Württembergischer Kunstverein

Starb Shmuel Dancyger, weil er in Stuttgart einen KZ-Aufseher erkannte?

Im Württembergischen Kunstverein Stuttgart zeigt sich die jetzt verlängerte Ausstellung „Der Fall Shmuel Dancyger“ als bestürzender Einblick in Stuttgarter Realitäten im März 1946.

Starb Shmuel Dancyger, weil er in Stuttgart einen  KZ-Aufseher erkannte?

Stuttgart, Reinsburgstraße, 29. März 1946: Ein weißes Tuch liegt über der Leiche des erschossenen Shmuel Dancyger

Von Nikolai B. Forstbauer

In der oberen Reinsburgstraße in Stuttgart-West fallen am 29. März mehrere Schüsse. Einer wird aus nächster Nähe aus einer Pistole abgegeben und trifft Shmuel Dancyger, Überlebender mehrerer Konzentrationslager, tödlich.

Seit mehreren Jahren werden die Ereignisse mit journalistischen und künstlerischen Recherchen neu beleuchtet – und münden nun in einen bestürzenden Einblick in Stuttgarter Realitäten im Frühjahr 1946. Ursprünglich bis einschließlich Sonntag, 3. Mai, geplant, ist die Ausstellung „Der Fall Shmuel Dancyger“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz) nun noch bis zum 17. Mai im Kunstverein zu sehen – dort also, wo 2024 mit der Schau „Three Doors“ die bisher umfassendste Annäherung an die rassistischen Morde in Hanau 2020 stattfand. Möglichst viele Menschen sollten „Der Fall Shmuel Dancyger“ bis zum 17. Mai noch sehen.

An „Three Doors“ fühlt man sich durchaus erinnert, wenn man filmisch in den 29. März 1946 zurückgelenkt wird, wenn ein Großdiagramm die Ereignisse des Tages minutiös dokumentiert und dabei unterschiedlichsten Positionen berücksichtigt. Der Fall an sich ist klar: 1945 wird in Stuttgart eines von europaweit mehreren Zentren für Displaced Persons eingerichtet – nicht abseits wie an allen anderen Orten, sondern in einem Wohngebiet. Die Bewohnerinnen und Bewohner in Gebäuden zwischen der Ecke Reinsburgstraße/Rotenwaldstraße und der Ecke Reinsburgstraße/Bismarckstraße müssen ihre Wohnungen verlassen – um Menschen Platz zu machen, die durch Hitler-Deutschland alles verloren haben.

Shmuel Dancyger hat Auschwitz überlebt

In diesem Displaced Persons Camp geschieht ein Wunder: Der im polnischen Radom geborene Shmuel Dancyger, der die deutsche Todesfabrik Auschwitz und den Todesmarsch nach Mauthausen überlebt hat, findet in der Reinsburgstraße 197 B seine Frau Regina, die Tochter Yaffa und den Sohn Marek in die Arme schließen – Auschwitz-Überlebende auch sie. Dem Glück folgt die Tragödie. Stuttgarts Polizei identifiziert das Displaced Persons Camp als zentralen Umschlagplatz von Schwarzmarktgeschäften und lässt sich bei der US-amerikanischen Besatzungsmacht eine Razzia genehmigen. Am frühen Morgen des 29. März 1946 marschiert Polizei in Uniform auf, ist Polizei in Zivil vor Ort – und hallen, begleitet vom Bellen mühsam gehaltener Schäferhunde, bekannte Rufe durch die Straße: „Alle raus!“ „Schnell, schnell, schnell!“. Jene, die nichts mehr zu verlieren haben, wehren sich – werfen in ihrer Verzweiflung und Wut Stühle auf die Polizisten. Schüsse fallen, ein Mann mit Kopfschuss liegt in seinem Blut auf der Straße. Es ist Shmuel Dancyger. Ein Zufall? Notwehr? Absicht gar?

