Fast 250 Besucherinnen und Besucher erlebten beim „Über Kunst“-Dialog unserer Zeitung in der Staatsgalerie Stuttgart erneut prominente Gäste: Eva-Maria Seng (Rektorin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Mitte) und Christiane Lange (Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart). Moderiert wurde der Abend von Nikolai B. Forstbauer, Autor unserer Zeitung
Von Thomas Morawitzky
Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt mag Grund zur Besorgnis sein, die Angriffe der Partei auf das Bauhaus wie die schlimme Vorahnung einer kommenden Kulturpolitik anmuten – die Staatsgalerie Stuttgart und die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart sind dennoch selbstbewusst auf Zukunftskurs.
Am Montagabend diskutieren Christiane Lange und Eva-Maria Seng, die Leiterinnen dieser großen Stuttgarter Kulturinstitutionen, vor fast 250 Besucherinnen und Besuchern im Vortragssaal der Staatsgalerie mit Nikolai B. Forstbauer, Autor unserer Zeitung, in der Dialogreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung. Es wird ein Abend, der einer Bestandsaufnahme gleicht, der die Notwendigkeit von Freiheiten behauptet und mit Optimismus auf kommende Veränderungen in beiden Einrichtungen blickt, nicht zuletzt in baulicher Hinsicht.
Ein Gespräch, das auch zur Ouvertüre wird für das Galerienwochenende Art Alarm am 19. und 20. September mit 23 Stuttgarter Privatgalerien. Mit Blick auf die Voraberöffnungen während dieser Woche spricht Nikolai B. Forstbauer in seiner Begrüßung denn auch von der „Stuttgart Art Week“.
Der Blick aber geht schnell noch einmal nach Sachsen-Anhalt. Sowohl Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange als auch Kunstakademierektorin Eva-Maria Seng wissen um die Sorgen ihrer Kolleginnen und Kollegen dort. Die Situation ausländischer Studierender gebe zu denken, sagt Eva-Maria Seng; bei Projektförderungen könne es zu Einschnitten kommen. Jedoch, so Christiane Lange: „Wir wissen noch nicht, wie der Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt heißt, noch, welche Auswirkungen es geben wird.“ Zu früh, sagt sie, sei es, für ein defensives Denken.
„In den letzten Wochen und Monaten“, so Eva-Maria Seng, „ist uns bewusst geworden, in welch gutem Umfeld wir uns bewegen, und dass die Akademie ihren Freiraum braucht.“ Hier sieht die Leiterin der Stuttgarter Kunstakademie einen wichtigen Unterschied: Die Freiheit, die die Akademie für sich in Anspruch nehmen muss, sagt sie, gehe über die Freiheit in Forschung und Lehre hinaus – die Akademie sei ein Ort der Diskurse, Auseinandersetzungen, die in die Gesellschaft zurückgespiegelt werden. Dagegen versteht Christiane Lange die Staatsgalerie als einen nichtpolitischen Raum, an dem allein die Qualität einer Kunst im Mittelpunkt steht, die sich vom tagespolitischen Geschehen und jedem Hype scharf abgrenzt.
Die Kooperation zwischen Galerie und Akademie, sagt Christiane Lange, gelinge trotz dieser Differenz wunderbar – „Es gehört schon ein gewisser Pragmatismus dazu, klar zu sagen, wo die Bedürfnisse der einen und der anderen Institution liegen, und wie wir zusammenkommen.“
Seit 13 Jahren lenkt Christiane Lange die Staatsgalerie Stuttgart, und lächelnd sagt sie, dies sei schon langsam eine Ära. Vor allem sei es gelungen, einen Generationswechsel im Team der Galerie herbeigeführt zu haben. Daraus resultiert auch ein neuer Brückenschlag zwischen Staatsgalerie und Kunstakademie: Am 15. Oktober wird Susanne Kaufmann-Valet, verantwortliche Kuratorin der Staatsgalerie für das 20. und 21. Jahrhundert, Honorarprofessorin auf dem Weißenhof. Ihr Thema dann: Kuratieren. Gerade bei diesem sieht Eva-Maria Seng noch Entwicklungsmöglichkeiten für ihre Akademie, die derzeit rund 850 Studierende in 22 Studiengängen zählt und sich durch das Miteinander von Kunst, Architektur, Gestaltung und Restaurierung auszeichnet – und durch ein „einzigartiges Angebot an Werkstätten“.
