Nachruf Christian Rottler

Der Stuttgarter Musiker „Rotte“ ist ausgezogen, das Scheitern zu lernen

Der Stuttgarter Musiker und Autor Christian „Rotte“ Rottler hat Haltung als Bewegung verstanden. Jetzt ist er viel zu früh gestorben.

Der Stuttgarter Musiker „Rotte“ ist ausgezogen, das Scheitern zu lernen

Christian „Rotte“ Rottler (1978-2026)

Von Björn Springorum

Christian Rottler ist tot. Er selbst hätte wahrscheinlich am ehesten mit einem Schulterzucken auf diese Nachricht reagiert. Weil er sich selbst nicht so wichtig genommen hat. Seine Kunst dafür umso mehr. Und den Rest der Welt natürlich. Nun ist da schon wieder einer weniger von diesen Menschen, von denen es eh schon viel zu wenige gibt. Die echt sind, gnadenlos und manchmal anstrengend echt. Aber echt. Immer echt.

Wie sich das für diese immer auch ein bisschen tragischen Figuren gehört, ist auch Rottler natürlich viel zu früh gegangen. Jahrgang 1978, das ist schlimm. Mit Christian Rottler geht einer, der sehr viel getan hat, aber deswegen noch lange nicht im Rampenlicht stehen musste. Der Haltung nicht als Statik verstand, sondern als Bewegung. Der Musik ebenso geliebt hat wie Text, am liebsten beides gleichzeitig. Der wie wenige andere das Scheitern als Kunstform und humorige Angelegenheit begriffen und verinnerlicht hat.

„Rotte“ wusste, was er tut

„Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr“, so nannte er vor einigen Jahren eines seiner aberwitzig-genialen und lakonischen Text/Musik-Hybriden. In dem setzte er sich damit auseinander, dass man an „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust eben nur scheitern kann. Und das tat er lustvoll.

Ebenso lustvoll und aus tiefster Überzeugung war er Raucher. Das mag man verteufeln, doch wer so geraucht hat wie Christian Rottler, der wusste, was er tut. Inspektor Kottan war nichts dagegen. „Disziplin und Zigaretten“, so hieß dann auch das Album, das er mit seiner nach ihm benannten Band Rottler unter anderem bei Ralv Milberg aufgenommen hat. Ganz schön laut und barsch, dann aber wieder ganz zart. Dualitäten mochte er. Live hat er das mit seiner Bande an engen Freunden und Mitmusikern eines Abends 2023 im Merlin vorgestellt. Im Merlin, wo er eh gern war.

Er hat Stuttgart immer die Treue gehalten

Was bedeutet das für eine Stadt, wenn einer wie er geht? Sie verliert einen besonderen Geist, der auch mal unbequem war, gern radikal dachte, aber Stuttgart immer die Treue gehalten hat. Oder war es eher andersherum? Am Ende waren es Komplikationen nach einer Herzklappen-OP, die ihn aus dieser Welt geholt haben. Christian Rottler würde das mit Fassung tragen. Menschen wie er wissen besser als andere, dass das Leben ultimativ tödlich ist. Und haben es deswegen immer etwas weniger ernst genommen. Jetzt kann er mit Kurt Cobain rauchen und Jürgen Habermas vollquatschen.