Schauspielerin Mai Duong Kieu

„Rollen-Klischees zu Migrationshintergrund sind nicht mehr zeitgemäß“

Die deutsche TV-Schauspielerin Mai Duong Kieu („Wilsberg“, „In aller Freundschaft“) schreibt in ihrem Buch „Im Herzen bist du unbesiegbar“ über ihre Kindheit, Kung Fu und Rassismus.

„Rollen-Klischees zu Migrationshintergrund sind nicht mehr zeitgemäß“

Kann Kung Fu viel fürs Leben und für ihren Beruf abgewinnen: Schauspielerin Mai Duong Kieu.

Von Tilmann P. Gangloff

Die Schauspielerin Mai Duong Kieu kam als Kind aus Vietnam in die DDR. Erzogen wurde sie von ihren Eltern äußerst streng. Warum dieses Aufwachsen und Kung Fu die perfekte Vorbereitung für ihren Beruf waren, erzählt sie im Interview.

Frau Kieu, dass eine Schauspielerin mit Ende dreißig ihre Autobiografie schreibt, kennt man allenfalls von Hollywood-Stars. Die zweite Überraschung: Ihr Beruf spielt im Buch quasi keine Rolle, Sie befassen sich in erster Linie mit Ihrer Kindheit in Chemnitz.

In dem Buch geht es um Selbstermächtigung, um weibliches „Empowerment“. „Im Herzen bist du unbesiegbar“ erzählt eine Befreiungsgeschichte.

Diese Befreiung haben Sie in erster Linie dem Kung Fu zu verdanken. Ist das Ihre Botschaft: „Mädchen, lernt Kung Fu“?

Die meisten Frauen fühlen sich wehrlos, wenn sie angegriffen werden, deshalb sollten Mädchen grundsätzlich einen Kampfsport erlernen, weil sie auf diese Weise körperliche und geistige Stärke gewinnen. Das muss nicht Kung Fu sein, aber mir hat auch die Philosophie dieser Kampfkunst als Kind sehr geholfen: die Prinzipien von Yin und Yang oder die Erkenntnis, dass die einzige Konstante im Leben der stete Wandel ist. Außerdem lernt man Disziplin und Ausdauer.

Die Beschreibung Ihrer Kindheit ist sehr bedrückend. Sie sollten als Tochter funktionieren und wurden, wenn Sie gegen dieses Gebot verstießen, mit Liebesentzug bestraft. Wie ist es Ihnen gelungen, trotzdem eine positive Lebenshaltung zu entwickeln?

Zunächst mal: Wenn eine Frau ähnliche Erfahrungen gemacht hat und nach wie vor verbittert ist, heißt das ja nur, dass sie es noch nicht geschafft hat, diese Ungerechtigkeit loszulassen. Das ist in der Tat nicht einfach. Ich hatte auch als erwachsene Frau noch viele dunkle Stunden. Es gehört nicht nur viel Arbeit an sich selbst dazu: Mit dem Loslassen geht auch eine Trauer einher, weil man die Eltern in gewisser Weise sterben lassen muss, um mit sich ins Reine zu kommen.

Wie ist das Verhältnis heute?

Ich pflege den Kontakt liebevoll, so weit mir das möglich ist; ohne Bitterkeit, aber mit Verständnis, ohne das damalige Verhalten meiner Eltern gutzuheißen.

Ihren Kindheitserfahrungen wiederum verdanken Sie die Fähigkeit, „einen Raum zu lesen“. Was bedeutet das?

Wer so ähnlich aufgewachsen ist wie ich, versteht das: Als Kind ist man von den Stimmungen der Eltern abhängig, man entwickelt ein feines Gespür für die jeweilige Situation. Für meinen Beruf heißt das: Ich kann sehr genau einschätzen, was eine Regisseurin von mir will oder wie ich vor der Kamera wirke. Um meine beste Leistung bringen zu können, muss ich wissen, was man von mir erwartet. Dank Kung Fu habe ich außerdem früh gelernt, mit Niederlagen umzugehen und mich durchzubeißen. Aber zur Schauspielerei gehört natürlich noch viel mehr.

Als Kommissarin in „Wilsberg“ und Ärztin in der ZDF-Reihe „Einfach Elli“ wirken Sie betont cool. In Ihrem Buch beklagen Sie, dass Frauen mit fernöstlichen Wurzeln zu oft stereotype Rollen spielen müssen. Hat sich das geändert?

