Privatversicherte bescheren Ärzten hohe Zusatzeinnahmen. Auf dem Land ist der Mehrumsatz oft höher als in Städten.
Bei einem Patienten wird der Blutdruck gemessen.
Von Rainer Pörtner
Wenn ein Privatpatient zur Behandlung kommt, darf sich der Arzt freuen. An diesem Patienten verdient er deutlich mehr als an einem, der gesetzlich krankenversichert ist. Und dabei geht es nicht um kleine Euro-Beträge. In Baden-Württemberg bescheren Privatversicherte einem ambulant niedergelassenen Arzt im Schnitt einen jährlichen Mehrumsatz von 83 957 Euro.
Obwohl nur 11,7 Prozent der Bürgerinnen und Bürger im Südwesten in der Privaten Krankenversicherung (PKV) sind, erzielen die Arztpraxen und andere ambulant-ärztliche Versorgungszentren 23,8 Prozent ihrer Umsätze aus deren Behandlung. Diese Zahlen hat der Verband der Privaten Krankenversicherung errechnet.
Es geht um insgesamt 2,16 Milliarden Euro
Er sieht darin einen Beleg, dass es für die Praxen finanziell deutlich schlechter aussehen würde, wenn sie keine Patienten mit PKV-Absicherung hätten. Insgesamt geht es dabei in Baden-Württemberg immerhin um 2,16 Milliarden Euro. Ausweislich einer neuen Erhebung des Verbands, die unserer Zeitung vorliegt, profitieren von diesem Effekt insbesondere Ärzte in ländlichen Regionen.
So erzielt zum Beispiel eine Arztpraxis einer niedergelassenen Ärztin oder eines niedergelassenen Arztes im Großraum Stuttgart einen realen Mehrumsatz von durchschnittlich 63 575 Euro im Jahr. Im ländlichen Landkreis Main-Tauber sind es 96 605 Euro, im Landkreis Waldshut sogar 112 041 Euro pro Jahr. Spitzenreiter ist der Landkreis Neckar-Odenwald mit einem Mehrumsatz von 116 796 Euro.
„Die Mehrumsätze der Privatpatienten tragen damit nachweislich zu einer besseren medizinischen Versorgung in ländlichen Regionen bei“, sagt Thomas Brahm, Vorsitzender des PKV-Bundesverbands. Die Private Krankenversicherung stärke die Standortqualität insgesamt. „Denn ohne ein gutes medizinisches Versorgungsniveau zieht es auch keine jungen Fachkräfte in ländliche Regionen.“
Warum zieht es Ärzte in die Stadt?
Der Mehrumsatz weist den Betrag aus, den das Gesundheitssystem verlieren würde, wenn die Privatpatienten finanziell und ärztlich genauso behandelt würden wie Patienten aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Diese Mehrumsätze entstehen, weil es für die Behandlung von Privatpatienten weniger Beschränkungen und Regulierungen gibt als in der GKV – und oft höhere Honorare für dieselben ärztlichen Leistungen gezahlt werden.
Aber warum liegen die Werte abseits der urbanen Zentren so viel höher als in Großstädten? Der PKV-Verband führt vor allem zwei Gründe an. Zum einen seien Privatpatienten auf dem Land im Durchschnitt älter – und ältere Menschen gehen häufiger zum Arzt. Zum anderen liegen in Ballungszentren die Mieten, Gehälter und anderen Praxiskosten höher als auf dem Land, Mehrumsätze in der Stadt seien deshalb „real weniger wert“. Am Mittwoch will der PKV-Verband seine Zahlen bei einem „Ärztegipfel Südwest“ in Stuttgart öffentlich präsentieren.
Die deutlichen Mehreinnahmen in den ländlichen Praxen verhindern aber offensichtlich nicht, dass sich Ärztinnen und Ärzte lieber in der Stadt niederlassen. In den Landkreisen mit besonders hohen Mehrumsätzen pro Arzt ist die Ärztedichte besonders gering.
Zum Beispiel kommen in dem ländlichen Landkreis Waldshut 135 ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte auf 100 000 Einwohner, im Großraum Stuttgart sind es dagegen 197. Am höchsten ist die Ärztedichte mit 299 in der Zone Freiburg/Landkreis Emmendingen. Dies ist auch die Region mit dem niedrigsten Mehrumsatz.
Für den PKV-Verband zeigen diese Daten, dass die relativ geringe Zahl der Ärztinnen und Ärzte auf dem Land nicht an der Zahl der Privatversicherten liege: „Für die Standortentscheidung von Ärztinnen und Ärzten sind andere Kriterien wie zum Beispiel Urbanisierung und berufliches Umfeld für die Familie maßgebend.“