Tiefschürfender Episodenfilm auf Arte: In „Blindgänger“versetzt der Fund einer Fliegerbombe die Protagonisten in den Ausnahmezustand.
Bombenentschärferin Lane (Anne Ratte-Polle, li.) leidet unter Panikattacken. Ava (Haley Louise Jones), die neue Psychologin des Entschärfungsteams, fühlt sich derweil zu ihr hingezogen und ignoriert das Trauma
Von Tilmann P. Gangloff
In extremen Situationen reagieren die Menschen ganz unterschiedlich. Nun zeigt sich womöglich der wahre Charakter, im Guten wie im Schlechten: Die einen denken in erster Linie an sich, die anderen vor allem an andere; und manche trauen sich erst im Angesicht eines möglichen Todes, lange verborgene Seiten auszuleben.
Einer von 5.000 entdeckten Blindgängern jährlich
Kerstin Polte konfrontiert die Figuren ihrer Geschichte mit einem Ausnahmezustand, der einige über ihre Grenzen treibt: Bei Bauarbeiten im Hamburger Schanzenviertel wird ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Die Bombe wiegt tausend Pfund und würde weite Teile der „Schanze“ in Schutt und Asche legen. Für das Personal vom Kampfmittelräumdienst (KRD) sind solche Funde in den vor gut achtzig Jahren bevorzugt bombardierten Ballungsräumen nichts Ungewöhnliches: In Deutschland werden im Schnitt pro Jahr rund 5.000 Blindgänger entdeckt. Der Film dokumentiert dies fast schon ironisch mit Kriegsaufnahmen, auf denen jeweils ein Teil der tödlichen Fracht mit einem „x“ markiert ist.
Eine Kombination unglücklicher Umstände
In diesem Fall kommt es jedoch zu einer Kombination unglücklicher Umstände, die eine Kettenreaktion auslösen könnten: KRD-Mitarbeiter Otto Bismarck (Bernhard Schütz) hat soeben erfahren, dass seine Prostata von Krebs befallen ist. Die Diagnose wirft ihn derart aus der Spur, dass er das Geständnis seiner Frau (Claudia Michelsen), eine Affäre zu haben, kaum zur Kenntnis nimmt. Weil Otto unpässlich ist, soll eine Kollegin die Leitung des Teams übernehmen. Hätte die Bombe einen Aufprallzünder, wäre die Entschärfung zwar keine reine Routine, aber auch keine unlösbare Herausforderung. Diese jedoch hat einen Langzeitzünder, sie kann bereits bei der kleinsten Erschütterung explodieren. Angesichts der heiklen Aufgabe wird Bombenentschärferin Lane Petersen (Anne Ratte-Polle), psychisch labil, prompt von einer Panikattacke befallen. Weil ein Unglück selten allein kommt, droht zu allem Überfluss auch noch ein Unwetter.
Aus diesem Stoff hätte gut und gern ein Thriller werden können, aber Polte (Buch und Regie) hatte andere Pläne. Ihr Interesse gilt weniger den Rahmenbedingungen, sondern der Reaktion der Menschen: Die einen wachsen über sich hinaus, die anderen werden ganz klein; die einen flüchten, die anderen finden sich selbst. Am berührendsten sind die Momente mit Otto, der durch die Bekanntschaft mit dem Travestiekünstler Viktor (Karl Markovics) eine bislang verborgene Facette seiner Persönlichkeit entdeckt.
Weil es keine zentrale Figur gibt und der Film stattdessen mal diese, mal jenen begleitet, ist „Blindgänger“ fast zwangsläufig episodisch und etwas unstrukturiert, selbst wenn sich einige der Lebenswege auf zum Teil liebevoll eingefädelte Weise kreuzen. Andererseits wirkt der insgesamt sehr ruhig gestaltete Film dank der ständigen Szenenwechsel zumindest inhaltlich dynamisch, zumal Polte auf diese Weise viele kleine Geschichten erzählen kann: von Einsamkeit, aber auch von Freundschaft und Liebe.
Eine der schönsten Szenen des Films
In der Wohnung ihres Nachbarn Viktor stößt Lanes betagte Mutter Margit (Barbara Nüsse), die als Kind den Bombenhagel auf Hamburg erlebt hat, auf einen versteckten Afghanen, der abgeschoben werden soll. Die Sirenen lösen nahezu identische Erinnerungen aus, mit einem Unterschied: Margit hört die Explosionen, Junis (Ivar Wafaei) sieht sie. Die Szene, in der die alte Frau und der junge Mann ihre Ängste einfach wegtanzen, gehört zu den schönsten des Films.
Blindgänger: Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte