„Tag der Artenvielfalt“ in Backnang: Was in der Murr so schwimmt und krabbelt

Naturschützer gewähren einen Einblick in die Unterwasserwelt. Der Fluss hat heute eine viel bessere Wasserqualität als früher, trotzdem sind die Lebensbedingungen für viele Tierarten noch nicht ideal.

„Tag der Artenvielfalt“ in Backnang: Was in der Murr so schwimmt und krabbelt

Anette Rosenbauer vom Nabu sowie Ingabritta Hormann und Malte Seibold vom Landesfischereiverband (von links) betrachten die Kleintiere, die sie aus der Murr gefischt haben. Etwa 20 verschiedene Arten haben sie dort beim Aktionstag entdeckt.Foto: Alexander Becher

Von Kornelius Fritz

Backnang. In der weißen Plastikschale herrscht reger Betrieb: Zahlreiche kleine Tierchen bewegen sich im Wasser, manche behäbig, andere pfeilschnell. Malte Seibold und seine Helfer haben sie kurz zuvor mit Sieben aus der Murr gefischt. Jetzt blickt der Umweltpädagoge vom Landesfischereiverband mit geschultem Blick auf den Fang und stellt die Murrbewohner einzeln vor.

„Das hier ist ein Egel“, sagt er und deutet auf ein längliches schwarzes Tier, „aber kein Blutegel, die sind relativ selten.“ Außerdem entdeckt er einen kleinen Flohkrebs und einen Schnellschwimmer. Der Name des winzigen Käfers erschließt sich beim Blick in die Schale auf Anhieb. Auch mehrere Eintagsfliegenlarven sind dort zu finden. Wie viele Insekten verbringen sie ihre „Kindheit“ im Wasser und verlassen dies erst nach der Verpuppung. Die Tatsache, dass sie sich danach nur noch paaren, ihre Eier ablegen und dann verenden, gab ihnen den Namen Eintagsfliege. Zu diesem Zeitpunkt haben die Tiere aber schon mindestens ein Jahr als Larve im Wasser verbracht. „Die Eintagsfliege lebt also nicht nur einen Tag“, stellt Malte Seibold klar.

Eine Wassertemperatur über 20 Grad ist für Fische ein Problem

Der ungewöhnliche Einblick in die Fauna der Murr war Teil einer Aktion zum „Tag der Artenvielfalt“, die der Naturschutzbund (Nabu) Backnang gestern zusammen mit dem Anglerverein Backnang und dem Landesfischereiverband im Bereich Spitzwiesen hinter dem Sportgelände der TSG-Fußballer anbot. Neben Führungen zu verschiedenen Themen hatten die Besucher auch die Möglichkeit, sich die kleinen Murrbewohner in einer Becherlupe oder unter dem Mikroskop genauer anzuschauen. „Wir wollen den Leuten eine Idee davon geben, was hier alles lebt“, erklärt Anette Rosenbauer vom Nabu Backnang. Aber eben auch, was dort inzwischen nicht mehr lebt.

Dass sich in der Murr heute wieder zahlreiche Lebewesen tummeln, ist durchaus ein Fortschritt, denn in den 1970er-Jahren sei der Fluss „biologisch tot“ gewesen, berichtet Alexander Schaal vom Anglerverein Backnang. Damals leiteten die Lederfabriken ihr Abwasser zum Teil noch ungeklärt in den Fluss. Inzwischen hat sich die Wasserqualität zwar wieder deutlich verbessert, trotzdem ist das Ökosystem noch nicht komplett intakt: „Es gibt weiteren Verbesserungsbedarf“, erklärt Schaal.

Ein Problem seien zum Beispiel die vielen Wehre, die von Fischen nicht überwunden werden können. Dabei sei es sehr wichtig, dass Fischarten wie Barbe oder Forelle ungehindert durch den Fluss wandern können, wie es ihre Natur ist. „Manche legen dabei bis zu 100 Kilometer zurück“, erklärt Schaal. Auch enge Bebauung und fehlende Beschattung am Ufer seien für die Tierwelt schlecht, berichtet Schaal. Steigt die Wassertemperatur über 20 Grad, sei das für viele Fischarten ein Problem. Durch das Pflanzen von Weidenstecklingen am Ufer versuchen die Mitglieder des Anglervereins deshalb schattige und somit kühlere Flussbereiche zu schaffen.

Keine Wiese, sondern ein Grasacker

Ein noch relativ neuer Murrbewohner war am Tag der Artenvielfalt nur in ausgestopfter Form zu sehen, doch dass es in Backnang auch lebende Biber gibt, kann Alexander Schaal vom Anglerverein bestätigen. Ein Jungbiber habe sich im Bereich Oppenweiler-Zell niedergelassen und unternehme auch immer wieder Ausflüge nach Backnang. Seine Bissspuren haben Angler schon im Bereich Pfaffenrinne und sogar in der Nähe des Tesat-Geländes entdeckt.

Zur Artenvielfalt gehört aber auch die Pflanzenwelt, über die die Botanikerin Anette Rosenbauer berichten kann. Die Spitzwiesen würden ihrem Namen kaum noch gerecht: „Das ist keine Wiese, sondern ein Grasacker“, sagt sie beim Blick auf die Grünfläche an der Murr. Lediglich zwei Grasarten, Sauerampfer und Brennnesseln hat sie dort entdeckt, die klassischen Wiesenpflanzen wie Salbei, Glockenblume oder Klappertopf fehlen und mit ihnen die Insekten auf der Suche nach Nektar. Auch hier sei der Mensch die Ursache für die Artenarmut, erklärt Rosenbauer, die als Biologin im Stuttgarter Rosensteinmuseum arbeitet. Zu hohe Nitratbelastung durch Überdüngung führe dazu, dass sich nur noch bestimmte dominante Pflanzen ausbreiten und andere von der Bildfläche verschwinden.