Neu im Kino: „Verflucht Normal“

Nah dran am Tourettesyndrom

In „Verflucht Normal“ erzählt der britische Filmregisseur Kirk Jones die wahre, unglaubliche Geschichte des Schotten John Davidson, der als Teenager das Tourettesyndrom entwickelte.

Nah dran am Tourettesyndrom

Regisseur Kirk Jones (li.) und Schauspieler Robert Aramayo

Von André Wesche

Der Regisseur und Drehbuchautor Kirk Jones hat – wie sein Hauptdarsteller Robert Aramayo auch – eng mit John Davidson zusammengearbeitet, um einen möglichst ehrlichen Film über die tragische Krankheit drehen zu können. Kinostart ist am 28. Mai.

Mr. Jones, Sie wurden durch den Dokumentarfilm „John’s Not Mad“ zu Ihrem Film inspiriert. Warum war nun, mehr als 35 Jahre danach, die Zeit reif für „Verflucht Normal“?

Das ist eine gute Frage. Zunächst einmal war ich, als ich die Dokumentation 1989 sah, weder Autor noch Filmregisseur. Aber ich hatte im Laufe der Jahre immer wieder Dokumentarfilme zum Thema gesehen. Ich begann, Johns Leben und seinen Weg zu verfolgen, und ich konnte sehen, wie sich alles entwickelte. Ich sah die Probleme, die er hatte, als er jünger war. Aber dann sah ich, dass er von Queen Elizabeth ausgezeichnet wurde, dass er Menschen half und sie inspirierte. Als ich mich vor etwa drei Jahren hinsetzte, um mir Gedanken darüber zu machen, wie mein nächster Film aussehen sollte, fiel mir John wieder ein. Wenn man Ende der 80er Jahre eine Idee hat und sie einem auch 2022 noch gut erscheint, ist es wahrscheinlich eine gute Idee. Ich war fest davon überzeugt, dass dies ein außergewöhnlicher Film werden könnte, und ich konnte kaum glauben, dass noch niemand anderes das gemacht hatte.

Stimmt es, dass Sie Ihr Zweithaus in London verkauft haben, um die Finanzierung dieses Filmes sicherzustellen?

Es war nicht mein zweites Zuhause, es war unser einziges Zuhause. Im Grunde genommen haben wir unser Haus verkauft, bevor ich mit dem Schreiben des Drehbuchs begonnen habe. Wir beschlossen, eine Wohnung zu mieten, während wir nach unserem nächsten Heim suchten. Das Geld, unsere gesamten Ersparnisse, lagen auf der Bank. Dann schrieb ich das Drehbuch, und wir wandten uns an nur einen Geldgeber, der sagte: „Es gefällt uns wirklich gut, aber ihr müsst die Schimpfwörter reduzieren.“ Ich wusste, dass das passieren würde und machte mir deswegen Sorgen. Ich habe John versprochen, dass ich einen wahrheitsgetreuen und ehrlichen Film über das Tourettesyndrom machen würde. Das habe ich mir auch selbst versprochen. Ich wollte keine verharmlosende oder komödiantische Version präsentieren.

Wie ist Ihnen das dann gelungen?

Ich ging zur Bank, sprach mit meiner Frau und fand einen Weg, wie wir hundert Prozent des Budgets als Kredit aufnehmen konnten, wenn wir alles aufs Spiel setzten. Das taten wir, und das bedeutete, dass ich völlige kreative Freiheit hatte. Es war eine der schönsten Erfahrungen, die ich in meiner dreißigjährigen Karriere als Filmemacher gemacht habe. Es war aber auch beängstigend und nervenaufreibend, denn es ging um unser eigenes Geld. Dann erfuhr das Team, was ich getan hatte, und das weckte in ihnen noch mehr Leidenschaft für den Film. Ich habe mir nie etwas ausgezahlt. Für die vier Jahre Arbeit, die ich geleistet habe, habe ich keinen einzigen Euro erhalten. Es hatte keinen Sinn, mich selbst zu bezahlen und das Budget zu erhöhen. Wenn der Film also Gewinn abwirft, werde ich erst dann normal bezahlt, und wir können vielleicht unser Geld zurückbekommen.

Stand der echte John Davidson von Beginn an voll hinter dem Projekt?

