Spitzenraubtiere der Urzeit

18-Meter-Kraken beherrschten die Kreidezeitmeere

Bisher galten Kraken als Beute von Meeresräubern. Doch vor rund 100 Millionen Jahren durchstreiften bis zu 19 Meter lange Riesenoktopusse die Ozeane. Eventuell stellten sie sogar den gefürchteten Mosasauriern nach.

18-Meter-Kraken beherrschten die Kreidezeitmeere

So könnten die Riesenoktopusse der Kreidezeit ausgesehen haben.

Von Markus Brauer/dpa

Vor 72 bis 100 Millionen Jahren schwammen riesige Oktopusse in den urzeitlichen Ozeanen. Sie waren die größten Räuber der Kreidezeitmeere, wie fossile Kiefer dieser Giganten belegen.

Demnach wurden diese räuberischen Kopffüßer mehr als 18 Meter lang und übertrafen damit selbst die größten Meeressaurier. Mit ihren kräftigen Chitin-Kiefern konnten die Riesenoktopusse selbst harte Schalen und Knochen ihrer Beutetiere knacken, wie Paläontologen im Fachjournal „Science“ berichten.

Gejagter wird zum Jäger

Bisher galten Meeressaurier und Urzeithaie wie den Megalodon als die unangefochtenen Top-Prädatoren der Kreidezeit-Meere. Diese marinen Raubtiere wurden bis zu 17 Meter lang. „Im Gegensatz dazu wurden wirbellose Tiere der Kreidezeit bisher vor allem als Beute angesehen“, erklären Shin Ikegami von der Hokkaido Universität in Japan und seine Kollegen. Die Analyse verändert grundlegend das Bild dieser Gruppe von Kopffüßern (Cephalopoda), die bislang eher als Beute von Meeresräubern galt.

Um sich vor den großen Meeresräubern zu schützen, entwickelten viele wirbellose Tiere harte Schalen und Panzer, während ihre Fressfeinde mit immer kräftigeren Kiefern konterten. Doch eine Gruppe von Wirbellosen ging einen anderen evolutionären Weg.

Statt auf eine immer härtere Panzerung setzten Oktopusse auf einen weichen, flexiblen Körper, der ihnen eine beispiellose Beweglichkeit verlieh und gute Entwicklungsbedingungen für ein ausgezeichnetes Sehvermögen und eine hohe Intelligenz bot. Zudem wuchsen einige Arten zu enormer Größe heran.

18 Meter lange Meeresriesen

Ikegami und seine Kollegen analysierten 27 fossile Oktopus-Kiefer, zwölf davon wurden gerade erst neu entdeckt. Die Funde stammen aus rund 100 bis 72 Millionen Jahre alten Sedimenten der Kreidezeit, die in Japan und Kanada zutage treten. Die Fossilien lassen sich zwei Arten zuordnen: Nanaimoteuthis jeletzkyi und Nanaimoteuthis haggarti.

„Nanaimoteuthis jeletzkyi hatte wahrscheinlich eine Gesamtlänge von 2,80 bis 7,70 Metern und Nanaimoteuthis haggarti wurde wahrscheinlich sogar 6,60 bis 18,60 Meter groß“, berichten die Forscher. Damit übertrafen die größten Exemplare von dieser Kopffüßerart selbst ikonische Meeressaurier wie den rund 17 Meter langen Mosasaurus und den etwa zwölf Meter langen Plesiosaurus.

Kiefer knackten Schalen und Knochen

Die aus Chitin bestehenden Kiefer der Weichtiere ähneln Papageienschnäbel und sind der Körperteil, der am ehesten versteinert. Es kann somit lange Zeiträume überdauern. Die Größe der Oktopusse berechnete das Forscherteam, dem auch der Paläontologe Jörg Mutterlose von der Ruhr-Universität Bochum angehört, aus dem Durchmesser des nur wenige Zentimeter breiten mineralisierten Unterkiefers.

Auffällig war, dass schon bei den Jungtieren die eigentlich scharfen Kiefer der Wirbellosen stark abgestumpft waren. „Diese Abnutzungsmuster deuten darauf hin, dass die riesigen Oktopusse der späten Kreidezeit aktive Fleischfresser waren, die häufig harte Schalen und Knochen zermalmten“, schreiben die Forscher.

Aufschlussreich ist auch die asymmetrische Abnutzung der Zähne. Daher nimmt das Team an, dass die Tiere ihre Beute mit den langen, mit Saugnäpfen-bewehrten Armen ergriffen und zerrissen, die einzelnen Teile dann dem Kiefer zuführten und dabei eine Körperseite bevorzugten. Dies wiederum deute auf eine Spezialisierung von Nervenzellen hin und könne ein Zeichen für fortgeschrittene Intelligenz sein.

Intelligente Räuber

Bei beiden beiden Arten war die rechte Kieferseite stärker abgenutzt war als die linke. Das lässt darauf schließen, dass die Tiere eine Seite bevorzugten. Ein Merkmal, das bei heutigen Kopffüßern mit einem hochentwickelten Gehirn in Verbindung gebracht wird. „Das legt nahe, dass die frühesten Oktopusse bereits über eine fortgeschrittene Intelligenz verfügten.“

Wahrscheinlich nutzten die wirbellosen Giganten ihre flexiblen Arme, um Beute zu fangen und in ihren Schlund zu befördern, wo sie die harten Schalen und Knochen zermalmten. „Unsere Studie zeigt, dass die frühesten, gigantischen Kraken außergewöhnliche wirbellose Tiere waren, die eine Position in der obersten Ebene der Nahrungsnetze der Kreidezeit einnahmen“, resümiert das Forschersteam.

„Wir kennen vielleicht ein Prozent der damaligen Lebewesen“

Bisher sei man davon ausgegangen, dass während der vergangenen 370 Millionen Jahre große Wirbeltiere im Meer an der Spitze der Nahrungskette gestanden hätten, während Wirbellose ihnen als Beute dienten.

„Diese Studie zeigt, dass die frühesten, gigantischen Oktopusse außergewöhnliche Wirbellose waren, die eine Stellung im Oberrang der Nahrungsketten der Kreidezeit erreichten“, erklräen die Wissenschaftler.

Ko-Autor Mutterlose geht von weiteren Entdeckungen aus: „Wir glauben, über die damalige Zeit viel zu wissen“, sagt der Experte. „Aber wir kennen nur vielleicht ein Prozent der damaligen Lebewesen.“