In den Stuttgarter Galerien

Trifft der Kunstschuss bei Schlichtenmaier ins Schwarze?

Mal eben mehr als 100 Jahre Kunstgeschichte durcheilen und dabei immer wieder gehörig gestoppt werden? „Bestand und Haltung“ in der Galerie Schlichtenmaier versucht genau dies.

Trifft der Kunstschuss bei Schlichtenmaier ins Schwarze?

Bei Schlichtenmaier: Cornelia Schleimes „Meine Kugel, Deine Kugel“ (Ausschnitt)

Von Nikolai B. Forstbauer

Es ist ein Bild wie je nur eines – durchaus handlich dabei, aber doch sich selbst genug, um für eine ganze Ausstellung von Ida Kerkovius zu stehen.

Um 1950 entsteht in der Reihe ihrer Hinterglasbilder eine Komposition, die gänzlich Raum ist, den Blick freigibt in ein Szenario, in dem alle Farbe zugleich Körperhaftes ist, ein Etwas voller Geheimnisse. Kerkovius’ „Abstraktion hinter Glas“ ist damit fraglos ein Höhepunkt des aktuellen Blickes der Galerie Schlichtenmaier in das Doppel „Bestand und Haltung“.

Die Präsentation in den Räumen am Kleinen Schlossplatz in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz 11) gerät zum kunsthistorischen Parforceritt. Mehr als ein Jahrhundert werden durcheilt von der kosmischen Farbenflut in einem exquisiten Blatt von Albert Mueller von 1916, einem feinen Pastell-Quintett Adolf Hölzels mit der wunderbaren „Komposition mit offenem Kreis“ (um 1925) als Höhepunkt – bis hin zu Cornelia Schleimes jeder Museumssammlung zur Malerei-Ehre gereichenden, schussbereiten Porträt „Meine Kugel Deine Kugel“.

Und die Signalmalerei der 1960er Jahre, mit der etwa Georg Karl Pfahler Biennale-Ehren erreicht? Hält die Schau nicht nur mit Pfahlers „SP.O.R. ’STO’“ bereit, sondern auch Winfred Gauls „Genova II“ von 1969. Das Prinzip der Schichtung unterschiedlicher Farbquadrate scheint den Bildraum förmlich zu sprengen. Ist der Blick hinüber zu Walter Stöhrers „Hermaphrodit“ von 1994 nicht folgerichtig? Das wäre ein Irrtum, lässt Stöhrer doch aus seinen Farbwogen und dem hier buchstäblich greifbaren Dialog von Malerei und Collage ein Ganzes entstehen, das tatsächlich das gerne beschworene Beben der Schönheit aufruft.

„Bestand und Haltung“ ist bis zum 4. April zu sehen

Ein Panorama der Kunst, das mag man - nach wuchtigen Einzelausstellungen zu Thomas Deyle, Cornelia Schleime und den Kunsthallen-Qualitäten neuer Bilder von Ben Willikens für die Galerie Schlichtenmaier als ein Atemholen einordnen. Das aber hat es in sich – wie auch Anton Stankowskis nur im Format kleines „Geflecht“ zeigt. Und Willi Baumeisters „Figurenmauer“ von 1946 sowieso. Zu sehen ist „Bestand und Haltung“ in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz 11) noch bis zum 4. April – Dienstag bis Freitag 11 bis 19 Uhr und Samstag von 11 bis 17 Uhr.