Wer sind die Favoriten beim Finale des 70. Eurovision Song Contest (ESC) in Wien? Und warum wäre Sarah Engels für Deutschland mit „Fire“ fast im Schlafanzug aufgetreten?
Die deutsche Teilnehmerin Sarah Engels (Mitte) singt bei den Proben für den Eurovision Song Contest 2026 (ESC) in der Wiener Stadthalle ihren Song „Fire“
Von Gunther Reinhardt
„Boy, I'm out of your league!“ Junge, ich bin viel zu gut für dich, haucht sie in ihr goldglitzerndes Mikro, lässt sich von ihren Tänzerinnen das weiße Federkleid vom Leib reißen und dann in deren Arme fallen, während links und rechts von ihr Feuerfontänen auflodern. Am Dienstagabend rasten in der Wiener Stadthalle die Fans aus, als Sarah Engels beim ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) spektakulär inszeniert das Lied „Fire“ singt.
Dabei wäre die Präsentation des deutschen ESC-Beitrags schon fast zum Fiasko geworden, bevor die Show in Wien überhaupt angefangen hat. Denn Sarah Engels Koffer kam nicht an. Das verrät sie am Donnerstagnachmittag als sie im Eurovision Village, in das sich der Wiener Rathausplatz für eine Woche verwandelt hat, vorbeischaut.
Sarah Engels: „Ich wäre auch im Pyjama aufgetreten“
Tausende Fans drängeln sich vor einer riesigen Bühne, trotzen fröhlich dem regnerischen Wetter, haben zwischen Karaoke- und Quizshows sowie den Auftritten von ESC-Acts viel Spaß. Und nachdem Sarah Engels auch hier noch einmal „Fire“ gesungen hat, verspricht sie: „Ich wäre auch im Pyjama aufgetreten.“
Das war dann aber doch nicht nötig. Ihr Song und ihre Performance bieten eigentlich all das, was ein ESC-Hit braucht: Ein Refrain, der eingängig wie ein Kinderabzählreim daherkommt („fire! fire! liar! liar!“), trifft auf einen Groove, den sich die Songschreiber bei Dua Lipa abgeschaut haben könnten. Eine in einen Dancetrack verpackte Hymne weiblicher Selbstbehauptung wird in eine sexy-aufregende Choreografie übersetzt. Ob es Sarah Engels dadurch am Ende weiter nach vorne schafft, als Abor & Tynna, die 2025 beim ESC in Basel auf Platz 15 landeten?
ESC: Die haushohen Favoriten kommen aus Finnland
„Darf's a bisserl mehr sein?“, würde das Wiener Original Hans Moser jetzt wahrscheinlich weinselig fragen. Und ein paar Versuche, darauf jetzt schon eine Antwort zu finden, gibt es schon. Spotify hat im Vorfeld des ESC-Finales, das am Samstag stattfindet, die Streamingzahlen der diesjährigen Beiträge ausgewertet und stellt fest, dass Sarah Engel mit „Fire“ der klare Fan-Favorit ist – allerdings nur in Deutschland. Der beliebteste Beitrag europaweit kommt dagegen aus Italien: Sal Da Vincis knuffige Italopop-Nummer „Per sempre si“. Platz zwei belegt „My System“ von Felicia (Schweden) vor „Liekinheitin'“ von Linda Lapenius und Pete Parkkonen (Finnland).
Das finnische Duo ist bei den Wettbüros sogar der haushohe Favorit. Die Buchmacher geben der VIolinstin und dem Sänger, die orchestral inszenierten Pathos auf Eurodance treffen lassen, eine Siegchance von 37 Prozent, gefolgt von Aklyas und „Ferto“ (Griechenland, 14 Prozent) und Søren Torpegaard Lund und „Før vi går hjem“ (Dänemark, 12 Prozent). Deutschlands Chancen werden dagegen nicht besonders hoch eingeschätzt. Auf der Internetseite eurovisionworld.com, die die Quoten diverser Wettbüros erfasst, liegt Sarah Engels derzeit auf Platz 24 mit einer Siegchance von unter einem Prozent.
Streit um die ESC-Teilnahme Israels
Damit würde sie auf dem vorletzten Platz liegen: 25 Acts aus ebenso vielen Ländern sind am Samstag beim Finale (Übertragung ab 21 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek) mit dabei. Zehn der insgesamt 35 Nationen, die zuvor bei den zwei Halbfinalen am Dienstag und Donnerstag in der Wiener Stadthalle gegeneinander angetreten waren, schafften es nicht bis ins Finale. Nur 35 Acts – so wenige hat es seit 20 Jahren beim ESC nicht mehr gegeben.
Das liegt nicht daran, dass dieser Musikwettbewerb aus der Mode gekommen ist, sondern an der Teilnahme Israels. Das Motto der Show in Wien heißt zwar „United By Music“. Der Streit, ob das wegen seines Vorgehens im Gazastreifen kritisierte Israel teilnehmen darf, stellt die ESC-Gemeinschaft aber vor eine Zerreißprobe.
Ist der ESC politisch oder nicht?
Irland, Island, die Niederlande, Spanien und Slowenien sind in diesem Jahr aus Protest gegen die Teilnahme Israels nicht dabei. Der Queer-Pop-Star Nemo, der 2024 für die Schweiz den ESC gewonnen hatte, hat den Pokal aus Protest inzwischen sogar zurückgegeben. Im Interview mit unserer Zeitung sagte Nemo: „Der ESC ist politisch, auch wenn er gern behauptet, es nicht zu sein.“
Nicht nur der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den ESC veranstaltet, sondern auch der Politik wäre es am liebsten, wenn sich der ESC aus der Politik heraushalten würde. Der Beauftragte der Bundesregierung gegen Antisemitismus, Felix Klein, fordert, dass es beim ESC nur um „die Musik, die Show und die Unterhaltung“ gehen sollte. Er wünsche sich „breiten Widerspruch gegen eine ungerechte Vereinnahmung dieses fröhlichen Festivals durch einzelne Politaktivisten“, sagte er der „Rheinischen Post“. Beim ersten Halbfinale wurde der Auftritt Noam Bettans, der mit dem Lied „Michelle“ für Israel antritt, durch Pfiffe, Zwischenrufe und Sprechchöre mit unter anderem pro-palästinensischen Parolen gestört.
Deutschland bleibt der Finalplatz sicher
Israel schaffte es dennoch genauso ins Finale wie die Dänemark, Australien oder die Top-Favoriten aus Finnland. Ausgeschieden sind dagegen zum Beispiel Portugal oder die Schweiz. Sarah Engels hätte dagegen beim Halbfinale tatsächlich auch im Schlafanzug auftreten können: Deutschland ist als einer der großen EBU-Geldgeber neben Frankreich, Italien und Großbritannien automatisch für Finale qualifiziert – genauso wie Österreich als Gastgeber und Sieger des Jahres 2025.
„Jetzt ist es vor allem wichtig, nicht die Nerven zu verlieren“, sagt Engels bei ihrem Auftritt auf dem Wiener Rathausplatz. „Ich will im Finale drei Minuten lang das Beste für Deutschland geben“, verspricht sie und bekommt dafür von dem kunterbunten kostümierten Fans, die aus der ganzen Welt nach Wien gereist sind, sehr viel Applaus. Ob's dann am Ende auch für a bisserl mehr reicht? Das wird sich erst spät Samstagnacht erweisen.