Filmfestival in Cannes

Wenig Einigkeit – doch eine Ausnahme gibt es

Der Wettbewerb um die Goldene Palme spaltet die Kritiker. Eine Ausnahme ist bislang der Film „Fjord“. Weitere Highlights: Adèle Exarchopoulos und Javier Bardem.

Wenig Einigkeit – doch eine Ausnahme gibt es

Familienidyll oder Fassade? Nachdem sich die Familie in Norwegen einlebt, entzieht im Film „Fjord“ das Jugendamt den Eltern die Kinder.

Von Patrick Heidmann

Zu Wochenbeginn war es endlich so weit: unter die Branchengäste und Schaulustigen auf der Croisette mischte sich ein echtes Filmteam aus Hollywood. Mike White dreht aktuell an der Côte d’Azur die vierte Staffel seiner Erfolgsserie „The White Lotus“, die dem Vernehmen nach auch bei den Internationalen Filmfestspielen stattfinden wird. Nach Tagen des Wartens konnten die Crew und Ensemble-Mitglieder Montagabend tatsächlich bei der Arbeit beobachtet werden.

Familiendrama oder Konstruktion?

Der Wettbewerb um die Goldene Palme spaltet derweil weiter die Meinungen der Kritikerinnen und Kritiker, Einigkeit über die Qualität der Filme herrscht selten. Auf mehr Zuspruch als die meisten bisher gezeigten Werke stieß auf jeden Fall „Fjord“, der neue Film des Rumänen Cristian Mungiu. Wie so viele Regisseure in diesem Jahr hat auch er dieses Mal nicht in der Heimat gedreht, vielmehr spielt seine Geschichte in Norwegen. Das Ehepaar Gheorgiu – er Rumäne (Sebastian Stan), sie Norwegerin (Renate Reinsve) – zieht mit seinen fünf Kindern (von pubertierenden Jugendlichen bis hin zu einem Baby) von seiner Heimat in ihre, in eine entlegene, am Titel gebenden Gewässer liegende kleine Gemeinde. Dass die Gheorgius fundamentale Christen sind, die ihre Kinder weder tanzen noch das Internet benutzen lassen, stößt in der Schule und Nachbarschaft auf einige Verwunderung, doch alles in allem lebt sich die herzlich auftretende Familie gut ein. Bis eine Lehrerin Prellungen an den ältesten Kindern entdeckt. Sie schaltet das Jugendamt ein, und weil weder die Teenager noch die Eltern leugnen, dass zur Erziehung im Hause Gheorgius auch körperliche Bestrafung gehört, werden umgehend alle fünf Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Ein langwieriges juristisches Verfahren beginnt, in dem es keine klaren Grenzen zwischen Gut und Böse oder richtig und falsch gibt.

Es gelingt Mungiu dabei gut, dass man moralisch und emotional immer wieder hin- und hergerissen wird, was neben der dichten Inszenierung auch den beiden exzellenten Hauptdarstellern liegt. Allerdings ist „Fjord“, der natürlich auch als eine Provokation für ein westlich-wokes Publikum gedacht ist und die Grenzen von Toleranz und Gleichheitsbestrebungen auslotet. Auch allzu klar ist der Film als konstruierte Versuchungsanordnung angelegt, in der die Nebenfiguren und Handlungsstränge sehr offensichtlich bestimmte Zwecke erfüllen müssen.

Hochspannung aus Korea wird zur Qual

Kino der ganz anderen Art hatte Festivalleiter Thierry Frémaux dagegen mit „Hope“ ins Palmen-Rennen eingeladen. Der Koreaner Na Hong-Jin ist bekannt für Genre-Kino, und sein neues Werk beginnt nun als hochspannender, grandios inszenierter Actionthriller. Unweit der nordkoreanischen Grenze wird in einem kleinen Ort nahe der Berge ein toter Ochse gefunden, der aussieht, als sei er von einem Tiger, wenn nicht sogar etwas Größerem gerissen worden. Die Verwunderung des örtlichen Polizisten (Hwang Jung-min) schlägt in Entsetzen um, als er im gleichen Atemzug in den Ort gerufen wird, durch den sich eine Schneise der Verwüstung zieht.

Es ist eine furios gefilmte, stetig eskalierende Mischung aus Action, Horror und Western, die den Einstieg von „Hope“ darstellt und dabei über eine Stunde dauert. Doch als das verantwortliche Monster schließlich zu sehen ist, entpuppt es sich nicht nur dank zweitklassiger Computeranimation als echte Enttäuschung. Weitere 100 Minuten dauert der Film anschließend noch, kommt aber so sehr vom ursprünglich vielversprechenden Pfad ab, dass er zur Qual wird.

Politikreiche Tragödie aus Russland

Deutlich sehenswerter? Der in Russland spielende „Minotaur“ des inzwischen im Exil lebenden Regisseurs Andrei Swjaginzew. Was als Geschichte einer Ehe, die ebenso dem Untergang geweiht scheint wie der friedliche Alltag der russischen Gesellschaft, wird im Verlauf zum Psychogramm eines Mannes in der Krise, der am Ende doch von der Gewissheit zehrt, dass Männer wie er nicht selten mit fast allem davonkommen. Es geht um die Affäre seiner Frau (Iris Lebedeva), hinter die der erfolgreiche Provinzgeschäftsmann Gleb (Dmitriy Mazurov) kommt, aber auch darum, dass er partout verhindern will, dass die zwangsweise Einziehung der russischen Armee im Zuge des Ukraine-Kriegs ihn die besten Männer in seiner Belegschaft kostet. Eine packend erzählte, stark gespielte Mischung aus Tragödie und Thriller, mit viel tagespolitischem Bezug und nur kleinen Hängern.

Glänzender Javier Bardem als Vater

Gute Schauspielleistungen sind ohnehin das Einzige, was sich bisher in Cannes als gemeinsamer Nenner durch fast alle Filme im Wettbewerb zieht, selbst die weniger überzeugenden oder nur soliden. Javier Bardem spielt groß auf als aufbrausender Regisseur in Rodrigo Sorogoyen „The Beloved“, der die seit langem zerrüttete Beziehung zu seiner unehelichen Tochter (Victoria Luengo) ausgerechnet dadurch wiederherstellen will, dass er ihr eine Rolle in seinem neuen Film geben will.

Und Adèle Exarchopoulos ist als wenig erfolgreiche Schauspielerin, die sich ihrem Alkoholismus nicht stellen möchte, in „Garance“ von Jeanne Harry brillant. Aber beide überragen sie die sie umgebenden Geschichten um weites.

Was hoffentlich von der nächsten Staffel „The White Lotus“, die übrigens nicht vor Ende des Jahres zu sehen sein wird, nicht gesagt werden muss.