Eva-Maria Senn will einen Studiengang Kuratieren
Sengs Wünsche? Sie spricht einen Studiengang für Kuratorinnen und Kuratoren an und hofft, die Akademie auch im Land noch besser positionieren zu können. Mit der Ausstellung „A-Z. Mapping the Future“ war die Akademie im Juli des Jahres bereits zum zweiten Mal sehr erfolgreich in der Staatsgalerie zu Gast, präsentierte Arbeiten ihrer Studierenden – und klar ist: Die Ausstellungsreihe soll bis ins Jahr 2030 fortgeführt werden.
Die Staatsgalerie hält sich derweil weiter in Bewegung und präsentiert im Februar 2027 im Kunstgebäude am Schlossplatz in Stuttgart mit „Simply the Best“ eine Schau, die Höhepunkte der Sammlung der klassischen Moderne. Das Ziel: Werke in neue Dialoge zu setzen. Anlass für „Simply the Best“ ist die notwendige energetische und technische Sanierung des 1984 eröffneten Stirlingbaus. In deren Verlauf werden Teile der Sammlung in immer wieder neuen Konstellationen, in anderen Räumen zu sehen sein – für die Staatsgalerie durchaus ein „Kraftakt“, der aber auch „neue Perspektiven eröffne“, sagt Christiane Lange. Und sie betont: Zu keinem Zeitpunkt werde die Staatsgalerie vollständig schließen.
Insgesamt soll die Staatsgalerie mit dem Sanierungsprozess ein Haus mit halbem Energieverbrauch werden, für die Zukunft gut aufgestellt. „Nach außen“, sagt Lange, „soll sich so gut wie nichts ändern, nach innen so gut wie alles.“
Eva-Maria Seng derweil hofft, dass der Zeitpunkt der Sanierung, lange verzögert, nun auch für die Kunstakademie gekommen ist, ihre Außenstellen aufgelöst werden können, ein dritter Neubau, ein Campus mit größerer Aufenthaltsqualität entstehen kann. Bereits für den Herbst steht die Entsiegelung und Begrünung des Campus‘ an. Veränderung, sagt Eva-Maria Seng, gebe es an der Akademie derweil ständig – durch die Neubesetzungen von Professuren.
Gibt es übergeordnete Wünsche? Überraschend deutlich plädiert Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange für „eine Kunstgeschichte, die sich wieder stärker am Objekt orientiert“, und sieht die Möglichkeit für einen weiteren Schulterschluss mit der Akademie. Eva-Maria Seng indes kündigt aus der Akademie-Sammlung heraus für 2027 eine Ausstellung zu Werk und Lehre von Bernhard Pankok an, von 1913 bis 1937 Leiter der damaligen Kunstgewerbeschule, und hat auch eine Ausstellung zu Adolf Hölzel im Blick – „warum nicht mit dem Kunstmuseum und der Hölzel-Stiftung gemeinsam?“.
Worum Christiane Lange kämpft
In der Staatsgalerie wie in der Kunstakademie geht der Blick nach vorne. Dazu gehört auch die Schau „BÄNG! Radikale Künstlerinnen aus dem Archiv Sohm“, die am 10. Oktober in der Staatsgalerie-Fotobühne The Gällery eröffnet wird. Künstlerinnen wie Yoko Ono und Valie Export hätten radikal feministische Positionen vertreten. Und mit einem Seitenblick auf die „Gleichberechtigung gerade auch im Arbeitsleben“ sagt Christiane Lange: „Es gibt Themen“, sagt Christiane Lange, „um die jede Generation immer wieder aufs neue kämpft.“
Für klare Positionen zu Studieninhalten und zu weiter notwendigen Anstrengungen beim Thema Gleichberechtigung bekam Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange viel Beifall.
Eva-Maria Seng, Rektorin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, unterstrich beim „Über Kunst“-Gespräch die besondere Qualität der Akademie als Raum offener Diskurse. Diese Qualität, so Seng, gelte es zu sichern.
Eva-Maria Seng (Rektorin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Mitte) und Christiane Lange (Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart) haben unter anderem vereinbart, das gemeinsame jährliche Ausstellungsprojekt „A-Z. Mapping the Future“ bis 2030 fortzuführen.
1984 als Neue Staatsgalerie eröffnet, muss der Stirlingbau der Staatsgalerie energetisch und technisch saniert werden
Planung für den Campus Kunstakademie Stuttgart