Ja. Nachdem wir uns kennengelernt und Zeit miteinander verbracht hatten, sprach er mit mir über die Tourette-Gemeinschaft und darüber, dass sie das Gefühl hatten, von den Medien nicht besonders gut behandelt worden zu sein. Wann immer sie eingeladen wurden, an irgendetwas teilzunehmen – sei es im Radio, im Fernsehen oder in Zeitungen – geschah das nicht, weil die Leute mehr über diese Erkrankung erfahren wollten. Es lag daran, dass sie nur auf billige Lacher aus waren. Also sagte ich zu John, dass ich ihn zum Executive Producer machen wolle. Das würde bedeuten, dass er ein Mitspracherecht hätte, dass ich ihm das Drehbuch zeigen würde und dass er mir sagen könnte, wenn er Einwände hätte oder der Meinung wäre, ich hätte etwas falsch eingeschätzt – und ich würde das dann klären. Ich würde mit ihm über die Besetzung sprechen und ihm sogar Fotos von den Drehorten schicken. Ich wollte, dass er einbezogen wird und das Gefühl hat, Teil des Projekts zu sein.

Sie haben Robert Aramayo ohne Casting für die Hauptrolle besetzt. Welche Qualitäten haben Sie in ihm erkannt?

Ich habe ihn in einer Serie namens „Behind Her Eyes“ gesehen und konnte einfach nicht aufhören, ihn anzustarren. Manche Schauspieler strahlen einfach eine besondere Anziehungskraft aus. Wenn man sich diese Serie ansieht, würde man nicht sagen: „Oh, das ist ja ganz klar, dieser Typ sollte John Davidson spielen.“ Aber er hatte etwas an sich, das mich dazu brachte, mit ihm sprechen und ihn kennenlernen zu wollen. Wir hatten ein Zoom-Gespräch, und dann dachte ich, ich sollte ihn mit nach Schottland nehmen und ihn John Davidson vorstellen. Ich wollte, dass er seine Zustimmung zu der Person gibt, die ihn im Film spielen sollte. Ich sah, wie gut sich Robert mit John verstand, und es fühlte sich einfach richtig an. Ich habe es Rob irgendwann gegenüber erwähnt, und er sagte zu mir: „Wenn ich für dich vorspreche oder ein Video drehe, werde ich nichts anderes tun, als John Davidson zu imitieren. Das will ich nicht. Ich möchte drei Monate lang mit ihm zusammenleben. Ich möchte wirklich verstehen, worum es bei Tourette geht. Ich möchte die Komplexität dieser neurologischen Erkrankung verstehen.“ Ich dachte mir einfach: Ja, er hat recht!

Diese Krankheit ist tragisch, hat aber unbestritten auch einen humorvollen Aspekt. Wie viel Fingerspitzengefühl hat es gebraucht, hier den Betroffenen gerecht zu werden?

Anfangs war ich nervös, mit John über den Humor zu sprechen, den andere Menschen und ich darin erkennen konnten. Aber aus den Dokumentarfilmen wusste ich, dass die Tourette-Gemeinschaft diesen Humor auch erkennt und es genießt, mit anderen und über sich selbst zu lachen. Also fragte ich John, ob es ihn verärgern oder wütend machen würde, wenn ich sagte, dass ich in dieser Erkrankung eine gewisse Komik sehe. John verneinte das. Erstens wäre es ohne den Humor eine unglaublich düstere, deprimierende Erkrankung. Der Humor hilft ihm und der Gemeinschaft. Sie wissen das zu schätzen, lassen sich darauf ein und lieben es, andere zum Lachen zu bringen und über ihre eigenen Tics zu lachen. Manchmal sind sie so absurd und so unglaublich komisch, dass man sie niemals erfinden oder sich ausdenken könnte. John sagte, sein Leben sei gleichzeitig die tragischste und die urkomischste Reise gewesen. Und als Autor und Regisseur ist es einfach eine Freude, jemanden über ein solch extremes Maß an Humor in Verbindung mit Emotionen sprechen zu hören. Ich liebe es, diese beiden Gefühle miteinander zu vermischen. Das ist einer der Gründe, warum die Leute den Film als Achterbahnfahrt beschreiben. In einem Moment lacht man, im nächsten möchte man am liebsten weinen, und dann lacht man schon wieder. Ich liebe es, diese Gefühle zu vermischen – vielleicht, weil unser Leben genau so ist.

Info

Regisseur  Kirk Jones, Jahrgang 1964, wurde in Bristol geboren. Mit seinem Film „Lang lebe Ned Devine!“ (1998) gab er sein Regie- und Drehbuchdebüt und wurde dafür auf mehreren Filmfestivals ausgezeichnet. „Verflucht Normal“ wurde 2025 bei den British Independent Film Awards für neun Preise nominiert und gewann zwei, für den British Academy Film Award gab es Nominierungen in sechs Kategorien und drei Preise.

Verflucht Normal. GB 2025. Regie: Kirk Jones. Mit Robert Aramayo Peter Mullan und Maxine Peake. 121 Minuten. Ab 12