Die eigene Moral lässt sich in der Krise nicht retten, zeigt der deutsche Filmemacher İlker Ҫatak in seinem Berlinale-Gewinner „Gelbe Briefe“.
Derya (Özgü Namal) und ihr Mann Aziz (Tansu Biçer), einst gefeierte Stars, stehen vor dem Nichts.
Von Kathrin Horster
Derya hat es satt. Kaum ist der Premierenapplaus verebbt, hastet die Diva des Staatstheaters Ankara ihrer Garderobe entgegen. Bloß weg von dem dämlichen Gouverneur, der nicht einmal den Anstand hatte, sein Handy während der Vorstellung lautlos zu stellen. Jetzt will er unbedingt mit Derya (Özgü Namal) ein Selfie schießen, um sich selbst in den Medien als großen Freund der Künste zu präsentieren. Doch Derya bleibt stur, saugt in ihrer Garderobe stinksauer an einer Zigarette, und lässt sich dann zum Duschen nach Hause kutschieren.
Derya ist mit Aziz (Tansu Biçer), dem Autor des umjubelten Stückes, verheiratet, in dem sie die Hauptrolle gegeben hat. Aziz arbeitet noch als Professor für Theaterwissenschaft an der Uni von Ankara, das Paar hat die 13-jährige Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas), die sich null für die Jobs ihrer prominenten Eltern interessiert. Zuhause lästern Derya und Aziz über den Gouverneur, doch ihnen wird das Lachen angesichts der Bösartigkeit der staatlichen Obrigkeit vergehen, erzählt der Berliner Filmemacher İlker Ҫatak im preisgekrönten Drama „Gelbe Briefe“.
Nicht nur die Schauspieler schlüpfen in Rollen, auch die Städte werden zu Stellvertretern anderer Orte
Der Film spielt in der Türkei im Hier und Jetzt, doch İlker Ҫatak bedient sich eines alten Theatertricks namens ‚Verfremdungs-Effekt‘, um seinem Werk über Zeiten und Orte hinweg Relevanz zu verleihen. „Berlin als Ankara“, „Hamburg als Istanbul“, prangt in roten Lettern über Panorama-Aufnahmen beider deutscher Metropolen, in denen Ҫatak den Film gedreht hat. So schlüpfen nicht nur die Schauspieler in Rollen, auch die Städte werden zu Stellvertretern anderer Orte; Brechts berühmtes Berliner Ensemble symbolisiert das Staatstheater Ankara, ein deutsches Gericht mit dem Spruchband „Im Namen des Volkes“ über dem Richtertisch steht stellvertretend für die Behörde in Istanbul.
Derya und Aziz wähnen sich in Sicherheit, doch das Land wird von politischen Unruhen erschüttert. Studierende aus Aziz’ Seminar demonstrieren für Frieden; Aziz ermuntert auch diejenigen zum Protest, die lieber in seinem Kurs hocken wollen. Am nächsten Tag prangt ein rotes ‚X‘ auf seiner Büro-Tür, Aziz ist aus der Uni verbannt und wegen Terrorpropaganda angezeigt worden. Auch Derya bekommt den titelgebenden gelben Brief über ihre fristlose Kündigung. Im Theater werden die Proben mit einer staatstreuen Kollegin fortgesetzt.
Repression und Willkür lassen Menschen verstummen
İlker Ҫataks Anlage wirkt einerseits aktuell und sichtbar an den Krisen unserer Gegenwart orientiert. Den Ausgangspunkt bildeten Kündigungswellen türkischer Intellektueller und Künstler, die 2016 eine Friedenspetition unterzeichnet hatten und im Nachgang des Putschversuches gegen Präsident Erdogan schikaniert wurden. Andererseits zeigt Ҫatak allgemeingültig auf, wie Repression und Willkür Menschen verstummen lassen, die nicht in ausgemachten Diktaturen, sondern in Soziotopen wie einer Uni oder einem Theater arbeiten, deren soziale Hierarchien und Doktrinen vermeintliche Nestbeschmutzer hinterfragen.
Derya und Aziz widersetzen sich einer herrschenden Meinung und bezahlen den Ungehorsam mit rigorosem Ausschluss. Weil sie ohne Jobs ihre Miete nicht mehr bezahlen können und auch der zuvor so freundliche Vermieter sich vor den Repressionen der Aziz und Derya verfolgenden Staatsmacht fürchtet, flüchtet das Paar mit der Tochter zu Deryas Mutter Güngör (İpek Bilgin) nach Istanbul. İlker Ҫatak beschreibt einen mustergültigen sozialen Abstieg, erzählt, wie das bisher stolze, unabhängige Paar mittellos in Güngörs Apartment strandet, wodurch sich familiäre Gräben auftun. Der areligiöse Schriftsteller Aziz ist nun auf die Hilfe seines konservativen Schwagers Salih (Aydin Isik) angewiesen, während Derya heimlich Kontakte zu einer Agentin des Staatsfernsehens knüpft, die ihr eine Rolle in einer Soap-Opera angeboten hat.
Ҫatak zeigt die Unmöglichkeit auf, sich unter der Repression anderer gemäß der eigenen Moral zu verhalten. Damit schlägt er eine Brücke zurück in die deutsche Vergangenheit unter den Nationalsozialisten, in der sich Kulturschaffende und Intellektuelle dem Regime anschlossen, um nicht von ihm verschlungen zu werden. Nicht anders geht es Menschen heute in den USA oder in Russland, die unter der Herrschaft aktueller Despoten leben und arbeiten müssen, legt Ҫatak nahe, Widerstand ist demnach zwecklos. Und „Gelbe Briefe“ ein ziemlich trister Film, der keine Hoffnung lässt, man könnte Anstand, Überzeugungen oder gar die eigene Familie in Krisenzeiten retten. Diese Einsicht mag realistisch sein, sie verweigert sich aber auch dem optimistischen Trotz, mit dem manche selbst in größter Aussichtslosigkeit Bäume auszureißen versuchen.
Gelbe Briefe. Deutschland, Frankreich, Türkei 2026. Regie: İlker Ҫatak. Mit Özgü Namal, Tansu Biçer. 128 Minuten. Ab 12 Jahren.
Der Regisseur setzt auf Verfremdung wie einst Bertolt Brecht
Macherİlker Ҫatak, 1984 in Berlin geboren, legte sein Abitur an einer deutschen Schule in Istanbul ab. Ein BWL-Studium brach er ab, studierte anschließend Filmregie in Berlin und Hamburg. Mit seinem Abschlussfilm „Sadakat“ gewann er 2014 den Student Academy Award in Gold, das mit dem deutschen Filmpreis geehrte Drama „Das Lehrerzimmer“ war 2023 für einen Oscar als bester internationaler Film nominiert. Bei der 76. Berlinale gewann „Gelbe Briefe“ den Goldenen Bären.
V-EffektDer Dramatiker Bertolt Brecht entwickelte die Idee des Verfremdungseffekts, um das Publikum von der Bühnenhandlung zu distanzieren und so dessen kritisches Nachdenken zu fördern. Statt auf emotionale Beteiligung und Unterhaltung setzte Brecht auf den Intellekt mit dem Ziel, soziale Veränderung durch Kunst anzustoßen.