Was mit einem Hamburger Frauenclub begann, wurde zu einer bundesweiten Bewegung, die bis heute lebendig ist: Das Künstlerinnen-Netzwerk Gedok feiert 100. Geburtstag.
Gedok-Gründerin: die Salonnière Ida Dehmel (Minya Diez-Dührkoop: Bildnis Ida Dehmel, 1908–1910)
Von Adrienne Braun
Heute hätte sie es vermutlich schwerer, Mitstreiterinnen zu finden. Denn Ida Dehmel hatte ihre Prinzipien: „Niemand darf hierherkommen nur um zu nehmen“, erklärte sie entschieden, weil sie eine Vision hatte, die auch schon vor hundert Jahren eher ungewöhnlich war: Sie wollte ein Miteinander statt Egoismus und suchte Gleichgesinnte, die die Kunst liebten und wie sie beseelt waren „von dem Wunsch, auch zu geben“. Denn Ida Dehmel war überzeugt: „Wenn Alle geben, werden Alle empfangen.“
Aus heutiger Sicht staunt man, wie schnell der Verband wuchs, den die Hamburger Salonnière Ida Dehmel vor hundert Jahren gründete. Was mit einem Hamburger Frauenclub begann, wurde flugs zu einer bundesweiten Bewegung, die bis heute existiert: die „Gemeinschaft deutscher und oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ –Gedok. In vielen Städten treffen sich bei der Gedok nach wie vor Menschen mit „Liebe zur Kunst“ und „Verehrung für den Schöpferischen Menschen“, wie Ida Dehmel es nannte. Ihr war wichtig, dass es kein Verein „im alten Sinn“ ist, „sondern ein wirkliches vereint-sein; ich wage zu sagen: eine Gemeinde, verbunden im Ziel gegenseitiger Bereicherung“.
Die Gedok vertritt bewusst alle Sparten
In diesem Jahr feiert die Gedok ihren hundertsten Geburtstag – wenn auch nicht so schillernd, wie es die Damen in den ersten Jahren taten, zumindest berichtete das „Hamburger Fremdenblatt“ 1927 von einem offenbar grandiosen Karnevalsfest mit „höchst köstlich kostümierten“ Gästen und „geistig beschwingter Fröhlichkeit“. Sogar der Saal war eigens ausgemalt worden – individuell und von Hand, nicht wie heute üblich von kommerziellen Veranstaltungsmanagern.
Die 23 Regionalgruppen im Land würdigen auf ihre Weise das Jubiläum mit Kunst- und Kulturprogrammen, wobei die Hauptausstellung im Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg stattfindet. Die Bildende Kunst ist die stärkste Fraktion der Gedok, die aber bewusst alle Sparten vertritt: Literatur, Musik, Design und Bühnenkunst. Einer der wichtigsten Preise, die die Gedok vergibt, ist der Ida-Dehmel-Literaturpreis.
Ohne diese Ida Dehmel sähe die deutsche Kulturlandschaft heute vermutlich anders aus. Sie muss eine charismatische Person gewesen sein, die sich zunächst allerdings ganz dem Werk ihres verstorbenen Mannes widmete, dem erfolgreichen Autor Richard Dehmel. Zunächst sah sie sich als seine „Dienerin“, nach seinem Tod 1920 aber macht sie eine Wandlung durch, trägt nun Reformkleider, beginnt selbst zu schreiben, tritt für das Frauenwahlrecht ein - und gründet schließlich die Gedok.
Viele bekannte Namen unter den ersten Mitgliedern
Denn obwohl die Weimarer Verfassung die Gleichstellung der Geschlechter vorschrieb, hinkte die Realität hinterher. Die Akademien öffneten sich nur zögerlich für Studentinnen, Ausstellungs- und Fördermöglichkeiten blieben meist Männern vorbehalten. Auf der Liste der ersten Mitglieder finden sich viele bis heute bekannte Namen: Anita Rée, Käthe Kollwitz und Elfriede Lohse-Wächtler, die Tänzerin Mary Wigmann oder die Autorinnen Else Lasker-Schüler und Ricarda Huch. Finanziell und ideell engagierten sich gebildete „Damen von Stand“ wie Alice Neven Dumont, Marion Goldschmidt-Rothschild oder auch die Sozial- und Kulturpolitikerin Edith Mendelssohn Bartholdy. Die wohlhabenden Frauen unterstützten die Künstlerinnen mit Material, Kontakten und als Gastgeberinnen. Wer einen Landsitz besaß, wurde sogar gebeten, Künstlerinnen zu Erholungsaufenthalten einzuladen. Diese revanchierten sich mit künstlerischen Geschenken.
Seit Jahren schlummert die Geschichte der Gedok in Kisten, viele Dokumente seien in einem schlechten Zustand, heißt es in der Festschrift, die gerade erschienen ist. Da die Gedok auf Bundesebene keine Förderung erhält, sondern sich von einem Projektantrag zum nächsten hangeln muss, können keine Forschungsaufträge vergeben werden, um die Unterlagen angemessen zu archivieren. Umso bemerkenswerter ist, wie viele spannende Details aus der Geschichte ein kleines, wackeres Redaktionsteam zusammengetragen hat.
Die Nazis schlossen alle jüdischen Mitglieder aus
Viele der Gedok-Mäzeninnen der ersten Jahre waren jüdisch, aber es gab auch bald einige, die mit dem deutschtümelnden, nationalistischen Frauenbild sympathisierten. Schließlich übernahmen die Nazis die Gedok komplett und schlossen alle jüdischen Mitglieder aus – auch Ida Dehmel, die sich 1942 das Leben nahm, um der Deportation zu entgehen. Statt künstlerischer Avantgarde wurde nun völkisch aufgeladene Kunst propagiert – volkstümelnde Familienbilder, Bauern und heldenhafte Soldatenmütter.
Nach dem Krieg wurden die Ortsgruppen neu belebt. Der Stuttgarter Gedok gelang es sogar, ein eigenes Gebäude zu bauen mit 34 Wohnateliers, Veranstaltungsraum und Ballettsaal. Bemerkenswert war allerdings, dass man es für nötig hielt, der Architektin Grit Bauer-Revellio einen männlichen Berater zur Seite zu stellen.
Heute ist die Gedok ein Kulturanbieter unter vielen – und doch weiterhin ein höchst lebendiger Bund, der Beratung für junge Künstlerinnen anbietet, Kunstprojekte, Wettbewerbe, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und vieles mehr veranstaltet. Ida Dehmel hätte es gefallen, zu sehen, dass ihre „neuen Wege zur Gemeinschaft“ erfolgreich in die Zukunft führten.
Jubiläumsschau in Hamburg und Ortsgruppe Stuttgart
AufbruchIn einem Brief an ihre Nichte schreibt Ida Dehmel nach der Gedok-Gründung, was für ein Sprung es für die meisten Frauen bedeute, „nun plötzlich mit Dutzenden von Frauen aus ganz anderen Kreisen bekannt zu werden“.
Verband Die Gedok, 1926 als „Gemeinschaft deutscher und oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ gegründet, ist als Bundesverband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstfördernden e. V. bis heute das älteste und europaweit größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Kunstgattungen. Die Gedok Stuttgart ist eine von 23 Ortsgruppen. Infos unter www.gedok-stuttgart.de
Ausstellung„Künste · Frauen · Netzwerk – 100 Jahre GEDOK“ bis 29. März im Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg.