Allgemeinarzt aus Althütte: Zwischen Arztpraxis und Tonstudio

Seit 2017 führt der Allgemeinarzt Benjamin Tscheuschner in Althütte eine eigene Praxis. Auf Instagram und Linkedin gibt er Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt und erreicht damit Tausende Menschen. Anfang des Jahres hat er außerdem einen eigenen Podcast gestartet.

Allgemeinarzt aus Althütte: Zwischen Arztpraxis und Tonstudio

In seinem Studio oberhalb der Arztpraxis in Althütte nimmt Benjamin Tscheuschner neue Podcastfolgen auf – entweder solo oder mit wechselnden Gästen. Foto: Alexander Becher

Althütte. „Ich lese seinen Namen auf der Warteliste. Er ist als Nächstes dran. Seit der Krebs-Diagnose haben wir uns nicht mehr gesehen“, schreibt Benjamin Tscheuschner in einem Beitrag auf Instagram. „Ich rufe seinen Namen auf. Die Blicke treffen sich. In meinem Hals bildet sich ein Kloß.“

Es sind Schilderungen wie diese, mit denen der Psychotherapeut, Ernährungsmediziner und Facharzt für Allgemeinmedizin in dem sozialen Netzwerk sowie auf Linkedin ein großes Publikum erreicht und mitunter Tausende Reaktionen hervorruft. „Mir haben sehr viele geschrieben, dass diese Texte etwas mit ihnen gemacht haben“, sagt Tscheuschner.

Es ist nur eines von mehreren Beispielen dafür, dass der Mann, der sich einfach als Ben vorstellt und im Jahr 2017 die Hausarztpraxis von Walter Mast in Althütte übernommen hat, in vielerlei Hinsicht nicht der gängigen Vorstellung eines nüchternen oder gar unterkühlten Arztes entspricht. „Unperfektion verbindet“, sagt Tscheuschner, der in Schorndorf lebt, geschieden und Vater eines Sohns und einer Tochter ist. „Das Menschliche gehört zum Arztberuf dazu und ich glaube, dass die menschliche Medizin eine effektivere und schnellere ist.“ Angemessene Professionalität gehöre aber selbstverständlich ebenso dazu. „Ich gestehe mir die Empfindung zu, aber auch erst dann, wenn der Patient, der vielleicht eine schwere Diagnose erhalten hat, draußen ist. Wenn er das Gefühl bekommt, dass der Arzt selbst daran zerbricht, wäre das schwierig.“

Podcaster und Erzähler

Der Mediziner macht sich mit seinen Texten nicht nur nahbar, sondern auch verletzlich – damit trifft er offenkundig einen Nerv. Die große Resonanz bleibt nicht unbemerkt: Von Stefanie Hock wird er in deren Podcast „Gesund sein“ eingeladen und findet Gefallen an dem Format, obwohl er selbst eigener Aussage zufolge kein intensiver Podcastkonsument ist. „Ich liebe aber schon immer intensive, tiefe Gespräche. Das macht mir wahnsinnig Spaß.“

„Sprechstunde mit dem Leben“ heißt der Podcast, den er daraufhin selbst ins Leben ruft und in dem seit Jahresbeginn einmal monatlich eine neue Folge auf Youtube und Spotify erscheint. Mithilfe eines Agenten, der ihn bei den ersten Folgen begleitet und sich um die technische Ausstattung und Veröffentlichung kümmert, hat der Schorndorfer bislang zwei einleitende Solofolgen veröffentlicht und außerdem zwei Gesprächsgäste empfangen: In einer Folge unterhält er sich mit der Kölner Künstlerin Andrea Wycisk, in der neuesten Ausgabe von Anfang April spricht er mit dem Fachanwalt für Familienrecht Daniel Jans vor allem über das Thema Scheidung. Weitere Gäste hat er bereits im Blick. „Ich beobachte meine Gäste vorher lange oder kenne sie schon, sodass ich genau weiß: Wenn ich mit denen rede, dann kommen wir zu einer Tiefe, die eine Resonanz beim Zuhörer hervorruft.“

Es ist also kein Medizinpodcast, zu dem Tscheuschner einlädt, gleichwohl „Sprechstunde mit dem Leben“ viel mit seinen Vorstellungen von Patientenfürsorge zu tun hat. „Meine Patienten schätzen es sehr, dass ich sie sehe und ihnen zuhöre. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich das nicht nur demjenigen anbieten, der mir als Patient gegenübersitzt, sondern noch mehr Menschen zugänglich machen?“ In seiner Praxis hat er bereits einen Arzt angestellt, nach einem weiteren sieht er sich derzeit um, sodass er sich zukünftig noch mehr seinen Projekten widmen kann. „Was ich gut kann, das ist, Menschen zu begegnen, und dafür wollte ich einen Raum schaffen.“ Bei den Patienten, deren Geschichten er literarisch verfremdet, sodass sie darin nicht zu erkennen sind, scheinen seine Aktivitäten auf Social Media und Spotify jedenfalls gut anzukommen. „Das Feedback ist bisher durchgehend positiv“, sagt er. „Zuzuhören tut ihnen gut. Es ist ein wenig, als würden sie mit am Tisch sitzen. Das ist ja auch die Idee dahinter.“ Aus der Ärzteschaft erhalte er hingegen nur selten Rückmeldung. „Ich weiß aber, dass es viele stille Mitleser gibt.“

Ein großer Bruch vor acht Jahren

Für Benjamin Tscheuschner selbst, der 1981 in Warstein in Nordrhein-Westfalen geboren wurde, ist dieser Fokus auf Dinge, die ihn interessieren und berühren, allerdings keine Selbstverständlichkeit. „Vor etwa acht Jahren gab es einen großen Bruch in meinem Leben“, verrät er. Aufgewachsen in einem stark konservativ-religiösen Umfeld, habe er lange in völliger Anpassung einfach nur funktioniert. „Ich habe Patienten behandelt und hatte dabei das Gefühl, ich bin bloß noch ein Feuerlöscher.“ Die Selbsterfahrung im Rahmen einer psychotherapeutischen Weiterbildung habe dann eine große Rolle dabei gespielt, das zunehmend zu hinterfragen. „Ich habe mich langsam kennengelernt und verstanden, was mir eigentlich liegt und was ich mag.“

Dazu zählt nicht zuletzt das Schreiben. Tscheuschner arbeitet nämlich auch an einem Buch – einem psychologischen Roman zum Thema Identität. „Es ist sehr emotional mit autobiografischen Anteilen. Deshalb ist die Arbeit daran anstrengend.“ Beim Entstehungsprozess wird er von einer Lektorin der Textmanufaktur, einer Schreibschule, begleitet. Wenn das Werk fertig ist, will er sich damit auf Verlagssuche begeben. Auf einen Bestseller hofft er dabei nicht, denn mit seiner Literatur verfolgt er dasselbe Ziel wie mit seinem Podcast: „Mir geht es nicht darum, schnell zu wachsen und bekannt zu werden, sondern ich will ein Publikum haben, das es bewegt, was ich tue. Das ist mir viel wichtiger.“