Kinderbücher

Wie schlechte Kinderbücher junge Leser für immer vergraulen

Promis fühlen sich dazu berufen, Kinderbücher zu schreiben. Dabei geht es viel um Moral – und wenig um die Bedürfnisse der Kleinen. Was macht ein Kinderbuch zum guten Buch?

Wie schlechte Kinderbücher junge Leser für immer vergraulen

Viele Kinderbücher gehen zielstrebig an den Interessen von Kindern vorbei.

Von Adrienne Braun

Schon die ersten Sätze irritieren: „1886 – 10 Jahre. Mit meiner Familie wohne ich in Dresden.“ Für einen Roman gäbe es sicher spannendere Einstiege, aber hat ein Kind von acht Jahren eine Vorstellung, was 1886 bedeutet? Auch die nächsten Sätze machen nicht wirklich Lust, weiterzulesen: „Mein Vater Carl Woldemar arbeitet für die Berlin-Dresdner Eisenbahn. Meine Mutter Mathilde liest gerne und liebt Theater, Musik und Malerei.“ Unterhaltsame Kinderlektüre klingt anders.

Die Person, deren Leben auf den nächsten Seiten nun Jahr für Jahr – 1886, 1888, 1892… – abgearbeitet wird, ist die Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Sie wäre in diesem Jahr– Achtung, wieder eine Zahl! – 150 Jahre alt geworden, weshalb der Hatje Cantz Verlag das Kinderbuch „Ich bin mutig, ich male!“ zu ihr herausgebracht hat.

Nicht allzu inspiriert

Aber weder die nacherzählenden Texte von Anja Putensen noch die betulich anmutenden Zeichnungen von Kathrin Haas sind allzu inspiriert. Von einem Kunstbuchverlag würde man sich da anderes erwarten. Der Engländer Laurence Anholt macht indes seit Jahren vor, wie man Kindern Kunst und Künstlerleben auf anregende Weise nahebringt.

Wer mit Büchern und Bildern aufwächst und wach und neugierig ist, wird „Ich bin mutig, ich male!“ sicher trotzdem mit Neugierde lesen. Und doch ist es eines von zahllosen Beispielen für ein verbreitetes Phänomen: Während die Hürde hoch ist, ein Buch für Erwachsene zu schreiben und zu veröffentlichen, scheint gängige Meinung zu sein, dass im Grunde jeder ein Kinderbuch verfassen kann, schließlich waren wir alle selbst mal Kinder.

Promi-Zeitvertreib: Kinderbücher

Dass Kinderbuch-Verlage offenbar weder pädagogische noch literarische Erfahrungen und Fertigkeiten von ihren Autoren erwarten, zeigt die lange Liste der Promis, die sich schon berufen fühlten, ein Kinderbuch zu schreiben: Julianne Moore, Olivia Jones oder Anke Engelke.

Als die kleinen quadratischen Pixi-Büchlein des Hamburger Carlsen Verlags Jubiläum feierten, wurden Promis sogar eigens aufgefordert, zur Feder zu greifen: das Model Heidi Klum und der Moderator Jörg Pilawa, der Journalist Giovanni di Lorenzo und Til Schweigers Ex Dana Schweiger. Auch die Fernsehköchin Sarah Wiener war mit dabei; die Bildgestaltung von „Mathilda, die Wanderratte“ übernahm ihr Sohn.

Motivation für die nächste Leserunde?

Aber heiligt der gute Zweck hinter dem Promi-Projekt tatsächlich die Mittel? Wer je eigenen oder fremden Kindern im Kindergarten vorgelesen hat, merkt schnell, wie viel von der Qualität eines Buches abhängt. Gerät ein Kind beim ersten Kontakt an einen der zahllosen Titel, in denen ein Baum im Frühjahr Blätter bekommt und im Sommer Früchte bekommt und im Herbst Herbstlaub bekommt und im Winter dann keine Blätter mehr hat, den kann man nur sehr schwer für die nächste Leserunde motivieren.

Ob in Kindergärten oder Grundschulen – so wie die Aufmerksamkeitsspanne bei Erwachsenen sinkt, so können sich auch die Kleinen schwer konzentrieren. Zuzuhören und Bilder in Ruhe zu studieren, strengt sie an. Gute und spannende Geschichten, witzige und originelle Ideen, ansprechende Illustrationen und überzeugende Figuren sind da unerlässlich, um sie in Bücher hineinzuziehen. Deshalb hängt sehr viel von den ersten Begegnungen mit Büchern ab. Wenn sie nicht zünden, hat man manches Kind für immer verloren.

