Spielerisch wie bedrückend präsentiert sich der Beitrag „Ruin“ und erinnert mit Mosaiken, Plattenbauästhetik und DDR-Designs an Vergangenes.
Auf die Fassade des Deutschen Pavillons ist ein Ostberliner Plattenbau samt aufgesprayten Graffitis projiziert.
Von Henning Klüver
Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Deutsche Pavillon der Biennale 2026 zeigt sich namenlos ohne den gewohnten Schriftzug „Germania“ und in anderem Gewand. Es hatte immer wieder Versuche gegeben, sich mit seiner monumentalen Ästhetik der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jetzt tritt er uns identitätslos und in einer schmutzig verwaschenen Haut aus rund drei Millionen Mosaiksteinen gegenüber. Die wurde der Fassade eines von Abriss bedrohten Ostberliner Plattenbaus samt aufgesprayten Graffitis nachgebildet. Aus dem Deutschen ist ein Ostdeutscher Pavillon geworden.
Deutsches Design in der Rückschau
Und das nicht nur von außen. Für die Ausstellung unter dem Titel „Ruin“ hat die Thüringer Kuratorin Kathleen Reinhardt im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen zwei Künstlerinnen berufen, die eine enge Beziehung zur Geschichte der DDR und den Umbrüchen nach der Vereinigung der beiden deutschen Republiken haben: Die 1984 im sächsischen Zwickau geborene Henrike Naumann, deren Tod kurz vor der Eröffnung der Biennale eine tiefe Wunde hinterlässt, und die in 1987 in Vietnam geborene Sung Tieu, die Anfang der 1990-Jahre nach Berlin kam.
Ihr Vater hatte als Vertragsarbeiter in der DDR in einem Wohnkomplex für Fremdarbeiter in der Ostberliner Gehrenseestraße gelebt, dessen nachgebildete Fassadenmosaike jetzt den Deutschen Pavillon ummanteln.
Henrike Naumann hatte sich einen Namen durch Installationen, Filme und Aktionen gemacht, in denen sie sich soziopolitisch mit Design und Einrichtungsgegenständen der Nachwendezeit sowie mit rechter Subkultur auseinandersetzte. Im Hauptraum des Pavillons werden jetzt spielerische wie bedrückende Arbeiten von ihr gezeigt. Zwei „eiserne“ Vorhänge aus Kettenhemden oder ein lang gezogenes Metallrelief eines Wohnzimmers im postmodernen „New German Designs“ der 1980er-Jahre. Gegenüber sieht man die gepolsterte und möblierte Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes nach Motiven ihres Großvaters, des DDR-Künstlers Karl Heinz Jakob. Die Eingangswand prägt eine Art „Wunderkammer“, ein Ensemble aus dem ostdeutschen Alltag mit Erinnerungsstücken an KPD-Führer, Gasmasken oder Schnitzarbeiten – eine „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“. Und unter der Decke verläuft ein Fries halbierter Stühle, die die deutsche Designgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts nacherzählen.
800 Käfer krabbeln
Noch vor ihrem Tod hatte Henrike Naumann eine Zusammenarbeit mit der venezianischen Tanzgruppe „Danza Verticale“ in die Wege geleitet, die jetzt an bestimmten Tagen eine artistische Performance mit dem Titel „Trümmerfrau“ inszenieren.
In den Nebenräumen, die Sung Tieu eher konzeptionell bespielt, stößt man auf Aluminiumstangen, die durch Ausformungen nach ihren Körpermaßen oder denen ihrer Mutter strukturiert sind. Oder man sieht sich einer Invasion von 800 Käfern gegenüber. Was so dekorativ wie abstoßend wirken kann, spielt die merkwürdige Grundstimmung dieser gelungenen Ausstellung wider. Die DDR, einst auferstanden aus Ruinen, hat uns privat wie öffentlich Material hinterlassen, das heiter wie warnend ganz Deutschland durchsetzt. Weitere Einblicke unter deutscher-pavillon.org/de