Ja, bei den Sendern weiß man mittlerweile, dass die alten Klischees nicht mehr zeitgemäß sind, ganz egal, ob der Migrationshintergrund asiatisch oder afrikanisch ist. Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn jemand mit meinem Aussehen eine Polizistin, eine Ärztin oder wie in „Bad Banks“ eine Investmentbankerin verkörpern darf, aber es geht auch um die Details der Persönlichkeit. Wenn diese Frauen fleißig, pünktlich und emotional kontrolliert sind, ist das genauso stereotyp. Es entmenschlicht die Angehörigen sämtlicher Ethnien, wenn sie derart plakativ gezeichnet werden. Die deutsche Filmbranche hat das zwar erkannt, aber es ist noch viel Luft nach oben. Deshalb ist es wichtig, die Menschen an den entscheidenden Positionen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Sie sind 1992 mit ihrer Mutter nach Chemnitz gekommen, wo ihr Vater seit einigen Jahren lebte. Wie haben Sie Rassismus in Ihrer Kindheit erlebt?

Ich hatte im Gegensatz zu vielen anderen eine privilegierte Kindheit. Meine Eltern haben mit ihrer Kampfsportschule einen Raum geschaffen, in dem ich weitgehend vor Anfeindungen geschützt war. Hätten wir einen Obst- und Gemüseladen gehabt, wäre öfter mal ein Stein durch die Scheibe geflogen, oder sie wäre mit Hakenkreuzen beschmiert worden. Aber mein Vater war Kung-Fu-Lehrer, dem schmeißt man keine Scheibe ein, und seine Tochter belästigt man auch nicht. Da sich die Vietnamesen öffentlich nie beklagt haben und ohnehin weitgehend unter sich geblieben sind, hat das in Westdeutschland niemand mitbekommen.

Wie erklären Sie sich die Feindseligkeit?

In der DDR hieß es „Die ‚Fidschis‘ nehmen uns die Arbeitsplätze weg“. Heute ist es im Grunde nicht anders. In beiden Fällen ist die Ursache meiner Ansicht nach die gleiche. Ich bin überzeugt, dass das Verhältnis damals ein viel besseres gewesen wäre, wenn die Regierung überzeugend kommuniziert hätte, dass Vertragsarbeiter wie mein Vater beim wirtschaftlichen Aufschwung helfen. Vietnamesen galten als Menschen zweiter Klasse, ihre Integration stand nie zur Debatte, zumal sie nur drei Jahre bleiben durften. Liebesbeziehungen zu Einheimischen waren selbstverständlich nicht erwünscht.

Einer der vielen Lehrsätze in Ihrem Buch lautet „Lieber richtig verlieren als falsch gewinnen“. Was meinen Sie damit?

Meine Eltern haben mir einen starken moralischen Kompass vorgelebt. Es ist besser, zu verlieren, als durch eine Handlung zu gewinnen, auf die man nicht stolz ist. Wenn man mit einer Mehrheit schwimmt, deren Werte man selber nicht vertritt, nur um auf der Seite der Gewinner zu sein, hat man am Ende nicht gewonnen.

Hieße das, Sie müssten eine Rolle, die nicht Ihren Ansprüchen entspricht, ablehnen? Kann man sich so eine Haltung angesichts der Flaute der deutschen Film- und TV-Branche leisten?

Früher hätte ich vermutlich mit Ja geantwortet. Heute bin ich Mutter, muss realistisch denken und dafür sorgen, dass ich jeden Monat meine Miete bezahlen kann. Also muss ich hin und wieder auch mal Kompromisse schließen. Aber mittlerweile kann ich meine Meinung sagen und an den Figuren feilen.

Mai Duong Kieu: Im Herzen bist du unbesiegbar. Kösel-Verlag, 208 Seiten, 22 Euro. Ab 11. März.

Serien sind ihr Fach

Schauspielerin  Mai Duong Kieu (Jahrgang 1987), geboren in Vietnam, aufgewachsen in Chemnitz, ist vor allem durch ihre Rollen als Bankerin in der vielfach preisgekrönten ZDF-Serie „Bad Banks“ (2018/2020) sowie als Neurochirurgin in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ (ab 2020) bekannt geworden.

Aktuell Ihre erste Hauptrolle hatte sie in der Komödie „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“ (2015, ARD). Seit 2019 gehört sie zum Ensemble der ZDF-Krimireihe „Wilsberg“. Aktuell ist sie in einer Nebenrolle als Ärztin in „Einfach Elli“ zu sehen (ZDF-Mediathek).