Mesozoikum und vier Fukuiraptoren

Diese Verantwortung nehmen Verlage allerdings nicht ernst, sonst wäre das Angebot deutlich besser. Im Internet kann man entsprechende Kommentare von Eltern finden: „Es scheint, als ob SO VIELE Kinderbücher heutzutage, besonders für die Jüngsten, nur Plattitüden sind, die immer und immer wieder wiederholt werden. Ich hasse sie!“, schreibt jemand auf „reddit.com“.

Bemerkenswert ist auch der Eintrag zu einem Dinosaurier-Buch, das jemand zitiert: „,Am vierten Weihnachtstag schenkte mir das Mesozoikum vier Fukuiraptoren beim Schlemmen, drei werfende Thescelosaurus, zwei bastelnde Triceratops und einen Tyrannosaurus beim Skifahren.‘ – Eltern werden kein Problem damit haben, das jeden Abend zu lesen!“, empört sich die Schreiberin.

Immer schön mit Zeigefinger

Wer weiß, ob der Titel bereits von der KI geschrieben wurde, ein Thema, das die Branche längst erreicht hat, aber langfristig sogar bessere Geschichten hervorbringen könnte als die der selbst ernannten Autorinnen und Autoren, die fast immer mit erhobenem Zeigefinger antreten.

Statt Qualifikation mitzubringen, treibt sie ein höheres Ziel an. Sie wollen Kindern ihre eigene Weltsicht vermitteln und verpacken ihre gesellschaftspolitischen Anliegen in eine mehr oder minder taugliche Handlung. Ein Satz in einem der Diskussionsforen über Kinderbücher bringt das Dilemma auf den Punkt: „Wenn man eine Moral vermitteln will, muss man zuerst eine kohärente Geschichte erzählen!“

In „Raffi und sein pinkes Tutu“ des schwulen Influencers Riccardo Simonetti trägt ein Junge ein Ballettröckchen. Veronica Ferres hat sich mit sexuellen Übergriffen befasst, und Collien Ulmen-Fernandes lässt zwei Otter für Gleichberechtigung kämpfen.

Oder das gerade erschienene „poetische“ Kinderbuch „Mein allerliebstes Zuhause“ von Constantin Satüpo, es erklärt, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen – wegen „Naturkatastrophen“, „Krieg“, einem „Diktator“ oder einer „gewalttätigen Gruppe“. Und das für fünf Jahre alte Kinder?

Bildung wird überfrachtet

Bibliotheken sortieren ihre Bilderbücher selbstverständlich nach diesen Kategorien von „Flucht“ bis „Zusammenleben“, und auch die Wissenschaft interessiert sich bei Kinderbüchern weniger für die literarische oder didaktische Qualität, sondern untersucht lieber gesellschaftliche Themen wie „Konstruktion von Rassismus“.

Letztlich zeigt sich im Bereich der Kinderliteratur somit noch deutlicher, was die Erziehungswissenschaftlerin Regina Köhler für die Schule konstatiert: Bildung werde mit „utopischen Hoffnungen“ und Problemen überfrachtet, die eigentlich an anderer Stelle gelöst werden müssten. Der Klimawandel, so Köhler, lasse sich nicht mit dem Fach Klima abwenden – so wie sich Demokratie auch nicht durch ein Schulfach garantieren lässt.

Es ist schon infam, die großen Ideale, an denen die Gesellschaft selbst immer wieder scheitert, ausgerechnet den Kleinsten einimpfen zu wollen, die so sogar doppelt zu Leidtragenden werden, wenn sie zu denen gehören, die in Sachen Bildung ohnehin benachteiligt sind.

Lust durch Engagement

Um ihnen ernsthaft Lust auf Bücher machen zu können, braucht es sehr viel Engagement, um aus dem riesigen Sortiment die raren Perlen herauszufischen. Aber auch diese Auslese wird erschwert, denn was sich einmal als Erfolgsgeschichte erwiesen hat, wird fortan endlos reproduziert, um neue Verkaufsanreize zu bieten.

Deshalb wurden die Geschichten vom „Kleinen Eisbär“ inzwischen vielfach ausgeschlachtet und sind dabei nur noch nach Schema F gestrickt, das selbst die Kleinsten schnell durchschauen. Oder die Mumins, Trolle von Tove Jansson: in der x-ten Wiederholung durchleben sie nur noch Frühlingsglück, Herbststurm und Schnee – und taugen bestenfalls als Einschlafhilfe.

Der Druck am Markt mag groß sein. Aber wenn Autoren und Verlage sich schon nicht um ihre Verantwortung scheren, so sollten sie erst recht die Bedürfnisse von Kindern ernster nehmen. Denn jedes Kind, das man nicht für Bücher gewinnt, ist ein verlorener Kunde mehr.