Architektur in Stuttgart

Weissenhofsiedlung – diese Fotos eines Stuttgarters gingen um die Welt

Weltberühmt wurde die Ansammlung von Häusern prominenter Architekten in Stuttgart 1927 auch dank großartiger Fotos. Doch den Fotografen der Weissenhofsiedlung kennt kaum einer.

Weissenhofsiedlung  – diese Fotos eines Stuttgarters gingen um die Welt

Dr. Otto Lossen: Einfamilienhaus von Adolf Rading Am Weissenhof 20 in Stuttgart – 1956 abgerissen.

Von Nicole Golombek

Wo ist Lossen? Die Frage einer Besucherin einer Ausstellung im Stuttgarter Stadtpalais über Stuttgarter Fotografinnen und Fotografen hatte Folgen. Lossen, sagt die Architekturhistorikerin Inken Gaukel, ist zu groß für die kleine Ausstellung gewesen. Und so bekommt der Mann, der nicht einmal ein ausgebildeter Fotograf war, jetzt einen eigenen Auftritt. Und das an dem Ort, dem er zu Weltruhm mit verholfen hat – in der Weissenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung.

Denn den Namen Lossen kennt vielleicht kaum einer. Aber seine Fotografien sind weltberühmt. Ebenso wie die Objekte, die er abgelichtet hat – die Stuttgarter Häuser von Le Corbusier, Mies van der Rohe, Pieter Oud, Walter Gropius, Richard Döcker und so fort.

Ein Stuttgarter Chemiker fotografiert die Weissenhofsiedlung

Otto Lossen hatte einen Exklusivvertrag fürs Fotografieren der Werkbundausstellung am Weissenhof im Sommer 1927 erhalten. Die Bilder von der Schau, bei der die angesagten Architekten ihrer Zeit ihre Vorstellungen vom zeitgemäßen Wohnen präsentierten, gingen um die Welt. Sie trugen maßgeblich zur begeisterten internationalen Wahrnehmung der Siedlung bei.

Die nun von Inken Gaukel in Zusammenarbeit mit Wolfram Janzer erarbeitete und äußerst verdienstvolle Lossen-Ausstellung spürt der Kunst und dem Leben des Mannes nach, der im Hauptberuf als Chemiker beim Stuttgarter Industriemagnaten Hauff beschäftigt war.

Ein Blick in die Firmenhistorie zeigt, dass man mit Chemie sowohl Kopfweh bekämpfen, Sprengstoff herstellen als auch fotografisches Material herstellen kann. Julius Hauff, später sein Sohn Fritz hatten mit pharmazeutischen Stoffen das Imperium aufgebaut und mit unternehmerischer Weitsicht auf die aufkommende Kunst des Fotografierens gesetzt. Bereits 1900 bei der Weltausstellung in Paris erhielt Hauff für seine Patente für neuartige Entwickler (Adurol, Glycin, Amidor, Petol, Naol) eine Auszeichnung.

Pharmazie, Sprengstoff, Fotoplatten

Feuerbach, das erst 1933 nach Stuttgart eingemeindet worden ist, entwickelte sich während des Ersten Weltkrieges „zu einem renommierten Produktionsstandort für chemische Erzeugnisse für den Kriegsbedarf“, ist auf der Homepage feuerbach.de zu lesen, „insbesondere war es Julius Hauff, welcher mit der für die Sprengstoffherstellung notwendigen Pikrinsäure sowie Fotoplatten und Filmen für Fliegerzwecke bedeutende Beiträge leistete.“

Der am 22. Mai 1875 in Dresden geborene Dr. Otto Lossen arbeitete seit 1909 bei Hauff. Er muss ein manischer Tüftler gewesen sein und ein Perfektionist. Auch das dürfte ihm 1927 den Alleinauftrag fürs Fotografieren der heute ikonischen Flachdachbauten im Stuttgarter Norden verschafft haben.

8 Stationen aus dem Leben des Stuttgarter Fotografen

In der Schau zeigt sich, dass nicht erst Fotoshop-Programme und Künstliche Intelligenz die Wirklichkeit inszenieren. Übereinandergehängt sind zwei Ansichten des Josef-Frank-Doppelhauses. Wie bei einem Suchbildrätsel kann man entdecken, was alles geschönt wurde – vom Ziegelhaufen auf dem Gehweg bis zum Mäuerchen, das in der Bearbeitung gesäubert wurde.

