Thalia-Theater in Hamburg

Martenstein-Rede gegen AfD-Verbot geht viral – und polarisiert politische Lager

In einem Theaterstück hält Kolumnist Harald Martenstein eine flammende Rede – gegen ein AfD-Verbot. In sozialen Netzwerken tobt jetzt eine Debatte über die Deutung.

Martenstein-Rede gegen AfD-Verbot geht viral – und polarisiert politische Lager

Harald Martenstein schreibt aktuell für die „Bild“ – und versucht, in die Fußstapfen des verstorbenen Franz Josef Wagner zu treten. (Archivbild)

Von Sascha Maier

Mit der Inszenierung des Stücks „Prozess gegen Deutschland“ ist es dem Hamburger Thalia-Theater gelungen, für Gesprächsstoffs zu sorgen. Im fiktiven Prozess, der sich um die Frage eines AfD-Verbots dreht, ist der Kolumnist Harald Martenstein, der aktuell für die „Bild“ schreibt, in den Fokus der Debatte geraten. In der Theaterrede verteidigt er den Standpunkt leidenschaftlich, dass ein AfD-Verbot dem Ende der Demokratie gleich käme.

Ganz fiktiv war diese Rede nicht – Martenstein stellte im Nachgang klar, dass seine Worte durchaus seiner eigenen Meinung entsprächen und er nicht in eine andere Rolle geschlüpft war. „Ich glaube, manche Leute verwechseln ein Engagement gegen das Verbot der AfD mit einer Liebeserklärung“, sagte Martenstein nach dem Auftritt in einem „Bild“-Videopodcast.

Spektrum des politisch Erlaubten

Die Rede war bereits in sozialen Medien viral gegangen und hat starke Meinungen in unterschiedlichen politischen Lagern produziert, auch große Medienhäuser beschäftigten sich damit. Während die Worte Martensteins im rechten Lager viel Applaus erfahren, ist das linke bemüht, sie zu demontieren. So schrieb etwa der „Spiegel“, die Rede sei „unterkomplex“, während die AfD-Politikerin Beatrix von Storch ein Loblied auf sie sang: „Diese Rede hat 84 Millionen Zuschauer verdient!“

Martenstein sagte: „Mit der Begründung, man verteidige die Demokratie, kann man die Demokratie auch abschaffen.“ Der gesellschaftliche Trend gehe immer mehr dahin, andere Meinungen nicht mehr aushalten zu können – was der Wesenskern einer Demokratie sei. Es gehöre „zum Merkmal demokratischer Staaten, dass dort das Spektrum des politisch Erlaubten sehr breit ist.“ Unabhängig davon, ob es richtig oder falsch sei.

Brandgefährlicher Unsinn?

Bemerkenswert an den Reaktionen auf Martensteins Rede ist etwas, das besonders in sozialen Netzwerken deutlich wird: Zwischen kategorischer Ablehnung oder Befürwortung finden sich kaum Beiträge dazu. Dafür ist von der Forderung nach dem Bundesverdienstkreuz für Martenstein bis zum Urteil „brandgefährlicher Unsinn, kein Wunder, dass die Rechten jubeln“ alles dabei. Die vielleicht wichtigste Frage, die nach dem Auftritt bleibt, wurde auch im „Bild“-Videopodcast gestellt: Kann etwas richtig sein, wenn es aus der falschen Ecke Applaus dafür gibt?

Däubler-Gmelin als vorsitzende Richterin

Die Jury des Theaterprojekts „Prozess gegen Deutschland“ lehnte am Ende übrigens ein AfD-Verbot ab, stimmte aber mehrheitlich einem Verbotsverfahren zu. Als Vorsitzende Richterin trat die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) auf. Der von Regisseur Milo Rau inszenierten „Prozess“ wurde an drei Tagen auf der Theaterbühne verhandelt.

Bevor Harald Martenstein zur „Bild“ wechselte, arbeitete er in unterschiedlicher Funktion für verschiedene Zeitungen – für den „Tagesspiegel“, das Münchner „Abendblatt“ und auch für die „Stuttgarter Zeitung“. Den meisten dürfte er aber für sein Wirken in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Begriff sein, für die er 2002 bis 2026 als Kolumnist tätig war. Die „Bild“ hat ihn als Nachfolger des 2025 verstorbenen Kolumnisten Franz Josef Wagner engagiert. In Anlehnung an „Post von Wagner“, der wahrscheinlich bekanntesten Kolumne Deutschlands, schreibt Martenstein jetzt „Mail von Martenstein“.