Wer braucht noch Fachleute in Zeiten von KI? In Park Chan-wooks grandios abgründiger Sozialsatire „No Other Choice“ versucht ein Aussortierter seine Karriere zu retten.
Zur Not geht’s auch mit dem Blumenkübel: Man-soo (Lee Byung-hun) in „No Other Choice“
Von Kathrin Horster
Analog ist out und alles, was damit zu tun hat. Ein Steckenpferd für Dinosaurier, die jetzt hoffentlich bald alle der Blitz trifft. Ein Hurra auf die KI! So ungefähr schätzen die neuen Herren aus Amerika in der Chefetage von Man-soos Arbeitgeber, einer südkoreanischen Papierfirma, den Wert sowohl des Produkts als auch den des in Jahrhunderten verfeinerten Herstellungsprozesses ein.
Man-soo (Lee Byung-hun) ist ein Meister seines Fachs, ewiger „Pulpe-Macher des Jahres“. Mit seiner Frau Mi-ri (Son Ye-jin) und den beiden Kindern bewohnt er sein aufwendig restauriertes Elternhaus. Die Tochter mit Autismusspektrumsstörung und musikalischer Hochbegabung bekommt exklusiven Cello-Unterricht. Zwei Golden Retriever, ein Netflix-Abo und Hobbys wie Tennis und Tango komplettieren das kostspielige Familienglück, das nun die Kalkulatoren von Man-soos Firma mit der Abrissbirne einreißen. Weil KI-gesteuerte Maschinen angeblich alles besser und billiger schaffen, wird Man-soo fristlos gekündigt – der Beginn eines harten, opferreichen Kampfes um Job, Geld, Leben und Würde.
Papier ist seine Passion
„No Other Choice“ heißt die bärbeißig fiese, grandios abgründige Arbeitsmarktsatire des Südkoreaners Park Chan-wook auf Basis eines Romans des amerikanischen Hard-Boiled-Krimiautors Donald E. Westlake aus dem Jahr 1997. Man staunt, wie hellsichtig der Stoff die aktuellen Bedingungen des Marktes vorwegnimmt, wie eindringlich Park Chan-wook dem Publikum die kommenden Sozialmiseren unter dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz anhand eines exemplarischen Antihelden vorführt.
Man-soo ist nicht einfach bloß eine Arbeitsdrohne. Papier ist Passion für ihn; vom schnöden Klo- bis zum zarten Zigarettenpapier, vom Schutzblatt für Damenbinden bis zum edlen Büttenbogen. Diese Herausstellung ist wichtig, weil Park Chan-wook anhand Man-soos Versessenheit die enorme Identifikation der Menschen mit ihrem Beruf illustriert, die nicht mit der Kündigung endet, sondern die vom Markt Aussortierten seelisch wund reibt.
Anhand von Man-soos Schicksal klingen auch die in Deutschland immer lauteren Forderungen nach Erhöhung des Renteneintrittsalters wie blanker Hohn. Einen erfahrenen Mechatroniker mit Anfang fünfzig und kaputter Bandscheibe auf Altenpfleger umschulen zu wollen, würden manche aberwitzig und aussichtslos nennen. Und weil das Arbeitgeber meist genau so sehen, zieht die Filmfigur Man-soo nach demütigenden Monaten als Hilfskraft in einem Supermarkt und gescheiterten Vorstellungsbemühungen auch Mord und Totschlag in Betracht, um wieder in seinem Stamm-Metier Fuß zu fassen.
Vom entwürdigten Opfer zum planvollen Kämpfer
Die Zynismen, mit denen Arbeitsuchende täglich konfrontiert werden, inszeniert Park Chan-wook mit gehässig überzeichnetem Witz, aber nah an der Wirklichkeit. In Autosuggestionskursen atmen und klopfen die Gekündigten ihre Scham und Ängste weg und reden sich ein, sie könnten binnen kürzester Zeit wieder erfolgreich sein. Um einen knapp anberaumten Termin zum Jobinterview zu ergattern, rennt Man-soo in Unterhosen nach Hause, weil er bei der Hals-über-Kopf-Kündigung im Supermarkt auch seinen Dienstoverall abgeben musste. Vor seinen potenziellen Chefs rutscht er auf den Knien, doch es nützt nichts. Das Abgleiten seines Protagonisten ins Mörderische versteht Park Chan-wook als alternativlose Notwendigkeit. Es sind die Verhältnisse, die Man-soo ins Chaos schlittern lassen. Das Morden entwickelt sich allerdings vom reinen Selbsterhaltungszweck zum Akt der Selbstermächtigung; vom entwürdigten Opfer mausert sich Man-soo zum planvollen Kämpfer mit Revolver, Blumenkübel und Kettensäge.
Park Chan-wook zeigt Grausamkeiten mit scharfer Linse
Koreanisches Kino ist mit Filmemachern wie Park Chan-wook oder Bong Joon-ho („Parasite“) vor allem für seinen tief schwarzen, bissigen Humor und extrem grafische Gewaltdarstellungen bekannt. Wo Europäer lieber verschämt abblenden, zeigt Park Chan-wook mit scharfer Linse den menschlichen Abgrund, führt vor, wie sich Man-soo im Kampf um einen Revolver mit einem Kontrahenten auf dem Boden prügelt oder einen weiteren Konkurrenten mit Alkohol und Fleischmatsch wie eine Weihnachtsgans zu Tode stopft.
Park Chan-wook arbeitet auch nicht mit einem herkömmlichen Spannungsbogen, der auf Klimax und erleichterndes Finale zustrebt. Von Szene zu Szene kumulieren die Turbulenzen, ohne dass ein Ende ab- und vorhersehbar wäre. Die Stimmung wechselt von eleganter Heiterkeit über verzweifelte Traurigkeit zu fast hysterisch übersteigerter Slapstick-Komik. Man würde Man-soo gerne moralischen Widerstand leisten, ihn verabscheuen und verurteilen. Am Ende kann man aber nicht umhin, Man-soos Mumm zu bewundern.
No Other Choice: Südkorea 2025. Regie: Park Chan-wook. Mit Lee Byung-hun, Son Ye-jin. 139 Minuten. Ab 16 Jahren.