Lossen war ein experimentierender Perfektionist und dank seines eigentlichen Berufes in der Lage, brillante, gestochen scharfe Abbilder der Originale zu erstellen. Wer ihm den Auftrag fürs Fotografieren der Ausstellung gegeben hatte, berichtet Inken Gaukel, konnte bisher nicht herausgefunden werden. Ihre beeindruckenden Recherchen haben aber vieles andere ans Tageslicht gebracht.

Archiv-Funde aus dem Leben des Stuttgarter Fotografen

So wie die CIA-Agentin Carrie in der TV-Serie „Homeland“ ihre Recherchen an eine Wand pinnt, hängen auch die Archiv-Funde von Gaukel und Janzer an einer Wand. Von den Stammtafeln der Familie Lossen, dem Reisepass anlässlich einer Italienreise 1911 über die Fotografie der deutlich jüngeren Ehefrau, dem Firmen-Logo der „Dr. Lossen & Co Lichtbildgesellschaft“, seinem Lehrauftrag für Architekturfotografie im Jahr 1933 bis zu den Nachrufen auch in den Stuttgarter Blättern zu seinem Tod am 5. Januar 1938.

Eine feine Auswahl der Weissenhof-Bilder dokumentiert das revolutionär neue Bauen, Baustellenbilder zu den Häusern von Walter Gropius und Max Taut sind darunter, Einblicke in die Küche des Hauses von Hans Scharoun, ins Wohnzimmer von Adolf Radings Haus, ins Arbeitszimmer des Reihenhauses von Mart Stam. Eine junge Dame, die auf dem Sims der Terrasse im Haus Poelzig sitzt (das kriegszerstörte Haus wurde 1949 abgerissen) – Blick auf die noch deutlich weniger bebaute Halbhöhe auf der anderen Seite der Stadt inklusive.

Die Sichtachsen, Linienführungen: alles wirkt so plastisch. Lossens Akribie sei allerdings, berichtet Inken Gaukel, für den Denkmalschutz ein Problem, wenn beispielsweise herausgefunden werden soll, welchen Farbton die Fassaden der Häuser (sie waren nicht alle strahlend weiß) hatten. Nachträgliche Einfärbungen der Schwarz-Weiß-Bilder könnten trügerisch sein, da Lossen selbst viel experimentiert hat mit seinen Aufnahmen.

Der Stuttgarter Fotograf interessierte sich auch für Rehe im Wald

Spannend ist auch zu entdecken, was Lossen sonst noch so alles getan hat. Hochzeitsfotos waren nicht sein Ding, er hat sich nicht nur für Architektur interessiert, sondern auch für neueste technische Verfahren, er arbeitetet für Firmen, die ihre Werkstätten fotografieren ließen, Labore und Untersuchungsräume von Krankenhäusern – und Werbefotografie für das schöne Land Baden-Württemberg.

Seine technische Finesse zeigt sich beispielsweise an einer Nachtaufnahme in einem Wald, wo ihm ein Reh vor die Linse trat, zauberhaft im Mondlicht. Stadtansichten, Landschaften, Museumsfotografie, Porzellanfigürchen, die wirken als würden sie aus dem Blatt Papier geradezu heraustreten. Die Württembergische Landesbildstelle wurde 1931 auf Lossens Arbeiten aufmerksam gemacht, sie kaufte 800 Glasnegative.

Württemberg kaufte keine Fotos der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

Es ist allerdings kein einziges Bild der ikonischen Gebäude von Le Corbusier bis Hans Scharoun darunter. Auch im Nachruf 1938 in der „Württembergischen Zeitung“ wird seine Arbeit für die von den Nationalsozialisten verachteten Weissenhofsiedlung nicht erwähnt, wohl aber die Auftraggeber wie „bedeutende schwäbische Firmen, Sammler, die kostbares Glas und Zinnobjekte im Lichtbild festgehalten zu sehen wünschten.“

An diesem offenkundigen Desinteresse hat sich seitens des Amts für Tourismus seither nicht allzu viel getan. Im neu gestalteten und vor wenigen Monaten frisch eröffneten Haus des Tourismus am Marktplatz wird niemand mit größeren Fotos oder gar einem Video darauf hingewiesen, dass die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) die Weissenhofsiedlung gekauft hat, dass die Le Corbusier-Häuser Unesco-Weltkulturerbe sind und dass die Landeshauptstadt über eine, wenn nicht die berühmteste Wohnsiedlung des Neuen Bauens des 20. Jahrhunderts verfügt.

Geschweige denn, dass das renommierte Büro Barkow Leibinger der Stuttgarter Architektin Regine Leibinger dort gerade ein Besucherzentrum für die Siedlung und die Internationale Bauausstellung IBA’27 baut, das bereits erste architektonische Auszeichnungen erhalten hat.

Dafür wissen nun zumindest all jene, die diese verdienstvolle und aufschlussreiche Ausstellung besuchen, wer der Mann war, der die Stuttgarter Siedlung, die nächstes Jahr 100. Geburtstag feiert, fotografisch weltberühmt gemacht hat.

Weitere Fotos von Otto Lossen und aus der Ausstellung in der Bildergalerie.

Info

Ausstellung„Dr. Lossen – Der Fotograf der Weissenhofsiedlung 1927“ ist noch bis zum 19. Juli in der Weissenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe (Am Weissenhof 20) in Stuttgart zu sehen. Öffnungszeiten sind Sa, So und feiertags 12-17 Uhr, der Eintritt ist frei.

Führungendurch die Schau finden statt am 29. März um 14 Uhr, am 17. Mai um 14 und 16 Uhr, am 28. Juni um 14 Uhr. Informationen www.weissenhofmuseum.de

Weissenhofsiedlung  – diese Fotos eines Stuttgarters gingen um die Welt

Dr. Otto Lossen: Haus Poelzig, Garten. Das Haus in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt – abgerissen 1949.

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Dr. Otto Lossen: Haus Poelzig, Terrasse des Hauses in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung im Jahr 1927.

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Die Ausstellung in der Weissenhof-Werkstatt zeigt auch, wie Otto Lossen die Aufnahmen bearbeitet hat.

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Das ist das Originalfoto von Otto Lossen, und. . .

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. . . dies die bearbeitete Version, die Ziegel auf dem Gehweg sind veschwunden.

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Küchen-Foto von Otto Lossen im Haus von Hans Scharoun und . . .

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. . . Otto Lossens Aufnahme eines Arbeitszimmers im Reihenhaus Mart Stam. Auf kleinen Schautafeln neben den Bildern wird stets gut erklärt, was auf den größeren Aufnahmen genau zu sehen ist.

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Die Ausstellung zeigt auch, dass Otto Lossen bereits während der Bauarbeiten der Weissenhofsiedlung fotografiert hat. Dies ist das Haus von Max Taut, Haus 24 in der Siedlung.

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Ein großer Teil der Schau informiert darüber, was Otto Lossen sonst noch alles fotografiert hat. Auch als Industriefotograf war er beispielsweise unterwegs.

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Blick in den Ausstellungsraum. In den Vitrinen sind Zeugnisse von Otto Lossens Fotoarbeiten, darunter Landschaften und Stadtporträts aus Württemberg, die auch von touristischen Stellen verwendet wurden. Nicht immer wurde der Name Otto Lossen genannt. Bilder aus Fotoserien wie „Bilder aus Schwaben auf Hauff-Platten“ sind auch Teil der Schau.

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Ein Fund ist in der Ausstellung zu sehen, den Kuratorin Inken Gaukel begeisterte, es zeigt auf dem Brief das Logo der Firma von Lossen von 1931, das einige Jahre noch deutlich weniger schnörkellos ausgesehen hatte.

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An einer Wand in der Weissenhofwerkstatt sind viele Archiv-Funde zu Otto Lossens Leben versammelt, darunter

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. . . der Reisepass von Otto Lossen mit einem Foto des Fotografen von 1911 und . . .

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. . . ein Foto findet sich in einem Zeitungs-Nachruf 1938.

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War noch nach dem Zweiten Weltkrieg bewohnt und wurde ebenfalls erst in der Nachkriegszeit 1956 abgerissen – das Wohnhaus von Max Taut, fotografiert von Otto Lossen.