Was Kunst alles kann? Zum Beispiel digitale und analoge Bildtechniken verbinden - wie in den Werken von Tim Berresheim. Zum Galerienrundgang Stuttgart zeigt die Galerie Parri Blank neue Arbeiten des gefeierten Künstlers - hier „Odkin. Der Lurlei“ (Ausschnitt).
Von Nikolai-Boris Forstbauer
Am 19. und 20. September ist Galerienrundgang Art Alarm in Stuttgart - 23 Privatgalerien zeigen aktuelle Kunst. Was gibt es zu sehen? Wie kommt man hin? Wir haben die Antworten.
Die schlechte Nachricht zuerst: Vier der fünf geführten Publikumstouren zum Galerienrundgang Art Alarm in Stuttgart am 19. und 20. September sind bereits ausgebucht. Die gute Nachricht: „Für die „Tour E“ am Sonntag, 20. September“, sagt Kay Kromeier, Geschäftsführer der Galerie Schlichtenmaier und Vorsitzender des für den Art Alarm verantwortlichen Vereins Initiative Stuttgarter Galerien zeitgenössischer Kunst, „kann man sich noch anmelden“. Los geht es unter Führung von Petra Bosse von der Agentur kunstkontaktet am 20. September um 11 Uhr in der Galerie von Braunbehrens (Stuttgart-Vaihingen, Kupferstraße 40 - 46, Anfahrt mit U3, U8 oder U12 bis Wallgraben, dann vier Minuten zu Fuß oder mit S1, S2, S3 bis S-Bahnhof Vaihingen, dann 13 Minuten zu Fuß) und den verblüffenden Holzskulpturen des Stuttgarter Objektkünstlers Robert Steng. Weitere Ziele sind die Galerie Dengler & Dengler im Stuttgarter Westen (Rosenbergstraße 102A) sowie die gleich zwei aktuellen Bühnen der Galerie Z (Johannesstraße 21 und Fritz-Elsas-Straße 50).
Art Alarm als Einladung zum Dialog
Und was gibt es zu sehen? „In überraschender Gleichzeitigkeit“, sagt Kay Kromeier, „ist Authentizität ein zentrales Thema“. Der Galeriehinweis „mit ihrer gemeinsamen Ausstellung im Kunsthaus Frölich setzen sich die Künstlerin Lucia Dellefant und der Maler Anton Petz für die analoge Welt ein“ könnte denn auch für weitere Ausstellungen gelten. Nicht aber im Sinn eines sehnsuchtsvollen Blicks zurück. „Kunst“, sagt Kay Kromeier, „provoziert im besten Sinn den unmittelbaren Dialog“ - und schafft so den Raum für wirkliche Begegnung.
Dass dieser auch und gerade durch Kunst entsteht, deren Produktion bewusst digitale und analoge Techniken verbindet, macht etwa das Gastspiel von Tim Berresheim in der Galerie Parri Blank (Immenhofer Straße 47) deutlich. International auf der Überholspur, verdichtet Berresheim in seiner neuen Serie „Odkin. Der Lurlei“ uralte Rheinmythen und die feinen Nuancen französischer Malerei des späten 19. Jahrhunderts mit den Möglichkeiten digitaler Bildentwicklung und klassischer Malerei. Das Zentrum der Schau bildet denn auch ein Tableau zwischen Gestern, Heute und Morgen - ein Ruf durch die Zeiten, der in „Odkin. Der Lurlei“ die mythischen Silvani-Figuren in eine Neuinterpretation der Assemblage katapultiert, in eine nun als Bild fassbare Collage mit plastischen Objekten.
Sprungbrett Stuttgart
Besondere Akzente setzt zum Start in den Kunstherbst auch die Galerie Better go South in Stuttgart-West (Rotebühlstraße 175/1). „Star“ der Schau „House of Colours“ ist das auf dem Galeriedach platzierte und nun erstmals zugängliche Tiny House von Richard Woods. Ebenso internationales Flair bringen die signalhaften Werke von Matt Dosa nach Stuttgart - und fast als Dialog mit den Arbeiten von Tim Berresheim bei Parri Blank lassen sich die vielfach analoge und digitale Stratgien verwebenden Bildwelten des Österreichers Ju Schnee lesen.
