Neue Berlinale-Highlights

Isabelle Huppert ist „Die Blutgräfin“

Bei der Berlinale sorgen Faraz Shariats Justizthriller„Staatsschutz“ und Ulrike Ottingers Vampir-Farce „Die Blutgräfin“ mit Frankreichs Kinostar Isabelle Huppert für neuen Schwung.

Isabelle Huppert ist „Die Blutgräfin“

Isabelle Huppert in „Die Blutgräfin“

Von Patrick Heidmann

Wann immer bei einem großen Filmfestival wie der Berlinale die Halbzeit überstanden ist und das Programm in die zweite Hälfte startet, wird eine gewisse Müdigkeit spürbar. Zu viele Kinobesuche liegen da schon hinter einem, bei zu wenig Schlaf, und weil in der Regel der Industry-Teil – in diesem Fall der European Film Market – einige Tage früher zu Ende kommt, reisen etliche Branchenvertreterinnen und -vertreter schon ab, was zusätzlich zum Gefühl beiträgt, der Veranstaltung würde langsam die Puste ausgehen. Wenn dann noch die Filme auf der Leinwand schwächeln, wird es endgültig schwierig, die cineastische Euphorie der ersten Tage aufrecht zu halten.

Bei den 76. Internationalen Filmfestspielen in Berlin lässt sich jedenfalls kurz vorm Endspurt eine gewisse Ernüchterung ausmachen. Die großen Enttäuschungen sind im Wettbewerb um den Goldenen Bären zwar glücklicherweise spärlich gesät. Doch weil für die herausragenden Werke, über die jeder spricht, das gleiche gilt, herrscht aktuell ein Gefühl von solidem Durchschnitt vor.

„At the Sea“: Eine Frau in der Krise

Für echte Festival-Begeisterung ist das natürlich zu wenig, und daran änderte auch „At the Sea“ des in Berlin lebenden Kornél Mundruczó wenig. Zum zweiten Mal nach „Pieces of a Woman“ hat der ungarische Regisseur einen Film auf Englisch und in den USA gedreht, und abermals widmet sich das von seiner Ehefrau Kata Wéber verfasste Drehbuch einer Frau in der Krise.

Amy Adams spielt in „At the Sea“ eine Tänzerin, die von ihrem berühmten, reichlich problematischen Choreografen-Vater nicht nur dessen Kompanie, sondern auch seinen Hang zur Sucht geerbt hat. Nach langem Aufenthalt in einer Entzugsanstalt kehrt die ohne Frage Trauma-belastete Alkoholikerin zu Beginn des Films zu ihrer skeptischen Familie zurück und muss dort erst einmal wieder ihren Platz finden.

Die schlimmsten Klischees typischer Suchtgeschichten weiß Mundruczó erfreulicherweise zu vermeiden, während seine Protagonistin versucht, gleichzeitig die Vergangenheit zu bewältigen und ihre Zukunft neu zu organisieren. Gegen Ende nimmt dann aber doch das Pathos überhand, sodass „At the Sea“ letztlich nur dank hübscher Cape- Cod-Bilder und vor allem einer nuanciert-eindringlichen Leistung von Amy Adams über die Runden kommt. Dass letztere, die als eine der wenigen großen US-Stars in diesem Jahr angekündigt war, letztlich doch nicht zur Weltpremiere am Montag anreisen konnte, war umso enttäuschender.

Ohne prominente Besetzung, dafür insgesamt überzeugender kam „We Are All Strangers“ daher. Zum insgesamt dritten Mal hat Anthony Chen einen Film gedreht mit seinem Hauptdarsteller Kho Jia Ler, den er vor 14 Jahren als Elfjährigen für sein Debüt entdeckt hatte. Hier spielt der charismatische junge Mann nun einen 21-jährigen Schulabbrecher, der mit seiner unverhofft schwangeren Freundin bei seinem Vater unterkommt, der mit seinem Nudelstand selbst kaum genug zum Überleben verdient und gerade einer Bekannten einen Heiratsantrag gemacht hat. Warmherzig und wahrhaftig in den Emotionen wie der visuellen Gestaltung, erzählt Chen dabei nicht nur von den Wandlungsprozessen einer Familie, sondern auch von denen seiner Heimat Singapur. Ein Höhepunkt im daran sonst eher armen Wettbewerb.

Gerade wenn die Hauptreihe schwächelt, können bei der Berlinale oft die anderen Sektionen glänzen, das ist in diesem Jahr nicht anders. Ein wuchtiges Zeichen setzte etwa in der Sektion Panorama Faraz Shariat. Vor sechs Jahren empfahl er sich an gleicher Stelle als große Hoffnung für das deutsche Kino, nun legt er – nach einigen Streaming- und TV-Arbeiten – mit „Staatsschutz“ überzeugend nach. Die fiktive, aber kein bisschen aus der Welt gegriffene Geschichte der jungen, koreanisch-stämmigen Staatsanwältin Seyo Kim, die in eigener Sache vor Gericht zieht, als sie selbst Opfer eines rassistisch motivierten Anschlags wird, ist mit spürbarer Wut, aber nicht ohne Hoffnung erzählt, was die Frage angeht, ob man gegen ein korrumpiertes System auch von innen heraus kämpfen kann. Subtilität sollte man von Shariats kämpferischem Zweitling nicht erwarten, dafür mit der jungen, vom Stadttheater Ingolstadt kommenden Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan einen echten neuen Stern am deutschen Schauspielhimmel.

Gar nichts mehr beweisen müssen dagegen die an „Die Blutgräfin“ Beteiligten, der seine Weltpremiere als Special Gala feierte. Nach mehr als 25 Jahren konnte sich die inzwischen 83-jährige Avantgarde-Regisseurin Ulrike Ottinger endlich den Traum erfüllen, den ungarischen Mythos über eine mörderische Adlige als Vampir-Farce zu verfilmen. Das Ergebnis ist theatralisch und überzogen, kulturphilosophisch und sonderbar; ein amüsantes, nicht immer kohärentes Sammelsurium an Ideen und schrägen Momenten, an dem auch Lars Eidinger sowie Conchita Wurst mitwirken und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am Drehbuch beteiligt war.

Lars Eidinger und Conchita Wurst spielen auch mit

Jedermanns Geschmack dürfte das wahrlich nicht sein, aber dass Ottinger den Ausnahme-Kameramann Martin Gschlacht für die Bilder und Frankreichs Leinwandlegende Isabelle Huppert für die Titelrolle gewinnen konnte, macht „Die Blutgräfin“ allemal zu einem bemerkenswerten Ereignis.