Der ansonsten leise Jonathan Tah gibt nun in der DFB-Verteidigung den Ton an und steht gegen die Elfenbeinküste vor einer besonderen Begegnung.
Am deutschen Nationalspieler Jonathan Tah (Mitte) gibt es kein Vorbeikommen.
Von Carlos Ubina
Winston-Salem - Antonio Rüdiger ist kein Kind von Traurigkeit. Wie er selbst betont. Er kann kräftig austeilen, aber auch einstecken. Körperlich und verbal. Ein Mann-gegen-Mann-Duell stellt daher keinerlei Problem dar für den Abwehrspieler. Andersherum ist es jedoch so, dass viele Angreifer den 33-Jährigen am liebsten weiträumig umlaufen, um nicht mit ihm in Kontakt zu geraten. Denn das kann mit oder ohne Ball wehtun.
Doch die Vorstellung gegen den mächtigen Körper seines Mitspielers Jonathan Tah zu prallen, nötigt selbst Rambo Rüdiger Respekt ab. „Es ist als Stürmer hart, gegen ihn zu spielen“, weiß Rüdiger. Tah ist 1,95 Meter groß, 98 Kilogramm schwer und verfügt schon von Natur aus über einen muskelbepackten Körper. Eine imposante Erscheinung in der Innenverteidigung der deutschen Nationalmannschaft, die auch außerhalb des Platzes mit den stets besonnen gewählten Worten Ruhe ausstrahlt.
Tah ist ein Mann der leisen Töne und charakterlich erscheint er im Grunde als Gegenentwurf zu Rüdiger, der laut und wild sein kann. Aber Rüdiger weiß im richtigen Augenblick Größe zu zeigen – und den Moment sieht der Routinier bei der WM in Nordamerika gekommen: „Jona ist jetzt der Chef.“ Überwindung kostet den abgesetzten Sicherheitsboss diese Aussage nicht. Sie kommt aus Überzeugung. Obwohl oder gerade weil der Star von Real Madrid trotz seiner Erfahrung und Erfolge nur noch auf der Ersatzbank sitzt.
Doch Tah hat sich diese Beförderung im Kreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) durch konstant gute Leistungen verdient. Erst bei Bayer Leverkusen in der Doublesaison und anschließend auf Anhieb beim FC Bayern München. Er stellt ein Abwehrbollwerk auf zwei Beinen dar. An ihm gibt es kaum ein Vorbeikommen. „Den Schub, den er in den vergangenen beiden Jahren noch einmal erhalten hat, ist überragend“, sagt Rüdiger.
Auch den Bundestrainer hat Tahs Entwicklung stark beeindruckt, vor allem nach dem Vereinswechsel. „Eine Top-WM hast du absolut im Kreuz“, sagt Julian Nagelsmann. Breit genug ist Jonathan Tahs Kreuz jedenfalls, um als Stabilisator für die Nationalelf zu dienen und Nico Schlotterbeck („sein linker Fuß ist Gold“, so Rüdiger) an seiner Seite Halt zu geben. Als eine Art Bodyguard für den manchmal lässig erscheinenden Dortmunder.
Der erste Stresstest beim XXL-Turnier erwartet das zentrale Abwehrduo nun an diesem Samstag (22 Uhr/ZDF) in Toronto mit der Elfenbeinküste. Ein wichtiges Spiel für die DFB-Elf, da es nach dem 7:1 gegen Curaçao bereits um den Gruppensieg sowie das garantierte Weiterkommen geht – aber ebenso eine besondere Begegnung für Tah, da es familiäre Verbindungen in das Land des Gegners gibt.
Sein Vater Aquila Tah stammt aus der Elfenbeinküste und der Junior hätte aufgrund seiner Wurzeln auch für das westafrikanische Nationalteam spielen können. 2014 gab es einen Abwerbungsversuch, aber der damals 18-Jährige hat schnell klar gemacht: Nein, danke! In Winston-Salem, dem DFB-Quartier in North Carolina, hat der gebürtige Hamburger jetzt seine Lebensrealität erklärt: „Ich freue mich sehr auf dieses Spiel, weil es schon so ist, dass ich als Deutscher aufgewachsen bin in Deutschland. Aber durch meinen Vater habe ich was von der Kultur mitbekommen und fühle mich auch verbunden mit dem Land.“
Erst kürzlich hat Tah eine Reise in die alte Heimat seines Vaters unternommen. „Die Oma besuchen“, wie er sagt. Sie lebt in Abidjan, der pulsierenden Metropole der Elfenbeinküste.
Im Schlepptau hatte der 30-Jährige seine Frau sowie Cousinen und Cousins aus der Hansestadt. Die Erlebnisse hat er in einem Gespräch mit der Funke-Mediengruppe ausgeführt. Der Fußballprofi wollte eintauchen in das Land seiner Vorfahren, selbst mitbekommen, wie die Leute dort sind. „Die Musik, das Essen, die Kultur“, all die Unterschiede wollte er spüren, um den eigenen Horizont zu erweitern.
Ein Reifeprozess kennzeichnet jedoch nicht nur Tahs Persönlichkeit, sondern ebenso seinen sportlichen Werdegang. Er will nicht stehen bleiben und hat es jetzt zu seiner ersten Weltmeisterschaft gebracht. In verantwortungsvoller Position. Er zählt zum Führungskreis im DFB-Team, hat mit dem Kapitän Joshua Kimmich über die Titelprämie verhandelt und gehörte neben Kimmich und Vizekapitän Kai Havertz zum Spielertrio, das vor kurzem mit dem Bundeskanzler Friedrich Merz telefonierte. Wenige Minuten hat das Gespräch mit Merz gedauert. Lang genug, um versichert zu bekommen, dass nicht nur der Bundeskanzler, sondern ganz Deutschland hinter der Nationalmannschaft auf ihrer WM-Mission steht. Als aufmerksamer Zuhörer sowie als guter Repräsentant hat sich Tah dabei auch auf dem Parkett der Sportdiplomatie erwiesen. In seiner unaufgeregten Art – so wie er ist und spielt.