Die Bilder des jungen Stuttgarter Malers Carlo Krone sind kurz nach dem Art Alarm bei der Armory Show in New York zu sehen - was die Werke des Kunstaufsteigers so besonders macht, will die Galerie Thomas Fuchs (Augustenstraße 63) mit der Krone-Einzelausstellung „Freischwimmer“ (Eröffnung am 18. September, 18 Uhr) deutlich machen. Ein Kleinformat wird dabei mit Sicherheit groß herauskommen: „Weideglück“ zeigt, wie virtuos Krone mit ganz eigener Lakonik vielfache Bezugsebenen auf den buchstäblichen Punkt bringt.
Zwei Wochen nach dem Galerienrundgang Stuttgart startet der Cannstatter Wasen. Grund genug für einen Paukenschlag der Galerie Andreas Henn (Wagenburgstraße 4): Von 19. September an (Eröffnung 11 bis 18 Uhr) sind mit der Plattenkamera aufgenommene Wasen-Fotos von Stefan Neubauer zu sehen - analoge Blicke in fürwahr künstliche Welten.
Mit der Kunst die Stadtteile entdecken
Und wie ist das eigentlich mit „Stuttgarts anspruchsvoller Topographie“ (Kay Kromeier) und dem Galerienrundgang? „Jede Fahrt lohnt sich“, sagt Kay Kromeier. Und dies auch, weil die Stationen außerhalb der Stadtteile Mitte, Süd und West gegensätzlicher nicht sein könnten. Ein künstlerisches Lebenswerk entfaltet das Panorama der Papierarbeiten von Ulrich Klieber in der Galerie Abt Art in Stuttgart-Möhringen (Rembrandtstraße 18), auf die Zeiten übergreifende Dialoge von Künstlerinnen und Künstlern setzt in Stuttgart-Bad Cannstatt die Galerie Keim (Marktstraße 31A) mit der Schau „Zusammenspiel / Gestern mit Heute“. Unter anderem lässt Galerist Thomas Niecke sich Werke von Gisela Glucker und Adolf Fleischmann befragen. Und mitten hinein in die Debatten um Sprachoberflächlichkeiten präsentiert Brigitte March in Stuttgart-Weilimdorf in kühler Neusichtung ein herausragendes Stück jüngere Kunstgeschichte: Timm Ulrichs Wortfolge „image/magie“ von 1961. Unbedingt anschauen!
Wie nahe bei allem Ernst auch Kunst und Genuss beisammen liegen, macht ein Blick in die Liststraße in Stuttgart-Süd deutlich: Wer am Samstag, 19. September, in der Liststraße 28/1 die Galerien Hartmann Pojects (mit der Fotoopulenz von Anna Lehmann-Brauns) und Imke Valentien (mit verblüffend frischen Identitätsbefragungen von Cassy Dee Katzenwut) sowie gegenüber die Galerie Uno Art Space (mit Katzenwut-Echos von Cordula Diebold und Francesca Hummler) besucht, kann parallel in das dem Kreativhandwerk geltende Stadtteilfest „Sterne des Südens“ erleben und vielerlei Kaffeefreuden genießen.
Noch mehr Kunst in fußläufiger Entfernung bietet - als Bühne der Gegensätze - das Art Alarm-Panorama in der Stadtmitte: Die Farbraum-Malerei der Österreicherin Inge Dick bei Michael Sturm (Christophstraße 6, Eröffnung am 19. September 11 bis 18 Uhr) und die Farbstrukturen von Nicole Hassler, Donald Martiny, Anne-Sophie oGaard, Franziska Reinbothe und Rolf Rose in der Galerie Klaus Braun (Charlottenstraße 15, Eröffnung am 19. September 11 bis 20 Uhr) kontern hierbei die mitunter filmhaften Szenerien des im Mai gestorbenen Malers Peter Sehringer in der Galerie Schlichtenmaier (Kleiner Schlossplatz 11) und die vehement vorgetragene Figuration von Manu Camille in Marko Schachers Raum für Kunst (Blumenstraße 15, Eröffnung am 18. September um 19 Uhr).
