Ein Sterne-Restaurant wird es am Stuttgarter Flughafen zwar nicht mehr geben. Dafür gibt es mehr Auswahl für die Passagiere – von einem lokalen Anbieter und einem Branchenexperten.
Von Kathrin Haasis
Stuttgart - „Vollrauschbube“ steht auf einem der Hawaii-Hemden, „Die Biergurke“ auf einem anderen. Solche Gruppen sind Peter Hallers Lieblingsgäste. „Die wollen Bier und sind zufrieden“, sagt er. Nach diesen „Mallorca-Truppen“ plant der Betriebsleiter die Schichten der Mitarbeiter: Stehen mehrere Urlaubsflüge an, strömen hunderte von Menschen durch die Sicherheitschecks – und direkt auf die Lokale zu, für die er zuständig ist. Vier neue Marken erwarten die Passagiere auf der Abflugseite des Stuttgarter Flughafens, kurz vor den Pfingstferien eröffnete der Branchenriese Casualfood seine letzte Einheit. Mit dem Multi-Gastronomen Michael Wilhelmer ist aber auch ein lokaler Anbieter auf dem Flughafen gelandet.
Die Mallorca-Truppe steuert instinktiv den richtigen Zwischenstopp vor dem Takeoff an: Bei Beans & Barley gibt es Stuttgarter Bier vom Fass oder drei Heineken für acht Euro. Im März vor einem Jahr hatte Casualfood den Zuschlag für vier der sieben gastronomischen Stationen auf der „airside“ erhalten, wie Peter Haller und seine Kollegen den Sicherheitsbereich nennen. Wo bisher Autogrill war, übernahm die Firma, die in den Flughäfen Frankfurt, Düsseldorf und Berlin sowie an mehreren Bahnhöfen Snacks und Speisen verkauft. Im Goodman & Filippo können die Passagiere seit Kurzem von 4 bis 22 Uhr Pasta, Steaks und Burger bestellen, bei Beans & Barley zum Kaffee ein Egg Drop Sandwich (10,90 Euro) oder Nachos Chili Cheese (9,90 Euro) zum Bier. Im Deli an den Gates 320 bis 325 liegt ein Salami-Baguette (6,90 Euro) in der Auslage, im Stock darüber hat Natural Gesundes wie eine Acai Chia Bowl (5,90 Euro) zu bieten.
„Wir haben nicht viel Zeit, den Gast zu überzeugen“, sagt Sabrina Blaschek. Jedes Lokal und jeder Stand verfügt deshalb über eine gut einsehbare Vitrine. Zwar sei die airside entspannter als die Landseite, da die Menschen das Einchecken und Durchleuchten hinter sich gebracht haben. Aber Flughafenrestaurants würden vor dem Besuch nicht gegoogelt, erklärt die Marketing Managerin. was auf dem Weg zum Gate liegt, müsse deshalb sofort ansprechend wirken. Im Idealfall bringen die Passagiere Wartezeit mit, um zum Beispiel im Goodman & Filippo einen Bacon Burger (16,90 Euro) oder Posh Pasta mit Trüffelcreme und Pinienkernen (13,90 Euro) zu verspeisen.
Als Vielflieger musste Michael Wilhelmer bei dem Angebot zuzugreifen: Für den öffentlichen Bereich hatte der Flughafen Stuttgart noch einen lokalen Betreiber gesucht, der Gastronom hatte schon vor der Pandemie sein Interesse bekundet. „Verkehrsgastronomie ist ein sehr interessantes Geschäftsfeld“, findet er. Dass „die attraktive Flugseite“ an einen großen Player gehen würde, sei klar gewesen. Er solle für „den lokalen Fingerabdruck“ in den öffentlich zugänglichen Terminals sorgen. Als Pop-up ist er seit März mit dem Stehausschank Schwabenwelt vertreten, das ein Stück Cannstatter Wasen auf die Abflugebene bringen soll. Erika’s heißt das neue Restaurant nach seiner Mutter im Terminal 2. „Mama war ein Original in Stuttgart“, erklärt ihr Sohn, das Lokal ist seine Hommage an sie.
Unter „Hot Klassiker“ bietet Michael Wilhelmer dort Maultäschle mit Bratensößle (14,90 Euro), Linsen und Spätzle sowie Erikas Käsespätzle (16,90) an. Eine Brezelboutique und eine Stullenbar sowie Lachsbagel (6,90 Euro) oder Pannini mit Mozzarella (8,50 Euro) sind im schwäbischen Lokal noch zu haben. Preislich will er„attraktiv und fair bleiben, was am Flughafen nicht einfach ist“. Gleiches ist auch von Sabrina Blaschek von Casualfoods zu hören. Modern, mit viel Holz und bunten Farbtupfern ist das Lokal gestaltet. Ruhiger geht es zu als auf der airside, ein Paar spielt Karten, ein Gast arbeitet am Computer, ein anderer liest Zeitung. Bald zehn Millionen Passagiere würden auf den Fildern abfliegen und landen, schwärmt Michael Wilhelmer, „es gibt nicht viele Umschlagplätze in Stuttgart mit solchen Zahlen“.
Laut dem Flughafen-Betreiber hätten die Passagiere nun „mit den rund 15 Angeboten land- und luftseitig eine attraktive Auswahl“. Weitere Neueröffnungen stünden aktuell nicht an. Neben McDonald’s gehören Wolke 7 auf der Besucherterrasse, das türkische Restaurant Muskat oder Flybagel sowie Simitci und Manfred’s an den Gates dazu. Casualfood bringt im Laufe des Jahres Costa Coffee auf die Ankunftsebene am Terminal 3, die erste Vertretung der britischen Marke an einem deutschen Flughafen. Das erste Sternerestaurant in einem solchen Verkehrsknoten bleibt dagegen Geschichte, die „Fläche des ehemaligen top air wird langfristig anderweitig genutzt“, teilt die Pressestelle mit.
Im Beans & Barley prostet sich die Mallorca-Truppe mit gefüllten Krügen zu. Daneben wartet eine Familie auf ihren Flug nach Heraklion. „Hier ist es nie leer, immer gut gefüllt“, nennt Peter Haller als eine Besonderheit. Die üblichen Essenszeiten gelten nicht, Bier wird schon morgens um 4.30 Uhr getrunken, Kaffee noch spät am Abend. Wenn Flüge ausfallen, geht es rund. Was sich bei all dem Angebot in seinen vielen Jahren in dem Job aber nicht verändert hat, sind die Bestseller: Die meisten steigen mit einer Brezel oder einem Croissant in den Flieger.