„The Death of Robin Hood“

Der Mythos stirbt

Neu im Kino: Michael Sarnoski sagt der idealisierten Erzählung um den englischen Volksheld mit Hugh Jackman und Jodie Comer in „The Death of Robin Hood“ den Kampf an.

Der Mythos stirbt

Brutal und nicht ehrbar: So wird Robin Hood in der neuen Verfilmung von Michael Sarnoski dargestellt.

Von Martin Schwickert

Schon klar, Robin Hood ist ein Mythos. Seine Existenz konnte von Historikern nie stichhaltig bewiesen werden. Seine Geschichte entwickelte sich aus Balladen über mehrere Jahrhunderte hinweg zu jener Figur des edlen Gesetzlosen, der mit seinen Männern im Sherwood Forest die Reichen beraubte, um die Beute mit den Armen zu teilen. Der idealisierte Flitzebogenschütze wurde schon von Errol Flynn (1938), Sean Connery (1976), Kevin Costner (1991) und Russell Crowe (2010) variantenreich im Kinoformat verkörpert.

Aber nun sagt Regisseur und Drehbuchautor Michael Sarnoski in „The Death of Robin Hood“ dem verklärenden Mythos des englischen Volkshelden den Kampf an. Sein Robin Hood ist ein ganz gewöhnlicher Verbrecher ohne jegliche altruistische Ambitionen. Dessen Motive haben nichts mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Bloße Mordlust und persönliche Bereicherung sind die Triebfedern des Kriminellen, der es geschafft hat, sein gewalttätiges Handeln durch selbst gestrickte Legenden zu beschönigen. Aber nicht alle gehen ihm auf den Leim.

Zu Beginn des Films sitzt Hood (Hugh Jackman) graubärtig und allein am Lagerfeuer in einer kargen, windumtosten Landschaft.

Eine junge, hungrige Frau setzt sich zu ihm und bittet um Essen. Sie glaubt in dem alten Mann den legendären Robin Hood zu erkennen, der sich allerdings nicht zu erkennen geben will. In der Nacht kehrt die Fremde mit dem Messer in der Hand zur Schlafstätte des Mannes zurück. Denn bei ihr handelt es sich nicht um einen Fan, sondern um eine von vielen, die sich an Robin Hood für begangene Untaten rächen wollen. Aber der Alte überwältigt sie und rammt ihr ein Messer direkt in den Schädel. Ihre Leiche schleppt er ein paar hundert Meter weiter, um sie zu begraben.

Extreme Grausamkeit schockiert

Der Blick der Kamera weitet sich auf einen kleinen Privatfriedhof, auf dem der Mörder etwa ein Dutzend seiner Opfer beerdigt hat. Die brutale Szene macht überdeutlich, dass dieser Robin Hood nichts mit dem Held in Strumpfhosen a la Errol Flynn gemein hat. Aber damit gibt sich Regisseur Sarnoski nicht zufrieden. Wenig später sitzt Hoods langjähriger Weggefährte Little John (Bill Skarsgård) am Lagerfeuer, der längst als Farmer ein neues Leben angefangen hat. Aber auch ihm sind die Rächer auf der Spur. Seine Frau haben sie schon ermordet und nun fürchtet er um das eigene Leben und das seiner kleinen Tochter Margaret (Faith Delanay). Er überredet Robin mit ihm in eine letzte Schlacht gegen den verfeindeten Clan zu ziehen. Hood willigt ein, auch weil er hofft, dass sein Leben in diesem Kampf das lang ersehnte Ende finden wird.

Was nun folgt ist ein blutiges Gemetzel, in dem sich die Beteiligten auf maximal unappetitliche Weise gegenseitig tot prügeln. Die außerordentliche Grausamkeit dieser Szene hat dem Film zurecht eine Altersfreigabe am 16 verschafft und ist auch für das erwachsene Publikum eine echte Zumutung.

Offensichtlich hat Sarnoski die Gewalt derart drastisch ausformuliert, um einen größtmöglichen Kontrast zu dem herzustellen, was nun folgt. Nur knapp überlebt Hood schwer verletzt die Schlacht und wird bewusstlos mit dem Boot zu einem Inselkloster gebracht. Hier betreibt Schwester Brigid (Jodie Comer) ein Hospital, in dem Kranke und Verletzte ohne Ansehen ihres Standes oder ihrer Vorgeschichte gesund gepflegt werden. Im Vergleich zu den düsteren Bildern vom kargen Festland wirkt die Klosteranlage mit ihren Obstgärten wie ein vorparadiesischer Ort.

Die Barmherzigkeit der Nonne und die religiös-philosophischen Gespräche mit ihr, führen dazu, dass Hood am Ende seines Lebens angelangt zum ersten Mal so etwas wie Reue empfindet. Aber auch im Kloster holt ihn schon bald die Vergangenheit ein. Die kleine Margaret, die das Massaker mit ansehen musste, landet ebenso auf der Insel, wie der junge Arthur (Noah Jupe) - der letzte männliche Überlebende des Clans, der den familiären Auftrag übernommen hat, Hood zu töten.

Klischees dominieren die Bemühungen

Mit machtvollen Bildern und cineastischer Wucht inszeniert Sarnoski („A Quiet Place: Tag Eins“) seinen Robin-Hood-Film, der den Mythos mit aller Kraft zerschlägt, um daraus ein Drama über Schuld, Sühne und Erlösung abzuleiten. Aber die düster-verheißungsvolle Ästhetik des Films kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Story um den dekonstruierten Volkshelden ihrer religiös durchtränkten Themenstellung mit ermüdenden Stereotypisierungen annimmt.

Dem „männlichen“ Rache- und Gewaltprinzip wird hier auf allzu klassische Weise das „weibliche“ Prinzip der Barmherzigkeit entgegengestellt. Die weise Nonne, die die Wunden des grausamen Sünders pflegt und dessen seelische Genesung initiiert, bleibt - trotz aller Bemühungen um vermeintlich philosophische Tiefe - doch nur ein abgegriffenes Heiligen-Bildchen-Klischee.

The Death of Robin Hood. USA 2026, Regie: Michael Sarnowski, mit Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård, 122 Minuten, ab 16 Jahren. Start: 18. Juni.