Theater im Klassenzimmer

Tische zusammenschieben und Theater spielen

Das Junge Ensemble Stuttgart geht mit Stücken direkt ins Klassenzimmer. Wie reagieren die Sechstklässler in Degerloch auf das Thema Transidentität?

Tische zusammenschieben und Theater spielen

Die JES-Schauspielerinnen auf ihrer improvisierten Bühne

Von Adrienne Braun

Als Fred beschließt, es seiner neuen Freundin Anni gleichzutun und im zugefrorenen See zu baden, wird plötzlich klar: Hier geht es nicht einfach um eine Freundschaft zwischen Junge und Mädchen. Ein Satz, der dieser Geschichte eine neue Wendung gibt: „Der Junge trägt Boxershorts und hat Brüste.“ Bei einem erwachsenen Publikum würde das sicher Irritationen auslösen. Die Schülerinnen und Schüler der Fritz-Leonhardt Realschule scheinen es dagegen selbstverständlich zu nehmen, dass es in „Fred und ich“ um Transidentität geht.

Die Zuschauer sind gleich mit den ersten Sätzen gepackt

Trotzdem ist es eine besondere Schulstunde für die Sechstklässler. Schließlich bekommt man nicht alle Tage Besuch von einem Theater wie dem Junge Ensemble Stuttgart (Jes), das im Klassenzimmer „Fred und ich“ spielt – und das Publikum schon mit den ersten Sätzen packt. Dabei haben Lola Merz Robinson und Adriana Fernandez Falso kaum mehr als eine E-Gitarre mit Verstärker dabei. Für das Bühnenbild wurden die Tische in der Mitte zusammengeschoben und ein ausrangierter Fallschirm darübergelegt – und doch kann man mit etwas Fantasie in der weißen Fläche den See erkennen, in den die Schülerin Anni an diesem Morgen eintauchen will und dabei mit einem Jungen ins Gespräch kommt: Fred.

Es sind kleine Tricks und Kniffe, mit denen Lola Merz Robinson und Adriana Fernandez Falso ihr junges Publikum munter und bei der Stange halten. Mal heißt es hin- und herrücken, damit Fred und Anni für eine Szene auf der Parkbank Platz haben, dann wieder dürfen die Kinder unter den Fallschirm kriechen.

Das Jes hat Erfahrung mit Klassenzimmerproduktionen. Diesmal wurde der Jugendroman „Fred und ich“ von Lena Hach ausgewählt, der vor zwei Jahren herausgekommen ist und den Umgang erleichtern will mit transsexuellen Menschen. Denn Schulen haben immer häufiger mit Kindern zu tun, die wie dieser Fred weiblich sind, sich aber nicht als Frau fühlen. Wie geht man damit um?

Im Klassenzimmer ist man den Figuren sehr nah

Als Anni klar ist, dass Fred offenbar nicht wie andere Jungs ist, erfährt sie im Internet: Auch Tiere können transgender sein. Man sollte nicht herumerzählen, wenn jemand trans ist, weil das Privatsache ist. Trotzdem weiß Anni zunächst nicht, ob sie Fred ihrer besten Freundin vorstellen soll.

Im Klassenzimmer ist man den Figuren sehr nah, wobei Lola Merz Robinson und Adriana Fernandez Falso auch deutlich machen, dass Theater gespielt wird. „Ich bin jetzt nicht mehr Fred“, sagt Lola Merz Robinson und schlüpft kurz in andere Rollen, bis sie wieder als Fred erklärt, dass das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, „keine Phase“ ist. Er müsse es „durchziehen, um mich nicht selbst zu verlieren.“

Man hat auch bessere Sicht aufs Geschehen

Am Ende der Proben wurde die Produktion einer Testklasse gezeigt. Auf das Feedback der Kinder ist Verlass – „sie sind immer sehr ehrlich“, erzählt die Theaterpädagogin Katharina Felde, die im Anschluss an die Vorstellung noch ein Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern moderiert.

Sie haben reichlich Fragen: Wie wird man Schauspieler? Wie schwer ist es, den Text auswendig zu lernen? Katharina Felde führt behutsam zum Thema hin, für das man sensibilisieren will. Wer schon mal von trans gehört habe, will sie wissen. Die Hälfte meldet sich. Blöde Bemerkungen macht hier niemand, im Gegenteil. Das Stück zeige, „dass es nicht so schlimm ist, mit einem Menschen befreundet zu sein, der trans ist“, sagt ein Mädchen.

Sicher ist, diese sechste Klasse würde gern wieder Theaterbesuch im Klassenzimmer bekommen, nicht nur, „weil ihr das richtig toll gemacht habt“, wie einer sagt. Es hat auch pragmatische Gründe: „Hier sieht man gut. Wenn man im Theater schlechte Plätze hat, bekommt man nichts mit.“