NS-Raubgut

Bücher des französischen Historikers Marc Bloch an seine Familie zurückgegeben

Der französische Historiker Marc Bloch, einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zunft, wurde als Mitglied der Résistance 1944 von der Gestapo hingerichtet. Nun wurden sieben Bücher aus seiner beschlagnahmten Bibliothek zurückgegeben.

Bücher des französischen Historikers Marc Bloch an seine Familie zurückgegeben

Marc Bloch (6. Juli 1886 in Lyon; † 16. Juni 1944 in Saint-Didier-de-Formans nahe Lyon) war als Mitbegründer der Annales-Schule einer der bedeutendsten französischen Historiker und Mediävisten des 20. Jahrhunderts.

Von Markus Brauer/AFP

Mehr als 80 Jahre nach ihrem Raub durch die deutschen Nationalsozialisten sind mehrere Bücher aus der Pariser Privatbibliothek des berühmten jüdischen Historikers Marc Bloch an Frankreich zurückgegeben worden.

Bei einer Zeremonie in der französischen Botschaft in Berlin wurden der Familie am Donnerstagabend (28. Mai) sieben Bände aus dem Eigentum Marc und Simonne Blochs überreicht. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete die Rückgabe als „eine wichtige Geste der Anerkennung des historischen Unrechts“.

Die verschwundenen Bücher des Marc Bloch

Aus Sicht von Frankreichs Botschafter in Deutschland, François Delattre, ist die Rückgabe ein wichtiges Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft und Zusammenarbeit im Bereich der Erinnerungskultur.

Federführend bei der Rückgabe der Bücher ist die Berliner Staatsbibliothek. Aus ihrem Bestand wurden vier Bücher an Blochs Nachfahren zurückgegeben. Zwei weitere Bücher stammen aus der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, eines aus der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung im thüringischen Greiz.

Katharina Scheibe von der Staatsbibliothek Berlin erklärte, sie könne es „nicht ausschließen, dass andere Bücher Marc Blochs in deutschen Bibliotheken sind“. Sie könnten demnach auch „in Privatbesitz irgendwo auftauchen“. Die Forschung hierzu sei „lange nicht beendet“.

Einer der bedeutendsten französischen Historiker des 20. Jahrhunderts

Die Bücher konnten nach Angaben der Bibliotheken unter anderem aufgrund der enthaltenen Besitzeinträge zugeordnet werden. Für die Identifikation waren zudem Erkenntnisse aus einem an der Staatsbibliothek angesiedelten Forschungsprojekt ausschlaggebend, das die Rolle der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) in der DDR beim NS-Raubgut unter die Lupe nahm.

Marc Bloch gilt als einer der bedeutendsten französischen Historiker des 20. Jahrhunderts. Der Mediävist – Mittelalter-Spezialist – entstammte einer jüdischen Familie aus dem Elsass, auch sein Vater war ein bekannter Gelehrter. Bloch lehrte mittelalterliche Geschichte an der Universität Straßburg (1919-1935) Straßburg, Clermont-Ferrand und Montpellier. Im Jahr 1936 wurde Bloch als Professor für Wirtschaftsgeschichte an die Sorbonne in Paris berufen.

Meilenstein in der Sozial- und Mentalitätsgeschichte

Den Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit stellt das 1939/1940 veröffentlichte zweibändige Werk zur Feudalgesellschaft („La Société féodale“) dar, ein Klassiker in der Geschichtsforschung. Wegen seiner jüdischen Abstammung durfte Bloch in der Besatzungszeit nicht mehr lehren.

Bereits seit seiner Studienzeit richtete sich Blochs Interesse auf die „histoire totale“, die das historische Interesse auf völlig neue Bereiche wie Sozial- und Mentalitätsgeschichte sowie das „kollektive Bewusstsein“ lenkte. Dies zeigt sich auch in seinem 1924 erschienenen Werk „Die wundertätigen Könige“, in dem er die Vorstellungen von den wundersamen Heilkräften der gesalbten Könige Frankreichs und Englands auf breiter mentalitätsgeschichtlicher Basis behandelte.

Universeller Ansatz der geschichtlichen Forschung

1929 gründete er mit dem Historiker Lucien Febvre, der zu dieser Zeit ebenfalls an der Straßburger Universität lehrte, die Zeitschrift „Annales d’histoire économique et sociale“, die diesem universellen Ansatz der geschichtlichen Forschung ein Forum bieten sollte.

Aus der methodologischen Herangehensweise an die Geschichtswissenschaft unter Einbeziehung anderer Disziplinen entwickelte sich die nach der Zeitschrift benannte Annales-Schule, die bis heute in den „Annales“ publiziert.

Als einflussreichster Herausgeber der Annales nach ihren Gründern gilt Fernand Braudel („Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“, 1949), der die Zeitschrift von 1956 bis 1968 verantwortete. Braudel entwickelte etwa das Konzept der „longue durée“ (lange Dauer). Damit wurde die Geschichtswissenschaft auf eine neue, strukturalistische Grundlage stellt.

Kampf in der Résistance gegen deutsche Besatzer

n, dem französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. 1944 wurde er in Lyon von der Gestapo festgenommen und gefoltert und schließlich mit 29 seiner Kameraden hingerichtet.

Blochs umfangreiche Bibliothek enthielt knapp 7000 Bände in französischer, deutscher, englischer, und italienischer Sprache, darunter neben Literatur Werke zu Geschichte und politischer Ökonomie.

Nach der deutschen Besetzung von Paris versuchte Bloch zunächst, die Sammlung unter den Schutz des Bildungsministeriums zu stellen, was ebenso scheiterte wie eine Schenkung an die Universitätsbibliothek. 1941 wurde die Bibliothek von den deutschen Besatzern in Blochs Pariser Wohnung beschlagnahmt.

Blochs Familie bemühte sich nach Kriegsende um eine Rückgabe der Bücher. Zwischen 1948 und 1950 erhielten die Kinder von Marc und Simonne Bloch insgesamt 2144 Bände zurück. Weitere 500 bis 700 Bände blieben verschollen. Auf Wunsch der Erbengemeinschaft sollen alle in Deutschland wiedergefundenen Bücher direkt an die Bibliothèque Halphen der Pariser Sorbonne-Universität übergeben werden.