Strawberry-Gründer Arian Hanifi, Charles Maddock und Sebastian Thunman.
Von Michael Maier
Strawberry will KI zum Teamkollegen machen. Ende Oktober 2026 hat das Stockholmer Startup Version 1.0 veröffentlicht und damit den Bereich der Beta-Version verlassen. Die Zielgruppe in der Geschäftswelt: Vertrieb, Recruiting, Kundenservice oder Marketing. Hinter dem Browser stehen zwölf Beschäftigte und sechs Millionen US-Dollar Finanzierung, unter anderem von EQT Ventures und General Catalyst.
„Eine Art OpenClaw für Firmenkunden“
„Wir sind jetzt stabil und sicher und wenden uns mit der Umgebung an größere Unternehmen“, sagt Mitgründer und CEO Charles Maddock im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das ist eine Art OpenClaw für Firmenkunden“, beschreibt der 25-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht das enorme Potenzial für agentische KI.
Das Tool „OpenClaw“ hatte Anfang 2026 Wellen gemacht, weil sich damit ein eigener KI-Assistent per WhatsApp oder Telegram beauftragen ließ, der selbstständig Aufgaben am Computer erledigte. Zugleich zeigten sich Sicherheitsprobleme: Forscher entdeckten schädliche Erweiterungen, und versteckte Anweisungen in Webseiten oder E-Mails konnten den Assistenten zu unerwünschten Aktionen verleiten. Bei weitreichenden Zugriffsrechten drohte dadurch auch der Diebstahl vertraulicher Daten und Zugangsdaten.
Muse von Facebook macht in den USA Furore
Ähnlich ist das nun bei „Muse“ von Meta, das in den USA täglich hunderttausende Male heruntergeladen wird und zum Beispiel einen Tisch im Restaurant reservieren oder Kino-Karten kaufen kann. Auch das Facebook-Schwesterprodukt erledigt Aufgaben mit Zugriff auf persönliche Dienste und Daten, wenn man diese denn wirklich dem datenmäßig tendenziell übergriffigen Hause Zuckerberg anvertrauen will. Die in Europa bislang nicht offiziell verfügbare App erreichte laut Sensor-Tower-Schätzungen innerhalb ihrer ersten 40 Tage mehr als zehn Millionen Downloads in den USA.
Das zentrale Versprechen bei Strawberry heißt dagegen Sicherheit und „Multiplayer AI“: Nutzer richten sogenannte Companions – also digitale Kollegen – für bestimmte Aufgaben ein und können sie anschließend im Team teilen. Anweisungen, Erinnerungen und Fähigkeiten stehen dadurch auch anderen in der Firma zur Verfügung; Chatverläufe bleiben privat. Der Browser liefert den Arbeitskontext aus geöffneten Seiten und verbundenen Anwendungen. So sollen einmal eingerichtete Abläufe dem ganzen Team helfen.
Ulkige Companion-Figuren von Strawberry
Zum Funktionspaket gehören Routinen nach Zeitplan oder Ereignissen, parallel arbeitende Unteragenten und automatische Meetingnotizen für Google Meet, Zoom und Teams, was zum Teil allerdings auch direkt innerhalb dieser Programme möglich ist. Größere Recherchen lassen sich auf mehrere Agenten verteilen und anschließend zusammenführen. Die Strawberry-Version 1.0 ergänzt unter anderem anpassbare Companion-Figuren und neun vorbereitete Assistenten für verschiedene B2B-Fälle.
Hat der KI-Browser mit den ulkigen Figuren damit das Zeug zum alltagstauglichen persönlichen Sekretariat? „Strawberry ist für den B2B‑Bereich gemacht, aber weniger für Programmierer, die coden und entwickeln wollen“, erklärt Charles Maddock. Er selbst nutze es zum Beispiel zur Verwaltung von E-Mails, für Meeting-Notizen oder um bei LinkedIn Personal zu finden.
Der Autor dieser Zeilen könne aber auch gerne versuchen, seine Meldungen bei der Textverwertungsgesellschaft VG Wort per Strawberry einreichen zu lassen, statt sich manuell fünf Minuten lang mit jedem einzelnen Artikel zu plagen. Verbürgt getestet ist das bisher nicht, es sei aber in etwa 15 Minuten mit ein paar Instruktionen in natürlicher Sprache möglich, meint Maddock.
„Muse for Small Business“ und OpenClaw
Mit all dem trifft Strawberry jedenfalls auf starke Konkurrenz. Metas Muse arbeitet in einer eigenen Cloud-Umgebung mit Browser und adressiert mit „Muse for Small Business“ ebenfalls Geschäftsaufgaben. OpenClaw bietet eine quelloffene, selbst betreibbare Agentenplattform samt Browsersteuerung. Strawberry setzt im Wettbewerb hingegen auf den Browser als einzige Arbeitsoberfläche für alle und einen mutmaßlich einfachen Einstieg für Teams ohne Programmierkenntnisse. APIs müsse man darin nicht mühsam von Hand anlegen, sondern könne vieles einfach per Mausklick verbinden, so das Versprechen der Macher um Charles Maddock.
Als Argument für Unternehmen nennt Strawberry das Thema EU‑Datenresidenz. Log-ins und Passwörter sollen zudem im eigenen Browser bleiben und nicht übertragen werden, heißt es. Für Aktionen lassen sich Freigaben, dauerhafte Erlaubnisse oder Verbote festlegen – entscheidend, wenn die Assistenz E-Mails verschickt oder Geschäftsdaten verändert.
Schutz von Kundendaten und Passwörtern
Beim Schutz von Kundendaten verweist Strawberry auf SOC 2 Type I und II. Diese unabhängigen Prüfungen bewerten, ob die Sicherheitsmaßnahmen zu einem Stichtag angemessen sind (Type I) und über einen längeren Zeitraum wirksam funktionieren (Type II).
Strawberry ist für macOS und Windows verfügbar, mit kostenlosem Einstieg und kostenpflichtigen Tarifen ab 20 US-Dollar monatlich. Die spannende Bewährungsprobe beginnt aber erst nach der Installation: Wie viel Arbeit sparen die famosen Companions tatsächlich? Wie viel Zeit frisst das Ganze beim Einrichten und Herumspielen? Man möge abwägen und gegebenenfalls selbst entscheiden. Oder womöglich doch lieber auf die Zuckerberg-Wundertüte „Muse“ in Europa warten?
Und ohne Anbindung an eine KI funktioniert Strawberry natürlich nicht. Die Modelle von OpenAI, Gemini, Claude oder auch Meta seien dabei aber im Prinzip austauschbar, so zumindest die Ankündigung bei der Produkteinführung. Schließlich will sich keiner von einzelnen Tech-Riesen in den USA abhängig machen. Könnte den Strawberry-Leuten mit Sitz in Stockholm im Kampf von David gegen Goliath ein Achtungserfolg gelingen? Charles Maddock ist überzeugt: „Agentische KI ist das größte Wettrennen des Jahrhunderts – und die größte Chance.“
Lustige „Companions“ von Strawberry sollen die Arbeit erleichtern – so zumindest das Marketing-Versprechen.
„Connected Apps von Strawberry“ – vieles funktioniert mutmaßlich direkt ohne API-Einrichtung.