Sir Patrick Stewart bei der Premierenvorführung der letzten Staffel von „Star Trek: Picard“ am 9. Februar 2023 in Hollywood, Los Angeles. Diese Woche ist der britische Schauspieler im Alter von 86 Jahren gestorben.
Von Jochen Höneß
Es ist eine Szene, die in einer an unvergesslichen Momenten nicht armen Weltraum-Ära heraussticht. Sie spielt nicht im All, sondern in Frankreich. Jean-Luc Picard, Captain der Enterprise D, erholt sich von den Strapazen einer Auseinandersetzung mit den Borg, einer feindlichen Spezies, die fremde Zivilisationen nicht nur erobert, sondern deren Bevölkerungen gewaltsam in ihr Kollektiv assimiliert. Auch den Sternenflotten-Kapitän machten die Borg zu einer ihrer biologisch-maschinellen Drohnen, doch er konnte schließlich befreit werden.
Also besucht Jean-Luc seinen Bruder Robert auf dessen Weingut. Es kommt zum Streit. Der Weinbauer kann mit der Erkundung unbekannter Welten, der ganzen Lebensweise Jean-Lucs nichts anfangen. Als sich die beiden schließlich inmitten von Weinreben prügeln, fällt die Fassade des unverwüstlichen, stoischen Kommandeurs in sich zusammen. All die schrecklichen Erlebnisse der zurückliegenden Wochen kommen an die Oberfläche. Captain Jean-Luc Picard weint. Und Robert stellt fest: „Also ist mein Bruder am Ende doch ein Mensch.“
Die nächste Generation
Was macht einen Menschen aus? Für wieviel Menschlichkeit ist Platz im Weltall? Es sind auch solche Fragen, die der Neuauflage von „Raumschiff Enterprise“ in den Jahren 1987 bis 2002 als Leitmotiv dienten. In sieben Fernsehstaffeln und vier Kinofilmen trat Patrick Stewart in die Fußstapfen von William Shatner, dessen Captain Kirk von 1966 an die Enterprise kommandierte. Serienschöpfer Gene Roddenberry, der bereits 1991 starb, wagte damit eine Neuauflage, die sich von Anfang an mit der ikonischen Brückencrew um Kirk, Spock, Scotty und Uhura messen musste.
Der neue Kapitän war dabei so ganz anders als sein impulsiver, raubeiniger Vorgänger, der gerne mal echsenähnliche Außerirdische mit bloßen Fäusten verprügelte. Patrick Stewart wollte seine Rolle auf Tiefgang und Intellekt aufbauen. Sein Weg aus einfachen Verhältnissen in Mirfield, West Yorkshire, wo er am 13. Juli 1940 zur Welt kam, führte ihn schon in der Schulzeit ans Theater. Mit 19 Jahren kam er über ein Stipendium an die Bristol Old Vic Theatre School, was den Grundstein für eine langjährige Bühnenkarriere legen sollte.
Von 1966 an war er Teil der Royal Shakespeare Company, bis er sich Anfang der 80er-Jahre zunehmend auf Filmproduktionen konzentrierte. Als er schließlich 1986 für Star Trek gecastet wurde, bestand er darauf, seine tiefe innere Verbindung zu Shakespeare in die Science-Fiction-Rolle aufnehmen zu dürfen. So finden sich in zahlreichen Folgen der Raumschiff-Saga Zitate und Anspielungen auf den großen englischen Dichter. Als jemand, der sich so intensiv mit Shakespeare beschäftigt habe, fühle sich dieser für ihn „wie ein Freund“ an, sagte Stewart einmal dem „Telegraph“. „Wie jemand, der nur mal eben rausgegangen ist, um eine neue Flasche Wein zu holen.“
Das Streben nach Menschlichkeit
Dieser unwahrscheinliche Brückenschlag zwischen klassischer Literatur und phantastischer Science-Fiction gelang vor allem im Spiel zwischen Patrick Stewart und Brent Spiner, der in „Star Trek“ den Androiden Data verkörperte, eine Maschine mit einem positronischen Gehirn, die stets danach strebte, nicht nur menschlich auszusehen, sondern es auch zu sein. Captain Picard begleitete Data nicht nur auf diesem Weg, sondern vermittelte ihm auch die dafür grundlegenden Werte, lehrte ihn den Umgang mit Emotionen und die Bedeutung von Fehlbarkeit.
Auch in der Neuauflage „Star Trek: Picard“ (2020-2023), in der Stewart noch einmal für drei Staffeln in die Rolle des Jean-Luc Picard schlüpfte, wurde dieser Handlungsfaden wieder aufgenommen. Lange Jahre galt es als unwahrscheinlich, dass sich Stewart noch einmal in diesen Kosmos stürzt. Zwischenzeitlich hatte er sich wieder dem Theater zugewandt, war aber auch in den „X-Men“-Comicverfilmungen als Professor Charles Xavier an der Seite von Sir Ian McKellen zu sehen, mit dem Stewart eine jahrzehntelange tiefe Freundschaft verband. 2010 schlug ihn Queen Elisabeth II. wegen seiner Verdienste um die Schauspielkunst zum Ritter.
Ein letztes Mal auf der großen Leinwand
Sir Patrick Stewart war bereits 82 Jahre alt, als die dritte Staffel von „Star Trek: Picard“ abgedreht war. Es sollte nicht seine letzte Rolle vor der Kamera sein. Für den Marvel-Blockbuster „Avengers: Doomsday“, der im Dezember in die Kinos kommt, nahm er ein weiteres Mal seine Rolle als Professor X auf. Bis zuletzt war Stewart in den sozialen Medien präsent und auf Conventions seinen Fans nahe. Dass er schwere gesundheitliche Probleme hatte, war zuletzt ein gut gehütetes Geheimnis. Bei öffentlichen Auftritten wirkte er für sein Alter stets erstaunlich fit.
Umso schwerer schlug die Nachricht von seinem Tod bei seinen Millionen Fans auf der ganzen Welt ein. Sir Patrick Stewart starb am 28. Oktober im Alter von 86 Jahren in seinem Zuhause im kalifornischen Los Angeles an den Folgen einer Alzheimer-Erkrankung sowie an der Lewy-Körperchen-Demenz, einer seltenen Demenzform.