250 Jahre USA: Arte zeigt anlässlich des Jubiläums einen Themenabend, der einen Bogen von den Gründungsmythen bis zu Donald Trump schlägt.
Das Jefferson Memorial in Washington D.C. erinnert an Thomas Jefferson, von 1801 bis 1809 der dritte amerikanische Präsident und der hauptsächliche Verfasser der Unabhängigkeitserklärung.
Von Tilmann P. Gangloff
Wer die Vereinigten Staaten verstehen wolle, heißt es zu Beginn der zweiteiligen Arte-Dokumentation, „muss die Kräfte kennen, die sie geprägt haben“. Nach dieser Prämisse erzählt „America, who are you?“ (23. Juni ab 20.15 Uhr) die Geschichte des Landes: mit all’ ihren Brüchen und Konflikten, aber auch vor dem Hintergrund jener Visionen und Ideale, die zum Teil auf die puritanischen Einwanderer zurückgehen. Deshalb darf natürlich auch die Mayflower nicht fehlen. Das Schiff erreichte Amerika im November 1620. Viele der rund hundert Menschen an Bord waren in die „Neue Welt“ aufgebrochen, weil sie dort auf religiöse Freiheit hofften. Die „Pilgerväter“ sind ein wichtiger Bestandteil des Gründungsmythos der USA: Sie hielten sich für die Erwählten Gottes.
Mindestens ebenso elementar und dank Hunderter Romane, Filme und Serien in alle Welt transportiert, ist das Streben gen Westen. Die Weiten Arizonas, Schauplatz einer Vielzahl von Western, gelten in den USA nach wie vor, wie es im Kommentar zu Teil eins heißt, als „Sinnbild für ihr Verständnis von Freiheit, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Entfaltung ohne staatliche Einmischung“. Diese Haltung prägt bis heute das Selbstbild: Man steckt ein Stück Land ab und ist fortan autark. In Europa waren viele der Einwanderer Leibeigene, die ein Leben in bitterer Armut führten, in Amerika waren sie plötzlich Eroberer und besaßen Grund und Boden. Die Vorstellung vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, in dem man es mit Fleiß und Disziplin vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann, gehört natürlich ebenfalls zum Mythos.
Dazu noch zwei Dokus über Trump
Anlässlich der bevorstehenden Feier zur 250-jährigen Unabhängigkeit der USA skizziert Grimme-Preisträger Winfried Oelsner mit Hilfe verschiedener Sachverständiger vor allem aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft eine Chronik, die scheinbar unvermeidlich in die Präsidentschaft Donald Trumps mündete.
Der knapp dreieinhalbstündige Themenabend wird daher durch zwei Dokumentationen abgerundet, die sich mit den wirtschaftlichen Prinzipien Trumps befassen („Trump, no limit“, 23. Juni, 22 Uhr) und den tiefen Riss beschreiben, der sich seit seiner Wiederwahl durchs Land zieht („Trump zurück an der Macht“, 23. Juni, 22.55 Uhr).
Zunächst gilt es jedoch, einige typische Wesensarten des Landes und seiner Bevölkerung zu erklären, darunter auch „die hässliche Seite der Freiheit“, wie es eine Historikerin formuliert: Das im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung verbriefte Recht, eine Schusswaffe zu tragen, bezog sich ursprünglich nicht auf Einzelpersonen, sondern galt für Milizen, die im Auftrag der Regierung agierten. Heute besitzen 30 Prozent der amerikanischen Erwachsenen eine Waffe; die USA sind eins der gewalttätigsten Länder der Welt.
Jefferson war Sklavenhalter
Ähnlich kritisch ist die Haltung der dank diversen Archivmaterials und vieler Spielfilmausschnitte sehr kurzweiligen Dokumentation zur Umsetzung jener maßgeblich von Thomas Jefferson verfassten Urkunde, mit denen die damals 13 Vereinigten Staaten von Amerika am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone manifestierten. Alle Menschen seien gleich erschaffen worden, heißt es in der Präambel. Aber manche sind gleicher: Der vermeintlich revolutionäre Ansatz gilt als Geburtsstunde der modernen Demokratie, bezog sich in der Realität jedoch nur auf weiße Männer mit Eigentum. Jefferson, 15 Jahre später zum dritten Präsidenten der USA gewählt, war Sklavenhalter. Schwarze galten nicht als voll entwickelte Menschen, von der indigenen Bevölkerung ganz zu schweigen, und das nationale Wahlrecht für Frauen gibt es erst seit 1920. Mehr als nur differenziert ist auch Oelsners Blick auf das kriegerische Engagement der USA „im Spannungsfeld zwischen Moral und Machtpolitik“, vom Vietnamkrieg (1965–1975) bis zum Ende der regelbasierten Weltordnung unter Trump und dessen Wirtschaftskrieg gegen den Rest der Welt.
Am Samstag und Sonntag (27. und 28. Juni) zeigt Arte die Dokureihe „Die amerikanische Revolution“. Der Sechsteiler befasst sich ab 20.15 Uhr mit der Geburtsstunde der USA. Die Dokumentationen sind ebenfalls in der Arte-Mediathek verfügbar.