Erbe Elektromedizin Tübingen

Alte Firma, neue Stellen, steigender Umsatz

Auch 175 Jahre nach der Gründung will das Tübinger Unternehmen Erbe Elektromedizin weiter wachsen.

Alte Firma, neue Stellen, steigender Umsatz

Historische Aufnahme aus einer Erbe-Werkstatt

Von Ulrich Schreyer

Christian O. Erbe zeigt ein Instrument, an dem vorne eine kleine Schere angebracht ist. Mit dem Finger fährt der geschäftsführende Gesellschafter von Erbe Elektromedizin in Tübingen über die Schere. Es passiert nichts. Sobald aber Strom in das Instrument fließt, wird die Schere messerscharf. Strom – das war und ist wichtig. Ohne Strom keine Elektromedizin.

Strom hilft deshalb auch, den Umsatz zu steigern. 493 Millionen Euro konnten im vergangenen Jahr verbucht werden – für 2026 ist eine Steigerung auf 525 Millionen Euro vorgesehen. Vor gut zehn Jahren waren es noch etwa 183 Millionen Euro. Der aktuelle Auslandsanteil liegt bei 87 Prozent.

2200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit

Aber auch China spielt eine wichtige Rolle. Beschäftigt werden weltweit 2200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Jedes Jahr kommen etwa 100 neue dazu“, sagt Christian O. Erbe. Etwa 1000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind in Tübingen tätig, am Standort Rangendingen arbeiten 300 und 120 in der neuen Tochtergesellschaft Erbe Vision in Sexau bei Emmendingen. Weitere Produktionsstätten gibt es in den USA und in Frankreich. China, wo bereits mit 100 Mitarbeitenden für den dortigen Inlandsmarkt produziert wird, soll ausgebaut werden. Damit sollen die Vorgaben der Regierung beachtet werden, dass für den Verkauf im Land auch möglichst viel dort selbst hergestellt wird.

Das 2024 eingeweihte Werk in Rangendingen war mit 90 Millionen Euro nicht nur die größte einzelne Investition in der Geschichte des Unternehmens, für das Gebäude wurde auch viel Holz verwendet und eine Photovoltaikanlage auf das Dach gesetzt. Geplant sind dort auch Wohnungen für Beschäftigte.

Ladesäulen für E-Autos

Auch in Tübingen sollen die Bagger anrollen: Neben der Firmenzentrale ist ein Parkhaus mit 600 Stellplätzen und Ladesäulen für Elektroautos geplant. Dazu kommen Lademöglichkeiten für Fahrräder und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Den jetzigen Parkplatz braucht das Unternehmen, um dort ein neues Gebäude für die Verwaltung zu bauen. „Die Erträge sind auskömmlich“ meint Erbe, der das Unternehmen zusammen mit seinem Schwager Reiner Thede in der fünften Generation leitet.

Immer wieder wurden neue elektromedizinische Geräte auf den Markt gebracht, so etwa eines, mit dem Wunden geschweißt statt genäht werden können oder mit denen – auch mit Hilfe des Stroms - Blutungen im Gewebe gestillt werden können. Zum Programm gehören neben einer Vielzahl von Instrumenten auch elektromedizinische Geräte, mit denen mit einem scharfen Wasserstrahl geschnitten wird. Einzelne Gerätschaften indes wurden auch aufgegeben: Etwa, weil die Anzahl zu gering und die regulatorischen Anforderungen zu hoch waren – das war dann nicht mehr wirtschaftlich.

Auch in der Firmengeschichte wurden die Weichen immer wieder neu gestellt. Gehandelt wurde unter anderem mit Brillen und Mikroskopen.

Angefangen hatte alles im Jahr 1851, als Christian Erbe in Tübingen am Holzmarkt 3 eine Mechanikerwerkstatt und einen Laden eröffnete. Seitdem tragen die erstgeborenen Söhne den Vornamen Christian. Großer Wert wurde in der Vergangenheit stets auf eine gute mechanische Ausbildung der Inhaber gelegt, zudem wurden Kurse an der Universität Tübingen besucht.

Über eine Gewerbeausstellung von 1852 in Reutlingen hieß es, „die feineren Metallwaren“ habe „Mechanikus Erbe von Tübingen“ ausgestellt. Dieser zeigte unter anderem Thermometer, Barometer und Waagen. Weltweit wurden Kunden mit Brillen beliefert.

Von der Weltausstellung in Chicago kehrte Erbe 1893 mit einer Bronzemedaille für ein Gerät zurück. Christian Gottlieb Erbe, der Sohn des Firmengründers, stellte auch etliche Mitarbeiter ein. Sein Vater hatte noch darauf verzichtet, getreu dem Motto, „was man nicht selbst macht, wird nix“. Als die Fotografie immer bedeutender wurde, handelte Erbe auch mit Fotoapparaten.

Auch Frauen führten den Konzern

Auch Frauen waren zeitweise Geschäftsführerinnen – weil der Mann zu früh verstarb, führten sie den Betrieb weiter. So etwa Pauline Erbe, die nach dem Tod ihres Mannes auch weiter den Titel als „Königlich-Württembergischer Hoflieferant“ führen durfte. 1926 brachte Erbe das weltweit erste tragbare Röntgengerät auf den Markt – eine Sensation in der Fachwelt, wirtschaftlich aber kein Erfolg. Schon zuvor hatte es um das Jahr 1900 Röntgenaufnahmen ausgestellt, eine Kundin aber empört sich darüber, dass etwas derart Unanständiges wie ein Bild vom Inneren des menschlichen Körpers ins Schaufenster gestellt werde.

Rangendingen etwa, aber auch die neue Tochtergesellschaft Erbe Vision mit Endoskopen und Kameras, die in den menschlichen Körper eingeführt werden – das waren wichtige Schritte der letzten zehn Jahre. Der Handel mit Brillen und ähnlichem dagegen wurde 1988 aufgegeben.

175 Jahre Erbe – das sei auch gelungen, weil sich das Unternehmen immer wieder neu erfunden habe, meint Christian O. Erbe. So sei „aus der kleinen Werkstatt ein weltweit tätiges Unternehmen geworden“.

Persönliches

IHKDer 1961 geborene Christian 0. Erbe war von 2010 bis 2025 Präsident der Industrie- und Handelskammer Reutlingen. Von Oktober 1922 bis November 2025 war er zudem Präsident des Baden-Württembergischen IHK-Tags.

BDISeit März 2025 ist Erbe Vorsitzender des Ausschusses für industrielle Gesundheitswirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). ey