Über mehrere Jahre hat die Stuttgarter Journalistin Tina Fuchs die Ereignisse recherchiert und die Reaktionen unterschiedlichster Beteiligter zusammengetragen. Ein Puzzle, das gerade durch die Vielzahl der Standpunkte bestürzt. So klein die Ausstellung im ehemaligen Übergang zwischen Kunstgebäude-Glastrakt und für den Kunstverein verschlossenen Kuppelsaal auch erscheinen mag, so dicht ist doch die Materialfülle und Materialvielfalt. Dokumentationen zum Tag selbst kommen von der Stuttgarter Polizei, von den Verantwortlichen des Displaced Persons-Camp, von Zeugen, von der US-Militärpolizei – Erinnerungen liefern Interviews mit unterschiedlichsten Zeitzeugen, filmische Animation bringt uns überdies zurück in Straßensituation am 29. März 1946. Ein akribisches Ganzen entsteht, das einen Kommentar vermeidet.

Der Todesschütze wird identifiziert

Frage um Frage aber kommt auf. Umso mehr, als aus den Protokollen der Polizei blanker Judenhass klingt, in der Verschleierung des eigenen Handelns immer mehr Vorwürfe formuliert werden, die schon seinerzeit einer Prüfung nicht standhielten. Geschossen hat, das ist schon am Abend klar, an diesem Morgen nur die Polizei. Gefunden wurde – nichts. Genommen aber nach Zeugenaussagen durchaus. Nämlich die am Vortag den Camp-Bewohnern zugeteilten Lebensmittel. Und der Todesschütze? Wird identifiziert und verschwindet doch aus den weiteren Akten. Darf man da eine Zeugin zu Wort kommen lassen, die seinerzeit formulierte, Shmuel Dancyger habe einen der Polizisten als Aufseher aus der Todesfabrik Auschwitz erkannt, der daraufhin geschossen habe? Immer neue Fragen tauchen auf – und machen deutlich: Diese Geschichte, dieser Tag, ist noch lange nicht zu Ende.

Am Ende der Reinsburgstraße ist ein schmaler Grünstreifen 2025 zum Shmuel Dancyger-Platz geworden. Eine Beruhigung ist dies nicht. Umso weniger, als dies zuvorderst eine künstlerische Aktion war. Noch zwei Tage ist die Ausstellung „Der Fall Shmuel Dancyger“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart zu sehen. Das ist zu kurz, um noch mehr zu bewegen? Das ist genügend Zeit, um keine Ausrede zu haben, dies nicht gesehen zu haben.

Die Kunst forciert derweil weiter die Auseinandersetzung mit Gewalt und möglichem staatlichen Fehlverhalten. Anlässlich der Ausstellung „Rechtsextremer Terror“ im Erinnerungsort Hotel Silber ist dort am Mittwoch, 6. Mai 2026, das Konzepttheater-Stück „And now Hanau“ als Gastspiel des Theaterhauses Stuttgart zu erleben. Beginn ist um 19 Uhr. Wie die Ausstellung „Three Doors“ erinnert das Projekt an den rechtsterroristischen Anschlag im Jahr 2020. Neun Menschen waren aus rassistischen Motiven ermordet worden. Das Stück, heißt es offiziell, „verdichtet Aussagen, Protokolle, O-Töne und recherchierte Fakten zu einem hoch konzentrierten Abend. Vor der Aufführung erfolgt eine wissenschaftliche Kontextualisierung. Sie beleuchtet unter anderem Ermittlungsfehler und Parallelen zum NSU-Komplex sowie Attentäterprofile als ,einsame Wölfe’, die sich über Kommunikationsnetze radikalisieren“. Der Eintritt ist frei. Anmelden kann man sich bis zum 3. Mai unter: veranstaltungen-hs@hdgbw.de.

Filmvorführung am 3. Mai: „Sechs Millionen. Und Einer“

Und auch für den 3. Mai gibt es zum ursprünglich gedachten Finale der Ausstellung „Der Fall Shmuel Dancyger“ im Württembergischen Kunstverein noch einen wichtigen Programmpunkt. Um 16 Uhr wird der Dokumentarfilm „Sechs Millionen. Und Einer“ von Tina Fuchs gezeigt.