Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart

Kunstmarkt: Schafft es der queere Autodidakt Amit Berman an die Spitze?

Entdeckungen lieben das Publikum und der Kunstmarkt gleichermaßen. Die Bilder des Malers Amit Berman sind Entdeckungen – was macht sie besonders?

Kunstmarkt: Schafft es der queere Autodidakt Amit Berman an die Spitze?

Der Maler Amit Berman in seinem Studio

Von Nikolai B. Forstbauer

Die Szene hat etwas Nebensächliches – und fesselt doch. Ein junger Mann stützt seinen gesenkten Kopf an eine Wand. Mutmaßlich. Denn die entscheidenden Millimeter verschwindet der Kopf in einer längs gezogenen Farbbahn. Das Ganze spielt sich vor einer gekachelten Wand ab, ins Rosé getriebenes Weiß ist von roten Linien durchzogen. Amit Bermans „Yield“ ist jetzt in Stuttgart zu sehen – und einer der Höhepunkte der „The Bather“ betitelten ersten Einzelausstellung Bermans in der Galerie Thomas Fuchs (Reinsburgstraße 68a).

Amit Berman? Bei der Eröffnung in der Galerie Thomas Fuchs vor einigen Tagen bewegt er sich inmitten des Publikums bewegungslos tänzelnd. Er ist einfach da, aber ungeheuer präsent. Seine Augen suchen Kontakt, Zustimmung. Für die Stille in seinen Bildern? Für die Distanz bewusster Nähe? Für eine gar nicht erst gesuchte Perfektion? Für Bilder, die Intimität nicht zu einem optischen Erlebnis machen, sondern zu einem Gefühl?

Eine Kunstschule oder eine Kunsthochschule hat Berman, 1994 in Tel Aviv geboren, nicht besucht. Hilft aber die Kennung „Autodidakt“ weiter? Sie erlaubt Amit Berman vielleicht, die Annäherung zum Prinzip zu erheben. Keine Behauptung, nirgends. Leise Blicke sind es, der Ausschnitt zeigt ein Ganzes, das immer noch weitere Räume eröffnet. Auf Sicherheit geht Amit Berman dagegen in der „Totalen“ – seine Liegenden überraschen eher im Detail – etwa in der Betonung ornamental rhythmisierter Bettkopfteile oder in der Ausarbeitung eines Vorhangs.

Amit Berman malt Räume des Lebens

Hier deutet sich an, was Amit Berman in einem zunächst überraschenden Stillleben andeutet: Seine Erzählkraft mag von der Figur ausgehen, aber deren Anwesenheit ist nicht entscheidend. Amit Bermans Bilder zeigen um Fragen jedweden Lebens ringende Räume. Diese ahnen, wissen um Ab- und Anwesenheit – und fürchten beides gleichermaßen.

Nach Stuttgart sind Amit Berman und sein Partner aus Tel Aviv gekommen. Nicht nur gefühlt ein Wagnis. Die Angst fliegt mit. Die reale Angst vor Raketen, die unbestimmte Angst, in welches Land man zurückkehren wird. Berman arbeitet auch in Rom, kann dort eintauchen in vordergründig freie Räume und in das Abenteuer europäischer Kunstgeschichte. Der Blick in das Bad gehört dazu. Immer schon ein besonderer Blick. Immer schon ein besonderer Ort zwischen Ich-Bestimmung und Einsamkeit.

Die Fragen an das Ich bleiben auch bei Amit Berman. Es sind zögerliche Fragen, Fragen auch, die nicht verletzen wollen. Im wahren Leben scheint Berman, schwarzhaarig und umwerfend einnehmend, sehr genau zu wissen, wie er sich bewegt, was er in seinen und mit seinen Bildern bewegt. Dass es spätestens seit 2024 und der Gruppenausstellung ,The Contours of Otherness“ – im Jewish Museum Venice im Rahmen der Biennale Venedig – steil nach oben geht, weiß er natürlich auch. Spüren lässt er es nicht. Noch überwiegt die Freude am Interesse des Publikums, an Fragen zu kleinsten Details mitunter.

Der nächste Halt steht schon fest: Von Stuttgart aus geht es nach Genf – in die Fabienne Levy Gallery und in den Kreis der Themenschau „Beyond the Surface“. Bermans Solo in den Räumen der Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart (Reinsburgstraße 68a) ist noch bis zum 14. März zu sehen (Mittwoch bis Freitag 13 bis 18 Uhr und Samstag 11 bis 16 Uhr) – und hält im Untergeschoss auf kleinem Format eine eigene Zuspitzung bereit. Aus Familien-Fotoalben kennt man die Fußpaare und lächelt gerne über die Unsicherheit der Zuschreibung. Amit Bermans Fußpaar, kaum wirklich zu sehen, nimmt die Unsicherheit vorweg – und zeigt sich doch. Selbstverständlich. Souverän.