Der Adel trieb es bunt im 18. Jahrhundert, erzählt Peter Glanz in der Satire „Savage House“ – alles fast so wie heute.
Am und auf dem adligen Krankenlager: Claire Foy als Lady Savage, Richard E. Grant als ihr Gatte Sir Chauncey.
Von Kathrin Horster
England im 18. Jahrhundert: Wenn sich die Leute nicht wegen ihrer Religion gegenseitig die Schädel einschlagen, rafft sie eine Seuche hin, die sich aufgrund von Armut und schlechter Hygiene rasant verbreiten kann. Eine winzige Oberschicht beansprucht den größten Batzen des nationalen Reichtums für sich, während die Bauern, Handwerker und einfachen Bürger, die ihn erwirtschaften, nur Krümel davon sehen.
Manches in Peter Glanz’ historischer Gesellschaftssatire „Savage House“ wirkt vertraut; besonders die Verschwendungs- und Imponiersucht der herrschenden Klasse. Ein amerikanischer Präsident unserer Tage – mitsamt Kampfkäfig zur Belustigung und der Baustelle eines Ballsaals in Konkurrenz zum Spiegelsaal von Versailles im Garten – würde sich mühelos in dieses hysterische 18. Jahrhundert fügen, wie es Peter Glanz in seinem Film zeichnet.
Notorische Seitensprünge
Und doch wirkt der Alltag von Sir Chauncey Savage (Richard E. Grant) und dessen Gemahlin Lady Savage (Claire Foy) beruhigend weit abgerückt von der Gegenwart. Der Wohlstand in Savage House stammt von der Dame, die ihren Mann einst aus Liebe geheiratet und somit in den niederen Adelsstand erhoben hat. Die Zuneigung seiner Frau beantwortet Chauncey mit notorischen Seitensprüngen mit der Magd Dorothy (Bel Powley), während sich Lady Savage mit Chaunceys Sekretär Reginald (Jack Farthing) vergnügt. Nicht ahnend, dass der wiederum mit Dorothy an einem Komplott gegen die Herrschaft tüftelt.
Vor den Toren von Savage House flammen neben den Pocken immer wieder Scharmützel zwischen prokatholischen Jakobiten und der mehrheitlich protestantischen Herrschaftselite auf. Das Paar lebt mit Tochter Fanny (Kila Lord Cassidy) vom Pöbel halbwegs sicher abgeschottet auf seinem verfallenden Landsitz, als ein Brief den hohen Besuch von Duke und Duchess of Devonshire ankündigt. Für die von Spiel- und Trinksucht gezeichnete Sippe ein wichtiges soziales Ereignis, um auf der Anerkennungsleiter nach oben zu klettern. Deswegen muss jetzt alles gut geplant werden.
Hektische, von Rokoko-Musik umspielte Dialoge
Peter Glanz setzt auf hektische, von Rokoko-Musik umspielte Dialoge, um die Aufregung der Savages zu illustrieren. Die Überspanntheit der Figuren kann in den ersten Minuten gehörig auf die Nerven gehen, dabei treffen Richard E. Grant und Claire Foy mit ihren exaltierten Gesten, dem Augenrollen und Geschnatter voll ins Schwarze, wenn man sich die damalige Upper Class als Karikaturen vorstellt.
Diese Taktik hatte schon Milos Forman 1984 für sein Mozart-Biopic „Amadeus“ angewendet, und auch in Yorgos Lanthimos’ Historiensatire „The Favourite“ (2018) fällt ausgerechnet der Hochadel mit derbsten Sitten auf, die nun Glanz mit Genuss am Ekel in deutlichen Metaphern illustriert. Neben dem von Maden befallenen Obst in den Schalen rottet Chaunceys großer Zeh in Nahaufnahme vor sich hin, zur Schmerzlinderung mit rohen Koteletts umwickelt. Glanz erspart dem Publikum auch nicht die übervollen Nachttöpfe der Herrschaften und die gewöhnungsbedürftigen sexuellen Vorlieben von Lady Savage.
Peter Glanz interessiert sich für die Doppelmoral der Reichen
Raffinesse und Eleganz findet man in den großen Gemälden dieser Zeit, die sich die Savages in Kopien an die Wände hängen. Peter Glanz interessiert sich mehr für die Doppelmoral der Reichen und ihre Primitivität, die sie mit Puder, Pickelpflästerchen und Perücken zu verbergen versuchen. Das ist zwar kein aufregend neuer Blick auf das 18. Jahrhundert, aber einer, der in der Distanz die Parallelen zum Hier und Jetzt erkennt. Ein böser Spaß, obwohl man für Glanz’ Proll-Adelige zum Ende hin fast ein bisschen Mitleid empfinden kann. Im Gegensatz zu ihren modernen Nachkommen.
Savage House. Großbritannien 2026. Regie: Peter Glanz. Mit Claire Foy, Richard E. Grant. 114 Minuten. Ab 12 Jahren.