Über Shakespeares Frau weiß man nur wenig, sie könnte aber großen Anteil an der Entstehung seines berühmten Theaterstücks gehabt haben, erzählt Chloé Zhao im Drama „Hamnet“.
Scheinbar heile Familienwelt am Tische Shakespeare: William (Paul Mescal) und Agnes (Jessie Buckley) mit ihren drei Kindern
Von Kathrin Horster
Liebe ist Luxus im 16. Jahrhundert, eine Ehe aus romantischer Zuneigung selten. Kein Wunder, die Menschen sterben wie die Fliegen; bei den riskanten Geburten, an grausamen Krankheiten wie der Pest oder am Typhus. Sein Herz an einen anderen zu hängen, ist unter diesen Bedingungen verrückt. Und trotzdem schlägt 1582 der Blitz ein bei William (Paul Mescal) und Agnes (Jessie Buckley). William stottert als Lateinlehrer die Schulden seines verstorbenen Vaters ab und ist nicht gut gelitten im Dorf Stratford-upon-Avon. Über die um ein paar Jahre ältere Halbwaise Agnes munkeln die Leute sogar, sie sei eine Hexentochter und damit die denkbar schlechteste Partie für einen Mann. William ist seiner Frau, was Bildung angeht, zwar überlegen, Agnes kennt sich dafür in Heilkunde aus und hat einen Falken gezähmt – ungewöhnlich im Kontext der Zeit. Nach ein paar unbeholfenen Annäherungen und erstem schnellen Sex in der Scheune wird Agnes schwanger und damit zum sozialen Problemfall. Die sogenannte „Shotgun-Wedding“, eine Hochzeit mit der moralischen Schrotflinte vor der Brust, beruht bei William und Agnes aber auf tief empfundener, den damaligen Konventionen trotzender Liebe, erzählt Chloé Zhao in ihrem außergewöhnlichen Familien-Historien-Drama „Hamnet“.
Blick für kleinste Details im Alltag einer einfachen Familie aus dem Volk
Dass der Lateinlehrer William zugleich das berühmte Dichtergenie Shakespeare ist, dem die Menschheit Dramen wie „Romeo und Julia“ oder eben „Hamlet“ verdankt, spielt im Film eine untergeordnete Rolle. Mit fast dokumentarisch anmutendem Blick für kleinste Details und mit besonderer Empathie für die bisher kaum beachtete weibliche Perspektive von Shakespeares Ehefrau beschreibt Zhao den Alltag einer einfachen Familie aus dem Volk zur Zeit der Renaissance im dörflichen Kontext, erzählt, wie sich Agnes gegen ein familiäres Stigma und ihre feindlich gesinnte Schwiegermutter Mary (Emily Watson) behaupten muss. Bis die Geburt der ersten Tochter Susanna und kurz darauf die der Zwillinge Judith und Hamnet die verbitterte Frau erweicht. Während Agnes den Haushalt organisiert und die Kinder erzieht, leidet William unter der Enge des Dorfes. Also führt das Paar – sehr modern – bald eine Ehe auf Distanz, damit sich William in der Metropole Londons intellektuell verwirklichen kann. Bis Hamnet (Jacobi Jupe) mit elf Jahren an der Beulenpest erkrankt.
Ein Teil der im Film erzählten Ereignisse sind belegt, das meiste bleibt aufgrund der raren Quellen zum Leben Shakespeares und seiner Familie Mutmaßung. Allerdings auf Basis allgemeiner historischer Erkenntnisse, die Chloé Zhao nach dem Roman „Judith und Hamnet“ (2020) der irisch-britischen Schriftstellerin Maggie O’Farrell in fantastisch realitätsnahen Bildern verarbeitet.
Filmemacher neigen dazu, die historische Exotik des elisabethanischen Zeitalters zu betonen, wie etwa Shekhar Kapur, der in seinem prächtig ausgestatteten Historienfilm „Elizabeth“ (1998) die faszinierenden Oberflächenreize und Intrigen des königlichen Hofes zelebrierte. Chloé Zhao interessiert dagegen das Alltagsleben jenseits der Herrscherporträts und Landidyllen aus den Gemäldegalerien. Sie zeigt, unter welch widrigen Umständen Menschen damals geboren werden und sterben, sie sieht den Dreck unter den Fingernägeln, den permanenten Schweiß- und Fettfilm auf den Gesichtern. Aber auch die Freuden und den Zusammenhalt der Familien, trotz ihrer emotionalen Zermürbung von den zahlreichen Verlusten.
Chloé Zhao legt nahe, dass „Hamlet“ nicht nur ein intellektuell-literarisches Meisterwerk ist, sondern ein sehr persönlicher Text über Trauer und Wut
An Shakespeares Tragödie „Hamlet“ über den vom Mord an seinem Vater erschütterten Prinzen beißen sich bis heute sachkundige Exegeten die Zähne aus. Das Stück gilt als literarisches Wunder, unter anderem, weil zur grüblerischen Selbstreflexion fähige Figuren wie Hamlet in der Dramatik dieser Zeit sonst nicht vorkamen. Chloé Zhao liefert eine zutiefst menschliche, verblüffend nachvollziehbare Erklärung, warum Hamlet mit seiner fast bodenlosen Traurigkeit und Verzweiflung, mit seinen bitteren Lebenszweifeln, aber auch mit rebellischem Trotz gegen die Vorsehung Leser und Theatergänger noch vierhundert Jahre später zu Tränen rührt. In seinen Stücken hat Shakespeare immer wieder den Versuch des Individuums thematisiert, sich gegen ein von höheren Mächten verhängtes Schicksal aufzubäumen – zu einer Zeit, in der der einzelne Mensch noch wenig zählte.
Chloé Zhao legt nahe, dass „Hamlet“ als Stück nicht bloß ein intellektuell-literarisches Meisterwerk ist, sondern ein sehr persönlicher Text über Trauer und Wut, über die Härte, jemanden zu lieben, gegen jede Vernunft und über die Grenzen von Zeit und Raum hinaus. Das ist zum Heulen, aber auf die schönste und klügste Art, die das Kino zu bieten hat.
Hamnet. Großbritannien 2025. Regie: Chloé Zhao. Mit Jessie Buckley, Paul Mescal. 125 Minuten. Ab zwölf Jahren.
Die Geschichte und die Regisseurin
HistorieLediglich sein „zweitbestes Bett“ hat Shakespeare seiner Frau testamentarisch vermacht. Aus der dünnen Quellenlage folgerten Historiker, Agnes, auch Anne genannt, sei dem Dichter wohl gleichgültig gewesen – eine Interpretation unter vielen. Zum Alltag der Familie Shakespeare gibt es nur wenige Zeugnisse; darunter Einträge in Kirchenbüchern. Die Theorie, Shakespeare sei ein Zusammenschluss mehrerer Dichter unter Pseudonym, gilt als unbegründet.
Regie Chloé Zhao stammt aus Peking, studierte an der New Yorker Tisch School of the Arts und lebt heute im kalifornischen Ojai.