ausgehen wird. Also er sagt, sinngemäß: Da gehen sie hin, die Deppen. Und wenn ich es richtig sehe, gehören Alberich und Loge, die beiden Schlitzohren, Bösewichte, zu den Überlebenden. Für uns alle ist ja jetzt Götterdämmerung. Wir müssen einfach bei Wagner schauen, wer überlebt, das ist ein guter Hinweis.

„Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege!“ Wagner war immer bester Stoff für Spötter, allein schon wegen dieser komischen Opernsprache. Da halte ich mich zurück. Die Sprache bei Wagner ist enorm wichtig, weil auch seine Musik extrem präzise darauf beruht. Nein, das zu parodieren, reizt mich nicht, weil wir auch immer weniger ein bürgerliches Publikum haben, das eine solche Parodie überhaupt kapiert.

Auch der große Loriot hat den „Ring“ schon auf einen Abend komprimiert. Wie gehen Sie vor beim „Ring 2.0“?Wichtig sind zunächst Diana Haller, die Sängerinnen und Sänger und die grandiose Rita Kaufmann von der Wiener Staatsoper, die den ganzen „Ring“ pianistisch draufhat. Das muss man erstmal schaffen! Ich erzähle auf meine Art eine Inhaltsangabe, ergänze, was nicht gesungen wird, was dazwischen passiert. Ich möchte das gigantische Werk auch Leuten nahebringen, die sich noch gar nicht mit Wagner beschäftigt haben. Die davor Angst hatten, weil man ja immer hört, es dauert zu lange.

Wie lange dauert es im Stadthaus?Bei aller Begeisterung dann doch nur zwei Mal eine gute Stunde plus Pause. Das Publikum ist ja heute auf eine „Tatort“-Länge geeicht. 90 Minuten ist meine Erfahrung. Entweder man bleibt in diesem Rahmen, oder man macht es wie Frank Castorf in sechseinhalb Stunden. Aber das ist ein anderes Format, das ich fürs Ulmer Stadthaus für nicht geeignet halte. Also wie gesagt, bei all dem, was die Regie sich so einfallen lässt, wie im Bayreuther „Ring“ mit KI, ist das Publikum nicht unbedingt traurig, wenn es nur eine konzertante Aufführung gibt.