Städel Frankfurt

Den Urlaub kann man sich sparen

Künstler haben das französische Fischerdorf Étretat so oft gemalt, bis es weltberühmt wurde. Die Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ geht dem Mythos nach.

Den Urlaub kann man sich sparen

Steilküste mit Felsentor: Claude Monets Steilküste von Aval, 1885. Er hat kräftig mitgewirkt, dass das Fischerdörfchen Étretat zum Mythos wurde.

Von Adrienne Braun

Am Ende sind Künstler eben auch nur Menschen. Und die folgen gern ihrem Herdentrieb. Und so wurde aus einem bescheidenen Fischerdörfchen in der Normandie, zu dem lange nicht mal eine vernünftige Straße geführt hatte, von heute auf morgen ein beliebtes Seebad. Nicht nur die bessere Gesellschaft reiste fortan im Sommer nach Étretat, schon bald zog es auch Künstler an die Alabasterküste mit ihrer imposanten Steilküste.

Und so hängen im Frankfurter Städel Museum nun Ansichten von Étretat, sodass man fast meint, selbst am Strand zu schlendern. Allein die riesigen 3D-Video-Wände, mit denen die Besucher der Ausstellung „Monets Küste“ gegrüßt werden, lassen Urlaubsgefühle aufkommen. Tänzelnde Wellen, sonnenbeschienene Felsformationen und dramatisches Wolkenschauspiel - man kann verstehen, dass es nicht nur die Künstler nach Étretat zog.

Dem Museum geht es wie dem Badeort: Es wird überrannt

Degas und Monet waren hier, Gustave Courbet und Henri Matisse – und haben den Ort so berühmt gemacht, dass er heute mit fast eineinhalb Millionen Besuchern pro Jahr unter „Overtourism“ ächzt. Ähnlich ergeht es nun dieser einzigartigen Sonderausstellung in Frankfurt: Schon nach wenigen Tagen hat sie so viele Besucher wie manches Museum im ganzen Jahr. In Scharen schieben sich die Menschen durch die Säle.

Aber es ist auch wahrlich hochkarätig, was hier zusammengetragen wurde – vor allem von Claude Monet. Er fuhr regelmäßig nach Le Havre und Dieppe, Fécamp und Pourville, am meisten faszinierte ihn aber die raue Küste von Étretat. Nach 1864 kam er regelmäßig, obwohl die Anreise beschwerlich war und bezog ein Zimmer am Strand im Hôtel Blanquet. An die achtzig Werke hat er in Étretat gemalt, auch komplette Motivreihen der Steilküste mit dem Felstor, das mal von wilden Wellen umspült wird, mal friedlich von der Sonne beschienen wird. Dann wieder hängen graue Wolken schwer am Himmel.

Monet war keineswegs der Einzige, der das Seebad zu einem Mythos werden ließ. Schon in den 1820er Jahren ließen sich hier die ersten Künstler nieder – etwa der Marinemaler Eugène Isabey oder aus Deutschland Johann Wilhelm Schirmer. Dessen fast fotorealistisch genaue Ansichten von 1836 sind bestechend schön. Jede Kante in den Felsen kann man ausmachen, jeden Kiesel im Sand. Die Kunsthalle Karlsruhe hat zu der Frankfurter Ausstellung eine schöne Auswahl an Gemälden von Schirmer beigesteuert. Ihm und seinen Ansichten von Étretat ist es zu verdanken, dass an der Düsseldorfer Akademie Freilichtmalerei in die Ausbildung aufgenommen wurde.

Auch Gustave Courbet fuhr nach Étretat, nachdem sich seine „Meereslandschaften“ als wahre Verkaufsschlager entpuppt hatten. Da lag es auf der Hand, auch den modischen Badeort zum Motiv zu machen. Er bezog ein Atelier direkt am Strand und hatte Glück: Ein Wirbelsturm lieferte Courbet so viel Material, dass er ihn 1869/70 auf zwanzig Gemälden verarbeitete, wobei er weniger an der „Marke Étretat“ interessiert war, sondern sich auf die pure Malerei konzentrierte und das Wunder, wie aus wilden Pinselstrichen Wellen und Wolken ablesbar ist. Der Pariser Salon jubelte begeistert – und Étretat wurde noch berühmter.

Der Ort, der Teil der Kunstgeschichte wird

Auch die ersten Fotografen waren vor Ort – und im Städel führen ihre Motive in die vergangenen Zeiten, als die Damen noch in langen Kleidern am Strand flanierten. Einige wenige Maler wie Eugène Isabey interessierten sich auch für das bescheidene Leben der Einheimischen und hielten fest, wie sie ihrer Arbeit nachgingen. Aber das Bild von Étretat verselbstständigte sich doch zunehmend hin zu einem Mythos, der auch befeuert wurde durch eine These des englischen Philosophen Edmund Burke (1729-1797). Er hatte behauptet, dass der Mensch das Gefühl des Erhabenen erst dann spüren könne, wenn er den Schrecken vor den Naturgewalten überwunden habe. Und diesen süßen Schauer der übermächtigen Natur glaubte mancher ausgerechnet in Étretat erleben zu können.

So tauchte Étretat auch in der Literatur vielfach auf. Guy de Maupassant (1850–1893) verbrachte hier seine Kindheit und Jugend, weshalb die Gegend in vielen seiner Geschichten eine Rolle spielt. Für Gustave Flaubert schien Étretat wiederum der ideale Schauplatz für seinen Roman „Bouvard und Pécuchet“ zu sein. Hier konnten sich seine Titelhelden der Geologie widmen – an einer „Steilküste, die meinen beiden Biedermännern Angst macht“.

„Étretat ist eine unerschöpfliche Goldmine für die Malerei“, meinte der Archäologe Jean Benoît Cochet. Das macht den künstlerischen Streifzug durch Étretat auch zu einem Streifzug durch die Kunstgeschichte. Während die Maler früherer Generationen die Natur eher wie ein Stillleben festhielten, wollten die Impressionisten die stete Veränderung einfangen, das Flirren und Flimmern des sich wandelnden Lichts, das Tanzen der Wellen und das Rascheln der Blätter.

1920 reduzierte Henri Matisse das Gesehene dann auf farblich herrlich ansprechenden Bildern. Ganz eigen und verführerisch schön sind wiederum die zu Farbflächen vereinfachten Ansichten von Félix Vallotton.

Es gibt also sehr viel zu entdecken, auch wenn es im Städel Museum ähnlich wie in Étretat sein mag, wo das Tourismusbüro dringend rät, früh oder spät zu kommen, um den Massen zu entgehen. Der Besuch der Ausstellung lohnt sich allemal – und kann, wer weiß, die Reise nach Étretat vielleicht sogar ersetzen. Denn manchem Sehnsuchtsort kommt man auf Bildern näher als in der Realität. Das dachte sich wohl auch der Maler Anselm Feuerbach, als er um 1860 das „Felsentor“ von Étretat malte, obwohl er es nur von Fotos und Gemälden kannte.

Mythos und Massentourismus

Urlaubsziel 130 Kilometer Kreidefelsen können in der Normandie besichtigt werden, die meisten Urlauber wollen sie aber in Étretat sehen. Die Gemeinde hofft, dass ihre Kreidefelsen zu einer „Grand Site de France“ erklärt werden, einer herausragenden Sehenswürdigkeit, die auf nachhaltigen Tourismus setzt.

Ausstellungbis 5. Juli, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr. adr