Bleibt über Galerie Mario Strzelski (Rotebühlplatz 30) und die über aus Holz gelaserten Zeichnungen entwickelten Fantasie-Gebilde von Sarah Huber (Eröffnung am 19. September von 11 bis 20 Uhr) sowie die Exo Gallery (Silberburgstraße 145A) und deren Blick auf das Verbindende der Mittelmeer-Kulturen in den Arbeiten von Timo Grimm, Joeggu Hossmann, Lydiane Lutz und Marc Perez (Eröffnung am 19. September von 11 bis 13 Uhr) der Weg zurück in Stuttgarts Westen.
Mut zur Zeichnung in der Galerie Lauffer
Und dort wird es ernst mit den Möglichkeiten der Zeichnung. „Jenseits des Haha ist Abstraktion kein Rückzug“ heißt die Schau mit neuen Arbeiten von Michael Schramm in der Galerie Lauffer (Reinsburgstraße 178A, Eröffnung am 18. September um 19 Uhr). Ebenfalls am 18. September (Eröffnung 19 bis 21 Uhr) kann man mit Rina Böchers Alltagssituationen aus New York, Paris oder Reims auf Reisen gehen - zu sehen in der Galerie Dengler und Dengler (Rosenbergstraße 102A). Sprengkraft versprechen dagegen die Bilder von Gerhard Neumaier bei der Galerie Z (Johannesstraße 21, Eröffnung am 19. September um 11 Uhr, im Galerie Z-Raum in der Friedrichstraße 50 sind unter anderem Werke von Mona Pourebrahim zu sehen), bevor sich mit Alltagsverwandlungen von Timo Lupoli in der Galerie Sammlung Ammann (Schwabstraße 69/1, Eröffnung am 18. September um 19 Uhr) der Art Alarm-Reigen schließt. Nur jedoch, um die nächste Station dieses Galerienrundgangs anzusteuern.
„Dieser Galerienrundgang“ sagt Kay Kromeier, „bietet künstlerische Vielfalt auf einem hohen Niveau“. Wesentlich unterstützt durch das Kulturamt der Stadt Stuttgart positioniert dieser Art Alarm den Kunststandort Stuttgart als Magnet nicht nur in der Metropolregion Stuttgart - für das bloße Vorbeischauen und Durchstreifen ebenso wie für Sammlerinnen und Sammler oder Kuratorinnen und Kuratoren von öffentlichen und privaten Sammlungen. Da passt es, dass die Kulturregion Stuttgart am 19. September um 15.30 Uhr auf dem Kleinen Schlossplatz ihr diesjähriges Festival „Beyond Fun“ eröffnet - mit einem Minigolf-Parcours, für den die Kulturregion-Kommunen eigens künstlerisch gestaltete Bahnen konzipiert haben.
Objekt und Malerei zugleich: Die Werke von Lucia Dellefant - zum Art Alarm in Stuttgart zu sehen im Kunsthaus Frölich. Hier die Arbeit "Schlossallee" von 2026
Eine Einzelausstellung mit neuen Bildern des Kunstaufsteigers Carlo Krone zeigt die Galerie Thomas Fuchs zum Art Alarm. Unsere Abbildung zeigt das Bild „haushalten“ (Ausschnitt).
Bei Abt Art in Stuttgart-Möhringen zu sehen: Panorama der Arbeiten auf Papier von Ulrich Klieber - hier „Emanuel“ von 1994 (Ausschnitt)
Die Galerie Marko Schacher in Stuttgart-Mitte zeigt zum Galerienrundgang Art Alarm Werke des Malers Manu Camille - hier: „Broken Dreams“ von 2025 (Ausschnitt).
Auf Zeichnung und die Werke von Michael Schramm setzt die Galerie Lauffer in Stuttgart zum Herbst-Galerienrundgang Art Alarm. Hier: "Ökoton" von 2026 (Ausschnitt)